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    Koblenz

    Kebekus: Ich muss Terror auf der Bühne ansprechen

    Große Klappe, freche Schnauze: Carolin Kebekus (37) füllt mit ihren Soloprogrammen große Hallen, vor der Kamera ist sie erfolgreich. Sie will Menschen zum Lachen bringen, ist sich für derbe Witze nicht schade – und muss doch allzu oft mit ernsten Tönen in einen Abend starten: Wenn ein Anschlag die Welt erschüttert, kann sie nicht anders, als das Geschehen vor ihrem Publikum anzusprechen, erzählt sie im RZ-Gespräch. Terror ist Thema – aber nicht nur. Es geht auch um Erfreuliches.

    Frauen in der Comedy: Mit Ihnen hat diese Entwicklung richtig an Schwung aufgenommen. Im Kabarett waren Frauen schon länger vertreten, in der Comedy allerdings weniger. Was hat sich da in den vergangenen Jahren getan?

    Als ich angefangen habe, war ich fast noch ein Exot. Wenn ich in Mixed Shows aufgetreten bin, waren außer mir fast immer nur Jungs da. Und dann wurde ich immer so ein bisschen herausgestellt wie (spricht mit tiefer Stimme): ,Der nächste Gast ist eine Gästin‘. Und alle so: Hoppla, jetzt kommt eine Frau. Mittlerweile hat man Mixed Shows, in denen immerhin zwei Frauen dabei sind (lacht). Es gibt mittlerweile viel Nachwuchs, das hängt bestimmt auch – ich will es jetzt eigentlich nicht sagen – mit so einer Art Vorbildrolle von mir zusammen. Dass Jüngere sehen, dass es Frauen in der Comedy gibt und dass es funktioniert.

    Wie arbeiten weibliche Comedians untereinander? Sind sie vernetzt, oder hält man eher Abstand?

    Das ist seit ein, zwei Jahren gerade in den Anfängen, weil es erst nur so wenige Frauen gab. Aber mittlerweile gibt es zarte Bande, die man Vernetzung nennen könnte. Ich glaube generell, nicht nur auf die Comedy-Branche gesehen, sondern allgemein im Berufsleben, dass Frauen viel schlechter vernetzt sind als Männer. Die tauschen sich besser aus, auch über Karrierechancen und Gehälter. Frauen haben oft das Gefühl, dass es nicht genug Platz für alle gibt. Das ist ein komisch verankerter Gedanke, den wir loswerden müssen.

    Wie sieht die Art von Vernetzung aus? Halten Sie Kontakt untereinander oder geht es um einen künstlerischen Austausch? Diskutieren Sie Formate?

    Nein, das nicht. Aber Anke Engelke war beispielsweise bei mir in der Sendung. Ich bin mit Martina Hill gut befreundet. Man sucht immer wieder mal was, was man gemeinsam machen kann. Da liegt schon etwas in der Luft, es ist aber nicht konkret.

    Sie haben einmal gesagt, dass Sie über diesen Gegensatz funktionieren: Junge, gut aussehende Frau kommt auf die Bühne – und haut einen derben Spruch nach dem anderen raus. Ist es in der Comedy wichtig, mit solchen Gegensätzen zu spielen?

    Man ist immer gut auf der Bühne, wenn man authentisch ist. Deshalb ist es nicht für jeden das Richtige, derb zu sein. In der Comedy funktioniert viel über eine Fallhöhe. Es ist immer besonders lustig, wenn man Leute mit einer Geschichte in eine Richtung mitnimmt und plötzlich in eine andere abdrifte. Dann entsteht Komik. Ich mache das auf meine Art, ich glaube aber nicht, dass man als Frau zwingend derb sein muss um aufzufallen.

    Aber kann man sich als Frau mehr herausnehmen als ein Mann, wenn es um Zoten und derbe Sprüche geht unter der Gürtellinie geht? Haben Sie da mehr Freiheiten?

    Bestimmt. Aber es kommt darauf an, was man sagen will und wo es hingeht. Wenn man einfach nur besonders in der Hose fischen will, funktioniert das auch als Frau nicht. Da muss immer etwas Authentisches sein, in dem, was man erzählt. Ich benutze das, was ich erlebe. Mein Blickwinkel als Frau ist immer anders als der eines Mannes.

    Wie wichtig sind Kontroversen für Sie und Ihre Karriere? Sie können sich denken, auf was ich hinauswill – auf das umstrittene Kirchenvideo „Dunk den Herrn“ vor einigen Jahren und Ihre Helene-Fischer-Parodie, wegen der sich viele ihrer Fans aufregten.

    Ich suche mir solche Themen nicht aus, um bewusst kontrovers zu sein. Die lagen vielmehr in der Luft. Damals, als ich das Kirchenvideo gemacht habe, war einfach viel los um die katholische Kirche. Es fand gerade die Bischofskonferenz statt, bei der das Thema Frauen in der Kirche neu besprochen werden sollte. Das war total lächerlich, weil nichts herauskam. Das war ein Thema, das mich interessiert hat und das gesellschaftlich wichtig war. Und bei dem Fischer-Hype lag es einfach auf der Hand, etwas zu machen. So ein Massenphänomen wie Fischer zu hinterfragen, macht Spaß – und es macht Spaß, Grenzen auszuloten. Ich gehe aber nicht gezielt los und denke mir: Wo kann ich denn jetzt in die nächste Kerbe schlagen, um möglichst viel Aufsehen zu erregen.

