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Neuwied-Engers

Kristjan Jarvi: Ein junger Wilder und sein Orchester

Lieselotte Sauer-Kaulbach

Sein zehn Jahre älterer Bruder Paavo Järvi ist Chefdirigent des Festivalorchesters des Kissinger Sommers, hinter dem sich kein Geringerer als die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen verbirgt. Da ist es nicht so erstaunlich, dass sein jüngerer Bruder Kristjan, amerikanisch-estnischer Pianist, Komponist, Gründer und Dirigent des Baltic Sea Philharmonic, die „Nordic Pulse“-Tournee mit einem Konzert am 7. Juli beim Kissinger Sommer startet. Mit dieser Tournee feiert das Orchester seinen zehnten Geburtstag sowie den 100. Geburtstag einiger baltischer Staaten. Schon eher bemerkenswert ist, dass Järvi mit seinen Musikern in der Landesmusikakademie in Neuwied-Engers fünf Tage lang am Feinschliff fürs Tourneeprogramm arbeitet.

Eine fixe Idee hat sich zum professionellen Sinfonieorchester entwickelt: Baltic Sea Philharmonic bringt junge Musiker, Frauen wie Männer, aus allen zehn Anrainerstaaten der Ostsee zusammen. Dirigent Kristjan Järvi brachte den Stein für die Initiative ins Rollen, die jetzt in der Musikakademie in Neuwied-Engers am Feinschliff für die aktuelle Tournee probt. Beim Probenbesuch erklärt Järvi, warum in diesem Orchester nicht jeder Ton sitzen muss.  Foto: Adamik
Eine fixe Idee hat sich zum professionellen Sinfonieorchester entwickelt: Baltic Sea Philharmonic bringt junge Musiker, Frauen wie Männer, aus allen zehn Anrainerstaaten der Ostsee zusammen. Dirigent Kristjan Järvi brachte den Stein für die Initiative ins Rollen, die jetzt in der Musikakademie in Neuwied-Engers am Feinschliff für die aktuelle Tournee probt. Beim Probenbesuch erklärt Järvi, warum in diesem Orchester nicht jeder Ton sitzen muss.
Foto: Adamik

Orchester rund um die Ostsee

Die Idee zur Orchestergründung wurde beim Usedom Musikfestival geboren – die Idee, junge Musiker, Frauen wie Männer, aus allen zehn Anrainerstaaten der Ostsee zusammenzubringen. Tausende haben sich darum beworben, im Orchester mitspielen zu dürfen, rund 700 schafften es in den vergangenen zehn Jahren. Die Förderung seiner jungen Kollegen ist Järvi, 1972 in Tallinn geboren, 1980 mit seiner Familie in die USA emigriert, ein Herzensanliegen. Das setzt er in unterschiedlichsten Orchesterprojekten genauso um wie in Workshops für Komponisten und Dirigenten, in Angeboten der dem Orchester angegliederten Akademie. Es geht ihm besonders um Förderung am häufig heiklen Übergang vom Studium zum Beruf.

Was zunächst als Baltic Sea Youth Orchestra begann, entwickelte sich rasch zum professionellen Sinfonieorchester mit Auftritten bei renommierten Festivals, in großen Konzertsälen, mit Solisten wie Gideon Kremer und Julia Fischer. Und nun dient die Aula des Heinrich-Hauses in Engers als Probenbühne.

Rund 80 Musiker zwischen 20 und 30 Jahren sind angereist. Gearbeitet wird an Tschaikowskys „Dornröschen“, das neben beachtlich viel Zeitgenössischem auf dem Programm steht. Dazu zählt auch Arvo Pärts „Fratres“ – über Pärt sagt Järvi: „Er ist für uns so etwas wie ein Großvater, der ging bei uns in Estland ein und aus!“ Auf dem Programm finden sich auch eine Eigenkomposition Järvis, „Aurora“, und eine Uraufführung, ein Violinkonzert des jungen litauischen Komponisten Gediminas Gelgotas, Spross einer musikalischen Familie wie Järvi. Dessen Vater ist der renommierte Dirigent Neeme Järvi.

Sein „Aurora“, erzählt er, sei vom Nordlicht inspiriert; Himmelsphänomene, Sterne, Planeten faszinieren ihn: „Wenn ich nicht Musiker geworden wäre, wäre ich jetzt bestimmt Astronom.“

Auch „Dornröschen“ erklingt nicht wie gewohnt als Ballettmusik, sondern in einer sinfonischen Bearbeitung Järvis. Ballettmusik, meint er, ist was fürs Theater, im Konzertsaal darf es dann ruhig ein bisschen dramatischer sein, „to catch the audience“, um das Publikum zu fangen. Gerade auch das „Nicht-Klassik-Publikum“ will er ja mit seinem Baltic Sea Philharmonic erreichen, setzt dabei neben Musik beispielsweise auf Multimediales wie bei dem Projekt „Waterwork“.

Nicht jede Note muss sitzen

Unkonventionell arbeitet er auch mit dem Orchester. Teils wird gar ohne Noten gespielt. So lernt man, erklärt Järvi, sich selbst und anderen zu vertrauen und vor allem auch Kreativität. „Da ist es nicht so wichtig, wenn nicht jede Note stimmt, man muss auch den Mut zu Fehlern lernen.“ Schon nach ein paar Minuten hält es ihn bei der Probe nicht mehr auf dem Hocker, Järvi tanzt auf dem Podium, sichtbar begeistert von dem „erstaunlichen Tempo“, dass das Orchester schon nach wenigen Probenstunden mitgeht. Er summt, singt, gestikuliert, wie er sich andere Stellen denkt. Der Geist, der da erkennbar wird, die gar nicht bemüht kulturbeflissene Lockerheit, die Freude am gemeinsamen Musizieren, der Elan aller Beteiligten müssen einfach ein Publikum mitreißen. Davon können sich Musikfreunde am Donnerstag selbst ein Bild machen: Baltic Sea Philharmonic gibt eine öffentliche Generalprobe – bei freiem Eintritt.

Die Generalprobe beginnt am Donnerstag um 19.30 Uhr in der Aula des Heinrich-Hauses in Neuwied-Engers. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.landes musikakademie.de

Von unserer MitarbeiterinLieselotte Sauer-Kaulbach
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