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    Kritischer Vorabend zur documenta: Athen erwartet die Barbaren aus dem Norden

    Und immer wieder: Beethoven. „Freude schöner Götterfunken“ kräht ein Sänger im Minutentakt mit Megafon vom Balkon des verfallenden Bageion-Hotels auf den Omonoia-Platz mitten in Athen. Dutzende Flüchtlinge, die hier Woche um Woche verbringen, staunen nicht schlecht über die Musikkarambolage, die als „Europe Clock“ eine schräge Kuckucksuhr gibt.

    Seit Jahren steht das innen atemberaubend prächtige Bageion-Hotel am zentralen Omonoia-Platz leer – und verwittert. Für die ersten Wochen der sechsten Athener Biennale ist es Heimatbasis eines gemeinnützig organisierten Kunstprojektes, und nicht nur das Biennale-Motto „Warten auf die Barbaren“ legt Bezüge zur documenta in Athen nahe. Foto: Ambrosius
    Seit Jahren steht das innen atemberaubend prächtige Bageion-Hotel am zentralen Omonoia-Platz leer – und verwittert. Für die ersten Wochen der sechsten Athener Biennale ist es Heimatbasis eines gemeinnützig organisierten Kunstprojektes, und nicht nur das Biennale-Motto „Warten auf die Barbaren“ legt Bezüge zur documenta in Athen nahe.
    Foto: Ambrosius - Claus Ambrosius

    Flüchtlinge, Passanten und über den Abend einige Hundert Besucher werden mehr oder weniger zufällig Zeugen der Eröffnung der Athener Biennale. Biennale? Ist nicht in Athen gerade ...? Richtig. Eigentlich steht die griechische Hauptstadt ganz im Zeichen der documenta 14. Erstmals wagt die Weltkunstausstellung einen großen Abstecher außerhalb ihrer Kasseler Stadtmauern, nennt diesen „gleichberechtigten Standort“ – und gibt dafür das kryptische Motto „Von Athen lernen“ aus.

    Ob documenta-Chef Adam Szymczyk das Motto schon bedauert hat? Seine Erklärungen, was „Lernen von ...“ denn bedeuten kann, scheinen seit Vorstellung dieser Vision vor drei Jahren eher weitschweifiger denn präziser zu werden. Von wem wenn nicht von Athen solle man denn lernen, heißt es dann etwa: Schließlich wurde hier einst die Demokratie erfunden und wird es vielleicht aufs Neue in diesen Tagen. Da passt es wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge, dass sich die sechste Athener Biennale für zeitgenössische Kunst, die ihren Auftakt frech genau vor den documenta-Start platziert hat, als Jahresmotto „Waiting For The Barbarians“ – „Warten auf die Barbaren“ auserkoren hat. Eine klare Ansage in Richtung Deutschland, wo ein Bundesfinanzminister noch vor Kurzem die Griechen aufforderte, endlich ihre „Hausaufgaben zu erledigen“?

    Ganz so einfach und offensiv wird eine solche Kritik nicht angesprochen – aber es geht natürlich um all das und mehr, etwa beim Auftritt von fünf als Piraten kostümierten Gestalten im verwitterten Prunksaal des Bageion-Hotels. Bierernst tragen sie Manifeste vor, ordnen fünfmal unter verschiedenen Vorzeichen Grundsätzliches und Aktuelles weihevoll ein. Einer der Piraten gibt den Propheten von wahr und falsch, wird somit quasi Vertreter heutiger Populisten. Der andere wird zum Vertreter vermeintlich wilden (Ur-)Völker und des folkloristischen Firlefanzes, der um sie – oft genug unter dem Deckmantel des „Lernen von ...“ – getrieben wird. Fyta heißt das ambitionierte Künstlerkollektiv – „Pflanze“. Und das Pflanzen ist wörtlich gemeint: „Wir wollen, dass die Leute über unsere Gedanken diskutieren, dass sie wachsen“, sagt Fil Ieropoulos, einer der fünf Piraten. Und: „Ja, natürlich kann man das auch auf die documenta beziehen. “

    Deren Direktor, so wird hier berichtet, war 2013 bei der Biennale zu Gast – dort wurde womöglich die Idee zum Tandem Kassel/Athen geboren. Umso unverständlicher, dass es zwischen beiden Kunstprojekten keine Zusammenarbeit gibt: „Es gab einen Moment, wo eine Kooperation möglich erschien“, erklärt Ieropoulos. „Aber nach allem, was wir darüber gehört haben, gab es nie die Situation, dass man das Gefühl hatte: Es könnte um eine echte Zusammenarbeit auf Augenhöhe gehen.“

    Fil Ieropoulos (links) und Foivos Dousos vom Künstlerkollektiv Fyta haben mit ihrer Performance die sechste Biennale von Athen miteröffnet. Der von morgen an für die Öffentlichkeit geöffneten documenta 14 und deren Motto „Von Athen lernen“ stehen nicht nur sie kritisch gegenüber.
    Fil Ieropoulos (links) und Foivos Dousos vom Künstlerkollektiv Fyta haben mit ihrer Performance die sechste Biennale von Athen miteröffnet. Der von morgen an für die Öffentlichkeit geöffneten documenta 14 und deren Motto „Von Athen lernen“ stehen nicht nur sie kritisch gegenüber.
    Foto: Claus Ambrosius

    Das Motto „Von Athen lernen“ wurden von vielen der jungen Künstler, die bei der Biennale mitmachen, bestenfalls zwiespältig aufgenommen, viele Vorurteile kollidieren, auf griechischer Seite ist die tiefe Enttäuschung darüber zu spüren, immer nur über die antike Vergangenheit wahrgenommen zu werden, während kaum jemand an aktuellen Entwicklungen Interesse zeige. Auch deswegen wird „Lernen von Athen“ möglicherweise ungerechtfertigt als „Charity“-Attitüde wahrgenommen – als Wohltätigkeit, bei der man es, frei übersetzt, den chronisch armen Griechen einmal richtig vormachen könnte.

    Wie hätte es besser laufen können? Fil Ieropoulos und sein Mitpirat Foivos Dousos entwerfen spontan zwei Szenarien: „Für eine Schau zur über Jahrhunderte schwierigen Beziehung von Deutschen und Griechen gäbe es sehr viel Stoff.“ Oder, setzt Ieropoulos noch einen drauf: „Warum hat man keine Ausstellung gemacht: ,Von Berlin lernen' – mit Kunst aus Deutschland, die hier gezeigt wird?“ Das wäre auf jeden Fall eine klare Reibungsfläche.

    Außerhalb von Kunstszene und Biennale geistern noch ganz andere Vorboten der documenta 14 durch die griechische Öffentlichkeit: Deutlich fällt der Protest von Tierschützern am Projekt der Pferdestaffel aus, die am morgigen Samstag von Athen aus nach Kassel aufbrechen soll. Und viele Hausbesitzer hoffen darauf, dass viele der Zigtausenden gut betuchten documenta-Gäste nicht nur für ein paar Tage Geld in der Stadt lassen: Sie zählen auf einen Immobilienboom in der Stadt, in der funkelnder Luxus und unglaubliches Leid manchmal nur wenige Meter voneinander entfernt liegen.

    Informationen unter www.athensbiennale.org/en

    Aus Athen berichtet unser Kulturchef Claus Ambrosius

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