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Remagen

Leitthema Keramik: Das weite Feld junger Kunst

Andreas Pecht

So ist es inzwischen Tradition: Jeder Jahrgang der Stipendiaten des Künstlerhauses Schloss Balmoral in Bad Ems und des Landes Rheinland-Pfalz präsentieren ihre Abschlussarbeiten mit einer gemeinsamen Ausstellung im Arp Museum Remagen-Rolandseck. Für ihre am Sonntag eröffnete Präsentation haben die 15 Stipendiaten 2017/18 den Titel „Es dauert. Es ist riskant. Es bleibt womöglich für immer“ formuliert.

Foto: Julie Freichel/Arp Museum

Das Motto passt zu vielen Prozessen in der Kunst. Er passt besonders gut zum Umgang mit einem der ältesten Materialien des menschlichen Kunstschaffens überhaupt: dem Ton. Die kreative Auseinandersetzung mit der Keramik war den für einige Monate im Schloss Balmoral weilenden Künstlern der jüngsten Generation als Leitthema gestellt.

Enorme Bandbreite

Dadurch ergab sich für diesen Jahrgang eine Verbindung mit der Tradition der Tonverarbeitung im nördlichen Rheinland-Pfalz. Weshalb heuer zwei regionale Institutionen als Partner mit im Boot waren: das Institut für Künstlerische Keramik und Glas in Höhr-Grenzhausen sowie Ebinger-Schnaß Keramik in Bad Ems.

Die Bandbreite der Arbeitsergebnisse ist enorm, die Kuratoriumsstipendiatin Olga Vostretsova sinnfällig zu einer spannenden Ausstellung zusammengeführt hat. Das war kein einfaches Unterfangen, denn zur keramischen Thematik der neun Balmoral-Stipendiaten treten die Arbeiten ohne Themavorgabe der Landesstipendiaten anderwärts, etwa in Paris, New York und Seoul.

So hat etwa Berit Jäger von ihrem halbjährigen Aufenthalt in der französischen Hauptstadt großformatige Fotodokumente ihres anfangs schier verzweifelten Ausgesetztseins in einem riesigen, leeren Atelier dort mitgebracht. Emma Adler hingegen ließ sich in New York zu einer Installation inspirieren, die wie ein Laboratorium wirkt, in dem unter künstlicher Sonne auf Bildschirmen aus wissenschaftlichen Fakten Verschwörungstheorien und abstruse Fakes entstehen. Was ist in der Mediengegenwart noch Wahrheit, was nur Manipulation? Claudia Schmitz‘ Werk aus schwebendem Koreapapier vor vagen Videoimpressionen aus beiden Teilen Koreas bekommt just in diesen Tagen die ungeahnte weltgeschichtliche Dimension der hoffnungsvollen Wiederannäherung beider Landesteile.

Hintergründigkeit, Doppelbödigkeit, Schönheit, auch Witz ist den keramischen Exponaten eigen. Yvonne Roebs Wandinstallation aus Brüsten, zwischen denen sich Schlangen winden, protestiert auf eigene Weise gegen den biblisch begründeten Mythos: Die ewige Entente aus Frau und Schlange vertreibe allweil den unschuldigen Mann aus dem Paradies. Die Südkoreanerin Hayoen Kim begiebt sich auf Forschungsreise durch europäische Kunstgeschichte, überträgt ihre Entdeckungen mittels Fayencemalerei auf Kacheln. Da begegnen sich Albrecht Dürer und Joseph Beuys oder trifft Kasimir Malewitsch auf Jan van Eyck.

In mehrfachem Sinne aus Feuer geboren sind die Skulpturen „Oology“ der Emma Perrochon. Den im Keramikofen gebrannten Flamingo – auf dessen lateinischen Namen der mythische Phoenix zurückgeht – schweißt sie in Glaskugeln ein. Hochpolitisch ist der Beitrag des Kongolesen Lambert Mousseka, der ein ganzes Dorf seines Heimatlandes nachgestaltet hat, dessen Bewohner sich unter der Parole „Dieses Grundstück steht nicht zum Verkauf“ gegen Ausplünderung und Vertreibung wehren.

Portallöwe nagt am Knochen

Daniel Wetzelberger befasst sich mit Stoffen, die ihm Schloss Balmoral selbst bot. Die Bruchkanten von im Keller gefundenen Motivfließen inspirierten ihn zu keramischen Bilderrahmen fast barocker Anmutung. Den Portallöwen von Balmoral schob er abgenagte Keramikknochen unter die Tatzen – und machte, wie auch andere Stipendiaten, beim Herstellungsprozess die schmerzhafte Erfahrung: Arbeit mit Keramik ist riskant, denn das letzte Wort hat der Brennofen. Wiederum abseits des keramischen Themas spielt die Arbeit von Ingo Bracke.

Seit seinem Lichtprojekt 2008 an der Loreley ist er am Mittelrhein kein Unbekannter. Im Foyer des Arp Museums eröffnet er den Rundgang durch die Stipendiat-enausstellung mit einer Licht-Musik-Installation, die in einem Dunkelraum nach historischer Dioramamanier den wechselnd illuminierten Loreley-Felsen zeigt, während aus dem Off Kunstlieder und Opernsequenzen zum Loreley-Sujet erklingen.

Die Ausstellung ist bis zum 15. Juli 2018 zu sehen. Weitere Infos: www.arpmuseum.org

Von unserem Autor Andreas Pecht

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