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    WiesbadenMarco Goecke: Tanz mit umgekehrten Verhältnissen

    Marco Goecke (45) gilt als ebenso überragender wie eigentümlicher Erneuerer des Balletts im frühen 21. Jahrhundert - jetzt feierte das Publikum der Wiesbadener Maifestspiele sein Stück "Nijinski" über das Leben des russischen Wundertänzers.

    Faszinierende Präzision: „Nijinski“ in Wiesbaden  Foto: Regina Brocke
    Faszinierende Präzision: „Nijinski“ in Wiesbaden
    Foto: Regina Brocke

    Von unserem Autor Andreas Pecht

    In übersichtlich kurzer Zeit hat sich Marco Goecke als einer der innovativsten Choreografen der internationalen Szene etabliert. Denn er hat aus dem Formenkanon des klassischen Tanzes nicht etwa noch eine weitere Spielart verwandter Neoklassik entwickelt, sondern einen völlig neuen, ganz eigenen Stil abgeleitet. Der gebürtige Wuppertaler ist Hauschoreograf bei zwei Weltklasse-Compagnien, seit 2012 beim Netherlands Dance Theater und schon seit 2005 beim Stuttgarter Ballett an der Staatsoper. 2016 hat Goecke mit dem benachbarten Tanzensemble von Eric Gauthier am Theaterhaus Stuttgart ein abendfüllendes Stück über die Ballettlegende Pawlaw Nijinksi erarbeitet. Diese Produktion war jetzt zu Gast bei den Maifestspielen Wiesbaden – und ließ die Zuseher im Hessischen Staatstheater gehörig staunen.

    Wie bei der Stuttgarter Premiere übernimmt es auch hier Compagniechef Gauthier, vorweg von der Bühne aus launig das Geschehen in der Choreografie seines Kollegen zu erläutern. Doch sind es anschließend erst mal gar nicht die Aspekte aus Nijinskis Biografie und Psychologie, die primär interessieren. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht vielmehr zuvörderst Goeckes nicht nur hierorts so ungewohnte stilistische Handschrift. Formale Strenge und höchste Präzision sind durchgängig prägend. Ob Soli oder Formationen: Sämtliche Gesten, Bewegungen, Figuren unterliegen dem unnachgiebigen Gebot millimeter- und zeitexakter Akkuratesse.

    Allenthalben herrscht Reduktion

    Kein Moment wirkt improvisiert oder frei fließend. Wir haben es mit einer im zeitgenössischen Tanz eher selten gewordenen, zur rein symbolischen Kunstform überhöhten Ausdrucksweise zu tun. Das alles erinnert ans ästhetische und tanztechnische Reglement der Ballettklassik – und ist doch etwas ganz anderes. Im Unterschied etwa zu John Neumeiers opulent ausstaffiertem und sich über drei Stunden in verzweigten Erzählsträngen ergehendem „Nijinski”-Handlungsballett aus dem Jahr 2000 herrscht bei Goecke allenthalben Reduktion. Sein 80-minütiger Abend zu Klavierkonzerten von Chopin und dem Faun-Prelude Debussys dekliniert auch nicht erzählerisch das Leben Nijinskis durch. Er zeigt stattdessen Momente und Aspekte aus dem Spannungsgefüge zwischen Kunst, Mensch, Karriere und schließlich Tragik, die von Selbstzweifeln des Künstlers genährt wird und im Wahnsinn des Menschen Nijinski endet.

    Nachtschwarz ausgekleidet, ansonsten aber völlig leer ist die Bühne. Die Kostüme der 15 meisterlich tanzenden Akteure bestehen bei beiden Geschlechtern aus dunklen Anzughosen plus eng anliegenden hellen Shirts oder bei den Herren bisweilen nacktem Oberkörper. Das gesamte Äußere strahlt elegante Klarheit aus – und so mutet auch der eigenwillige Bewegungsstil an, der Goeckes Arbeit seit einigen Jahren auszeichnet und der sich von den übrigen Strömungen in der heutigen Ballettszene unverwechselbar unterscheidet.

    Da wird eine Vielzahl genauestens abgezirkelter Figuren und Haltungen zur staccatoartig wechselnden oder sich in schnellstem Tempo mehrfach wiederholenden Folge gepackt. Da flattern, vibrieren, kreisen Finger, Hände und Arme in präzise synchronisiertem Tremolo.

    Die Beinarbeit ergänzt

    Überhaupt sieht man kaum modernen Tanz derart auf Arm- und Oberkörperausdruck konzentriert wie bei Goecke. Er dreht die gewohnten Verhältnisse quasi herum, macht Oberkörper, Kopf und auch Gesichtsausdruck zum Ausgangspunkt seiner Tanz- oder nicht selten Pantomimefiguren – während die Beinarbeit dienende oder ergänzende Funktion übernimmt, das freilich mit einem nicht minderem Anspruch auf maximale Kunstfertigkeit.

    Goeckes Stil ist ein Faszinosum, sein „Nijinski” ein Meisterwerk, das in Wiesbaden auch entsprechend bejubelt wurde. Es bleibt allerdings beim Betrachter ein Hauch von Unwohlsein darüber, dass nun das unerbittliche Formendiktat der Ballettklassik in dieser auf ganz andere Art perfektionierten Präzisionsästhetik wiederkehrt.

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