    Dabei liegt jetzt nach der Bundestagswahl wieder einiges in der Luft. Die erfolgreiche AfD, die Sie auch schon mal aufs Korn genommen haben, generell, was sich in der Politik abspielt: Sind das Themen für Sie?

    Ja, auf jeden Fall. Die AfD zerfleischt sich zwar gerade selbst, da muss man gar nicht mehr viel tun. Aber da ist viel Potenzial, da mache ich in meiner nächsten Sendung etwas dazu. Es liegt auf der Hand, dass man Themen bespricht, die die Leute bewegen.

    Muss Comedy in Zeiten wie diesen politischer werden? Wollen Sie politischer werden?

    Man kann gar nicht mehr daran vorbeigehen. Bei all dem, was um uns herum aus den Fugen gerät, ist man ja total verunsichert: Europa, Trump, Nordkorea. Ich weiß gar nicht mehr, wie häufig ich auf eine Bühne gehen und einen Anschlag kommentieren musste. Wenn so etwas wie bei dem Konzert von Ariana Grande passiert (Ein Attentäter erschoss im Juni 22 Konzertbesucher in Manchester, Anm). und ich am nächsten Abend selbst vor 5000 Menschen auf einer Bühne stehe: Da kann man gar nicht anders. Da geht man raus und weiß, dass alle Menschen die Frage im Kopf haben, wie das wäre, wenn sich jetzt in der Halle jemand in die Luft sprengt. Das muss man ansprechen, selbst wenn man keine Lust hat – und ich habe wirklich keinen Bock, über Terror auf der Bühne zu reden, ich will die Leute zum Lachen bringen. Aber das muss man kommentieren. Wenn man so viele Menschen erreicht als Künstler wie ich, sollte man eine politische Haltung haben und sie möglichst kundtun.

    Ein Kommentar zum Terror: Wie finden Sie den richtigen Ton?

    Terror gehört inzwischen ja leider irgendwie zum Alltag. Das habe ich auch gerade in London erlebt, ich war beim Köln-Spiel gegen Arsenal. Dann passierte das Attentat in der U-Bahn, ich bin mit dem Zug zurück zum Flughafen. Dabei habe ich gesehen, wie diese Stadt nicht erstarrt, sondern einfach weiterfunktioniert. Das thematisiere ich. Und Ähnliches sehe ich auch bei meinen Auftritten: Die Ränge sind immer voll, auch wenn gerade ein Anschlag war. Dann denke ich immer: Dieser Hass der Attentäter hat keinen Boden. Wenn es das ist, was diesen Hass auslöst, dass wir frei leben, in Kneipen sitzen und Alkohol trinken und mit dem Menschen zusammen sein dürfen, den wir lieben, ob nun Mann, Frau, oder jemand, der sich nicht entschieden hat, dann kann man all das nur umso intensiver leben. Das ist das einzige Mittel, was wir haben. Und es ist schön zu sehen, dass viele das machen. So schnulzig das klingt: Aber am Ende siegt die Liebe.

    Mit Ihrem Programm „Alpha Pussy“ kommen Sie langsam zum Ende. Reicht auch, oder? Wenn man so intensiv mit einem Programm unterwegs ist, stelle ich mir vor, dass es auch schön ist, wenn mal die letzte Vorstellung gespielt ist.

    Ah! Naja. Nee. Das kann ich jetzt nicht so sagen. Ich spiele es seit Dezember 2015. Für mich ist es noch gar nicht so alt. Nur dadurch, dass ich so viele größere Hallen bespiele, habe ich viel, viel mehr Menschen in kürzere Zeit erreicht als mit dem alten Programm. Es steckt so viel Arbeit in einem Programm, dass man es gar nicht so gern hergibt. Es dauert ja auch, bis es so gut ist wie es ist. Und wenn es endet, weiß ich: Ich fange jetzt wieder bei null an. Und dann hat man ein halbes Jahr vor sich, in dem man alles Scheiße finde, was man neu erarbeitet. Alles. Auf der anderen Seite weiß ich genau, dass sich mit einem neuen Programm alles fügen wird. Bei meinem ersten Programm, das habe ich fünf Jahre gespielt, habe ich mich zum Ende hin schon auf etwas Neues gefreut, das stimmt. Aber jetzt muss ich sagen: Mit „Alpha Pussy“ bin ich noch nicht so weit, und ein bisschen Zeit habe ich ja auch noch. Ich bin bis ins Frühjahr damit unterwegs.

    Und danach? Lieber vor der Kamera oder auf der Bühne?

    Erstmal Kamera. Ich werde erstmal meine Sendung weitermachen. Es kann auch sein, dass ich noch einen Film drehe, mal gucken. Da mache ich mir keinen Stress. Man muss auch erst einmal ein bisschen Pause machen, damit man neue Dinge erlebt und Themen findet, bei denen man Lust hat, darüber lustig zu sein. Das dauert ein bisschen, passiert aber automatisch.

    Das Gespräch führte Anke Mersmann

    Carolin Kebekus tritt morgen, Sonntag, 19 Uhr, mit ihrem Programm „Alpha Pussy“ in der Conlog-Arena Koblenz auf. Tickets gibt es unter rz-tickets.de und an der Abendkasse. Die nächste Ausgabe der Kebekus-Show „PussyTerror TV“ läuft am 26. Oktober um 22.45 Uhr in der ARD.

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