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Ingelheim

Internationale Tage Ingelheim: Scheitern als Umweg zum Erfolg

Christoph Schlingensief im Supermarkt, John Baldessari in einem Blumenladen oder Katzenmusik in einem Schulfoyer: Mit ihrer diesjährigen Auflage trauen sich die Macher der Internationalen Tage in Ingelheim so richtig was.

Scheitern mit Ansage: Im Streichquartett, der Königsdisziplin der Kammermusik, wird nach höchster Perfektion getrachtet. Annika Kahrs lässt in ihrem Video "Strings" die Musiker immer wieder die Instrumente tauschen – Misstöne sind programmiert.  Foto: Produzentengalerie/Internationale Tage
Scheitern mit Ansage: Im Streichquartett, der Königsdisziplin der Kammermusik, wird nach höchster Perfektion getrachtet. Annika Kahrs lässt in ihrem Video "Strings" die Musiker immer wieder die Instrumente tauschen – Misstöne sind programmiert.
Foto: Produzentengalerie/Internationale Tage

Von unserem Redakteur Dominic Schreiner

Und um eines vorwegzunehmen – ihr Ideenreichtum und Mut werden belohnt.

Erstmals wird ab dem heutigen Samstag und bis zum 14. Juli unter dem Titel "Besser scheitern – Fail better" in der renommierten Ausstellungsreihe, die alljährlich im Sommer die kleine Stadt in Rheinhessen mit Werken und Künstlern von Weltruhm bespielt, Videokunst zu sehen sein. Zudem – auch das ist eine Besonderheit – sind die Exponate über fast das komplette Stadtgebiet verteilt worden. Da mutet es als glückliche Fügung an, dass das Alte Rathaus von Ingelheim in diesem Jahr nicht wie sonst üblich als Ausstellungsort zur Verfügung stand.

Wer sich in die Rotweinstadt begibt, den erwartet ein Spaziergang mit wertiger Videokunst an außergewöhnlichen Orten. Und es ist eine vergnügliche, kurzweilige Runde, auf die man sich begibt. Vielleicht ist das schon fast als Bruch zum thematischen Oberbau der Ausstellung, dem Scheitern, zu sehen. Aber auch der richtige Ansatz, Kunst aus dem Museum raus- und in den öffentlichen Raum hereinzuholen. "Das Thema Scheitern betrifft doch uns alle, jeder hat dazu eine eigene Geschichte zu erzählen", verdeutlicht die Kuratorin des Projekts, Dr. Brigitte Kölle, ihre Intention.

Zudem habe sich das Phänomen des Scheiterns, das meist mit Attributen wie Scham, Schmerz und Unbehagen besetzt ist, Kölle zufolge gerade in den vergangenen zwei, drei Jahren seinen Weg in eine breitere Öffentlichkeit gesucht und dabei scheinbar auch ein wenig mehr Akzeptanz gefunden. Das Scheitern als Umweg zum Erfolg scheint gerade schick zu sein. Und das gelte auch und vielleicht insbesondere für kreative Prozesse.

"Im Leben eines Künstlers wiederum ist das Scheitern eine normale Begleiterscheinung", erläutert Kölle, "die dann aber eine durchaus positive Konnotation im Sinne von ,etwas Neues ausprobieren’ erfährt." So hat sie konsequenterweise in ihrer Schau, die sie erstmalig für eine Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle 2013 konzipierte, tragisch-existenzielle, aber eben auch spielerisch-lustvolle und komisch-lustige Elemente vereint. Das Video "Strings" (2010) der jungen Künstlerin Annika Kahrs zum Beispiel, das im Foyer eines Gymnasiums an eine Wand projiziert wird, erzählt eine dieser komischen Geschichten vom Scheitern. Und wie man es zu akzeptieren lernt.

Kahrs filmte ein Streichquartett bei der Aufführung eines Stücks von Beethoven. Nach dem ersten Durchgang wechseln die Musiker Sitzplatz und Instrument. Das wiederholt sich so lange, bis jeder der vier an jedem Platz gesessen und zu den immer gleichen Noten jedes Instrument gespielt hat. Ein Rundlauf, dessen komische Absurdität sich mit jedem Durchgang ein Stückchen steigert.

Wer seinen Blick bei der mit zunehmender Dauer immer schräger klingenden Musik auf die Instrumentalisten gerichtet hält, kann beobachten, wie sich die vier Frauen und Männer immer gelöster geben, sich in manchem Moment ein Lachen nur schwerlich verkneifen können. Dabei sind sie – im engeren Sinn – eigentlich gerade daran gescheitert, ihre musikalische Professionalität zu demonstrieren. "Es gibt für Musiker doch eigentlich nichts Schlimmeres, als aufzutreten, sein Instrument nicht zu beherrschen und dabei noch gefilmt zu werden", sagt Kahrs. Aber offensichtlich, auch wenn es etwas dauert, scheinen die Streicher gerade ihre Freiheit zu genießen, innerhalb dieser Strukturverschiebung einmal nicht perfekt sein zu müssen. Und zu scheitern. Ein sehr vergnüglicher Moment, für Protagonisten und Betrachter gleichermaßen.

Dann geht es weiter durch die Stadt. Zu einem Abgang zum Parkhaus eines Supermarkts, wo Christoph Schlingensief in einer kurzen Endlosschleife einen Schauspieler von einer Leiter fallen lässt. In einen Blumenladen, in dem ein Video von John Baldessari läuft, der vergeblich versucht, einer Topfpflanze das Alphabet beizubringen. Und irgendwann geht man nach Haus und hat gelernt: Auch das Scheitern kann großes Vergnügen bereiten.

Die Internationalen Tage Ingelheim 2016 in Kürze: Als Gegenentwurf zu unserer auf Perfektion getrimmten Gesellschaft gehen die Internationalen Tage im Außenraum, an öffentlich zugänglichen Orten wie Bahnhöfen, Ämtern und Schulen mit Arbeiten von 14 internationalen Künstlern aus den 1970er-Jahren bis heute dem Phänomen des Scheiterns nach. Zu sehen sind Werke von Marina Abramovic, Bas Jan Ader, John Baldessari, Guy Ben-Ner, Thorsten Brinkman, Tracey Emin, Ayse Erkmen, Fischli und Weiss, Annika Kahrs, Jochen Kuhn, John Pilson, Christoph Schlingensief, Roman Signer und Annette Wehrmann. Alle weiteren Infos im Internet unter www.besser-scheitern.de

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