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Kein Fortschrittsfeind: Karl Marx und die Technik

Wolfgang M. Schmitt

Karl Marx war kein Sozialromantiker. Zwar kritisierte er die durch die Industrialisierung herbeigeführte Verarmung, die Ausbeutung von Männern, Frauen und Kindern in den Fabriken, doch sehnte er sich nicht nach einer Zeit vor der Industrialisierung zurück, denn er sah im technischen Fortschritt große Chancen. Und Marx bewunderte den Kapitalismus durchaus für seine innovative Kraft, tradierte Ordnungen zu zerstören. Der alte Spruch „Die Linken haben Marx gelesen, die Kapitalisten haben ihn verstanden“ enthält ein Körnchen Wahrheit insofern, als die wichtigsten wirtschaftsliberalen Theoretiker – Milton Friedman, Ludwig von Mises, Gary S. Becker – ebenso wie Marx sehr genau um die enormen Dynamiken des modernen Kapitalismus wussten.

Foto: Wikipedia

Zwar kommen sie zu gänzlich anderen Schlussfolgerungen – schon, weil sie nicht davon ausgehen, dass die Arbeiter einen Mehrwert erwirtschaften, der ihnen vorenthalten wird –, doch glauben auch sie daran, dass Wirtschaft und Technik gesellschaftliche Ordnungen umwälzen können. In Marx’ „Kommunistischem Manifest“ steht ein weitsichtiger Satz, der besonders laut zu uns heute spricht: „Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“

Kapital reißt Schranken ein

Marx und Friedrich Engels meinen damit, dass der moderne Kapitalismus die ständische, das heißt aristokratische Struktur auflöst, das zuvor Feste verflüssigt und in Bewegung bringt (das Kapital agiert über alle Grenzen hinweg) sowie die kirchlichen Einflussnahmen zurückdrängt. Der Kapitalismus selbst ist dezidiert antikonservativ – er schert sich nicht um althergebrachte Werte, er ist ein Gleichmacher: Wo nur Marktgesetze gelten, stehen alte Gebote im Weg. Das hat Nachteile, weil sich viele Menschen durch diese Mobilisierung und Flexibilisierung als Entwurzelung wahrnehmen, es hat aber den Vorteil der Chancengleichheit: Schon Voltaire schwärmte im 18. Jahrhundert von der Börse, weil sich dort Christen, Juden und Muslime auf Augenhöhe begegnen. Der Fortschritt hat eine antidiskriminierende Wirkung – wenngleich diese Gleichheit noch keine soziale Gleichheit bedeutet. Auf Letztere konzentrierte sich Marx.

Wenn bei Marx und Engels das „Ständische und Stehende verdampft“, ist das Verb nicht zufällig gewählt, ist doch die Dampfmaschine eine der wichtigsten Innovationen für das 19. Jahrhundert. Der moderne Kapitalismus ist ohne den technischen Fortschritt nicht denkbar. Umgekehrt aber ist technischer Fortschritt ohne den Kapitalismus möglich, ja, dieser kann sogar helfen, jenen zu überwinden. Diese Idee blitzt an verschiedenen Stellen in Marx‘ Werk auf, am deutlichsten im „Maschinenfragment“, einem Ausschnitt aus „Grundrissen der Kritik der Politischen Ökonomie“.

Darin deutet Marx eine Utopie an, die Christian Lotz in seinem Vorwort zur im Laika-Verlag erschienenen Neuausgabe des Fragments auf den Punkt bringt: „Je fortschrittlicher der Kapitalismus wird, umso weniger wird er kapitalistisch.“ Gemeint ist: Neue Technologien – denken wir an soziale Netzwerke, Smartphones, Schreibsoftwares – sind momentan zwar in den Händen weniger Konzerne, doch sie können eine befreiende Wirkung entfalten. Nicht nur sind die Menschen besser vernetzt, auch wird der Zugang zum Wissen demokratisiert, und das Wissen selbst verliert dank „Copy and Paste“ („Kopieren und Einfügen“) seine Exklusivität – es kann durch die technische Niedrigschwelligkeit vergesellschaftet werden. Bestes Beispiel dafür ist das Onlinelexikon Wikipedia, eine nicht kommerzielle Plattform, zu der Tausende Nutzer ihr Wissen beitragen. Im Prinzip könnten auch nicht kommerzielle Alternativen zu Facebook oder Twitter etabliert werden. Aber auch Patente stehen unter technischem Beschuss: Wenn Informationen frei zugänglich sind und bald 3-D-Drucker in jedem Haushalt stehen, könnte dies Konzerne in die Bredouille bringen. Der Journalist Paul Mason schreibt in seinem Buch „Postkapitalismus“ (Suhrkamp): „Die Informationstechnologie führt uns in ein postkapitalistisches Wirtschaftssystem.“

Hinzu kommt, dass sich durch die Technisierung die Arbeit radikal wandelt, sie zum Teil verschwindet. Je effizienter die Maschinen agieren – Marx sprach von ihnen als Organismen –, desto weniger Arbeiter werden benötigt. Mußezeit entsteht so, aber wer finanziert diese? Nicht zufällig kursiert derzeit – in wirtschaftsliberalen wie in linken Kreisen – die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens. Ein monatliches Festgeld für alle, unabhängig davon, ob jemand arbeitet.

Precht denkt den Kapitalismus neu

So schlägt der Philosoph Richard David Precht 1500 Euro für jeden vor, finanziert durch eine Finanztransaktionssteuer. Precht will jedoch nicht wie Marx den Kapitalismus überwinden, sondern ihn erneuern – mit dem Ziel, das der Titel „Jäger, Hirten, Kritiker“ andeutet. Es ist ein Zitat aus Marx‘ und Engels‘ „Deutscher Ideologie“, die eine kommunistische Gesellschaft ausmalt, in der man nicht mehr darauf festgelegt ist, entweder Jäger, Hirte oder Kritiker zu sein, sondern es steht einem frei, „morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren“. Precht plädiert dafür, in der Digitalisierung mitsamt der Roboter und Künstlichen Intelligenzen das befreiende Potenzial zu sehen – vorausgesetzt, die Politik spielt nicht nur Konzernen und Geheimdiensten in die Hände.

Durch die Digitalisierung könnte es tatsächlich gelingen, wie Lotz schreibt, „so viel freie Zeit zu schaffen, dass die Individuen sich in ihren Anlagen frei und pluralistisch unabhängig von der notwendigen Arbeitszeit zusammen und gemeinsam entwickeln können.“ Diese Chance sah auch Marx vor 150 Jahren. Ob er sich bei Facebook angemeldet hätte, ist fraglich – aber einen Computer hätte er bestimmt benutzt, schon wegen seiner unleserlichen Handschrift.

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

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