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Frankfurt

Kafkas "Schloss" lässt keine Hoffnung: Romanfragment als Schauspiel in Frankfurt

Obwohl Kafka kein einziges Theaterstück schrieb, findet sich kaum noch ein Theater, das in jüngerer Zeit nicht literarische Prosatexte von ihm für die Bühne zubereitet hätte. Jetzt wird in Frankfurt "Das Schloss" aufgeführt – ein Erlebnis mit Fragezeichen.

Ruft Spielkunst in all seiner Vielfalt ab: Max Mayer in der Rolle des Landvermessers K. in Franz Kafkas „Das Schloss“.
Ruft Spielkunst in all seiner Vielfalt ab: Max Mayer in der Rolle des Landvermessers K. in Franz Kafkas „Das Schloss“.
Foto: Birgit Hupfeld

Franz Kafkas „Amerika“ in Köln, „Das Schloss“ in Bonn, „Der Prozess“ in Mainz, ein Kafka-Projekt in Wiesbaden, „Bericht an eine Akademie“ in Kaiserslautern – seit diesem Wochenende „Das Schloss“ auch am Schauspiel Frankfurt, wo zuvor bereits „Die Verwandlung“ angelaufen ist: Obwohl Kafka kein einziges Theaterstück schrieb, findet sich kaum noch ein Theater, das in jüngerer Zeit nicht literarische Prosatexte von ihm für die Bühne zubereitet hätte. Was macht diesen Autor so interessant für die Gegenwart? Wahrscheinlich das große Zentralthema seine Œuvres: die quälende Macht- und Hilflosigkeit des Individuums gegenüber undurchschaubaren, aber bis ins alltägliche Leben hinein wirkstarken Systemkräften.

Eigene vierstündige Textfassung

Der uns aus seiner frühen Mainzer Zeit bekannte Regisseur Robert Borgmann hat dem Schauspiel Frankfurt eine eigene Textfassung von „Das Schloss“ zum knapp vierstündigen Abend inszeniert. Im zehnköpfigen Ensemble sind zwei weitere ehemalige Mainzer vertreten: Stefan Graf in der Rolle eines Gehilfen von Landvermesser K., der in einem abgeschiedenen Dorf gelandet ist, das von einem geheimnisvollen Schloss beherrscht wird. Und Katharina Knap, die als Olga auf der riesigen, düsteren, fast leeren Bühne einen großen, hinreißend von mädchenhafter Verzweiflung durchdrungenen Monolog spricht. In der mit Szenenapplaus bedachten Sequenz erzählt sie von Elend und Ächtung, die über ihre Familie gekommen sind, weil ihre Schwester einem Sekretär des Schlosses den Beischlaf verweigerte.

Weitere Infos zu Terminen und Tickets online unter www.schauspielfrankfurt.de

Es gibt in Borgmanns Inszenierung – auch Bühne und live gespielte Musik-/Klanghintermalung sind von ihm – eine Menge interessanter Bilder und atmosphärisch wie schauspielerisch beeindruckender Momente. Doch fast ebenso zahlreich sind Passagen, bei denen der Zuseher sich fragt, was er da eigentlich sieht. Letzteres gilt etwa für die Anfangsphase, in der der Text des Landvermessers K. auf mehrere Personen verteilt ist. Weshalb es eine Weile dauert, bis Max Mayer identifizierbar in dieser Rolle ankommt. Den nachfolgenden Abend über ruft er seine Spielkunst in all ihrer Vielfalt ab. Denn die Inszenierung verlangt von dieser Figur abwechselnd tiefen Ernst, zarte Gefühligkeit, Hysterie bis zum Wahnwitz, beiläufige Schnippischkeit, bodenloses Entsetzen, irrlichternden Humor.

Charaktere in Auflösung begriffen

Borgmann will auch von den anderen Mitspielern – insbesondere von Katharina Bach als K.s Herzensdamen Frieda und Amalia – alles und noch viel mehr. Meint man eben, die Charaktere begriffen zu haben, lösen sie sich im nächsten Moment wieder auf. Darin fasst die Inszenierung zwar raffiniert die Wirkung des nie fassbaren Machtapparates Schloss auf die Menschen im Dorf. Doch bisweilen wird es zu viel, droht die Vielseitigkeit in effekthaschende Beliebigkeit abzukippen.

Die Hintergrundklänge beeinflussen leise, unaufdringlich, aber doch wirkungsvoll die Atmosphäre. Ähnlich verhält sich mit den variierenden Raumgrößen der Bühne. Höhenvariabler Brückenbogen aus Neonleuchten, hochziehbare Dunkelwand auf halber Bühnentiefe, auf einem Gleis verschiebbarer Boden: Fast unmerklich lässt sich der Spielraum damit mal auf fast intime Kleinheit reduzieren, mal zu grenzenlosen Tiefen erweitern. Das Kleine verloren im unfassbaren Großen – die Dörfler und K. ausgesetzt der anonymen Herrschaft und Willkür des allweil ungreifbar bleibenden Schlossapparates. Von ihm sind sie so sehr geprägt, dass ihr aller Lebensstreben primär besteht aus dem Buhlen um die Gunst gottgleicher Bürokraten.

Am Ende tauscht Max Mayer mit Heiko Raulin das Fettleibkostüm einer golemartigen Nacktfigur. Die war schon zu Beginn erschöpft und schnaufend in stumpfsinnigen Runden über die Bühne geschlurft – vom Ruheeck zum Klo, zum Wasserhahn, aus dem nur Sand kommt, über einen Kohlehaufen an einem Kartoffelhaufen vorbei zurück zum Ruheeck und wieder aufs Klo … Will wohl sagen: Die stete Macht des Schlosses hat auch den anfangs widerständigen K. schließlich in das verwandelt, was sie aus allen Menschen macht. Hernach rezitiert Raulin kunstvoll eine lange Passage aus T. S. Eliots „Das öde Land“. Das ist schön, finster, hoffnungslos, aber zugleich eine jener Zutaten, die diese Inszenierung zu einem Erlebnis mit manchen Fragezeichen machen.

Von unserem Autor Andreas Pecht
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