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Im digitalen Gefängnis: Vom Täterprofil zum Facebook-Profil

Erfolgreich ist, wer den Nerv der Zeit trifft. Das jedenfalls ist der deutschen Komödientrilogie „Fack Ju Göhte“ gelungen. Wie krank dieser Nerv jedoch ist, zeigte vor allem der dritte Teil: Damit die krawalligen Schüler der Goethe-Gesamtschule endlich Disziplin lernen und für ihre Abschlussarbeiten büffeln, lässt der von Elyas M’Barek verkörperte Lehrer sie kurzerhand „chippen“. Das heißt, die Schüler bekommen einen elektronischen Chip unter die Haut implantiert, der Lehrer kann seine Zöglinge jetzt überall mit dem Smartphone orten und zur Ordnung rufen.

Wer ist Hannibal Lecter? Mit „Das Schweigen der Lämmer“ spielte zum ersten Mal das Profiling eine wichtige Rolle im Kino. Illustration: Jens Weber
Wer ist Hannibal Lecter? Mit „Das Schweigen der Lämmer“ spielte zum ersten Mal das Profiling eine wichtige Rolle im Kino. Illustration: Jens Weber
Foto: JEns Weber

Dass darüber in Deutschland gelacht wird, ist kein gutes Zeichen, aber auch nicht verwunderlich, orten sich doch längst viele Bürger selbst mit ihren Smartphones oder Fitnessarmbändern. Dabei ist nicht mehr auszumachen, wer wen überwacht: Die Konzerne die Kunden, der Staat die Bürger, die Bürger sich selbst, oder jeder jeden? In „Fack Ju Göhte 3“ werden die Schüler wie Kriminelle behandelt, die man mit diesen „sicherheitspolitischen“ Maßnahmen aber fit für die Arbeitswelt machen will.

Kriminelle und Psychopathen

Es gibt kein Entkommen – folgerichtig macht einer der Schüler schließlich eine Ausbildung bei der Polizei. Es sollte nicht verwundern, wenn solche Überwachungsszenarien auch die Fantasien derer beflügeln, die Fußfesseln für auffällige Flüchtlinge fordern. Klappt prima, sagt die bemerkenswert witzlose Komödie von Bora Dagtekin.

In einer anderen Szene besuchen die Schüler ein Berufsinformationszentrum. Dort sollen sie am Computer Fragen zu ihrer Persönlichkeit und ihren Kompetenzen beantworten, damit ein Programm ein Berufsprofil errechnen kann. „Profiling“ nennt sich diese Form der Menschenvermessung auf Neudeutsch. Die Profilierung ist neben der Ortung der zweite große Trend in digitalen Zeiten. Die Entwicklungen haben ihren Ursprung in der Bekämpfung von Kriminellen oder Randständigen.

Wir werden alle zu „Komplizen des Erkennungsdienstes“ – so lautet der Titel des lesenswerten Sachbuchs von Andreas Bernard, das sich mit dem „Selbst in der digitalen Kultur“ auseinandersetzt. Der Kulturwissenschaftler und Journalist beschreibt den Weg vom Täterprofil zum Facebook-Profil, der im 19. Jahrhundert beginnt. Damals ging es darum, anhand von Normabweichungen Kriminelle frühzeitig zu erkennen.

Vom „psychologischen Profil“ sprachen die Kriminalisten nach dem Zweiten Weltkrieg, in den 1970er-Jahren bürgerte sich die Bezeichnung „Täterprofil“ ein. Zugleich entstand mit dem „Profiler“ ein neuer Berufszweig, der zunächst ebenfalls in kriminalistischen Kreisen reüssierte. Seinen ersten großen Kinoauftritt hatte eine Profilerin in „Das Schweigen der Lämmer“, in dem ein Profil des Kannibalen erstellt werden soll. Seitdem ist der Profiler aus Krimiserien nicht mehr wegzudenken. In der aktuellen Netflix-Serie „Manhunt: Unabomber“ soll Sam Wor-thington als Profilexperte, einen Briefbombenattentäter aufspüren.

Andreas Bernards Buch erzählt jedoch weit mehr als eine Begriffsgeschichte, vielmehr geht es ihm darum, auf Parallelen hinzuweisen, wenn er zum Beispiel die neuen Marketingstrategien von Unternehmen beschreibt, die den Kunden so persönlich wie möglich mit Werbung adressieren wollen: „Dass sich das Verhältnis von Unternehmen und gezielt identifiziertem Konsumenten hierdurch dem von Kriminalpsychologie und Straftäter annähert, haben die Marketingspezialisten selbst bemerkt und sogar pointiert herausgestellt.“ Auf einem Buch über das Profiling von Kunden prangt ein Fingerabdruck auf dem Umschlag.

Nicht zu unterschätzen ist der Paradigmenwechsel dank Facebook. Träumten Internetpioniere lange Zeit von digitalen Identitäten, die anders als die wirkliche sein durften – Nutzer bauten sich fiktive Persönlichkeiten mit Fantasienamen auf –, sorgte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg für eine Klarnamenpflicht: „Das anonyme oder maskierte Ich weicht einem verlässlich identifizierten“, schreibt Bernard. In den USA wurde sogar darüber diskutiert, ob jeder Jugendliche verpflichtet werden sollte, sich bei Facebook anzumelden, da viele Amokläufer nicht in dem Netzwerk vertreten waren. Wer nicht vernetzt ist, ist verdächtig.

Überwachung auf Schritt und Tritt

Was die Kriminalistik nicht beförderte, entwickelte das Militär. Der Medienwissenschaftler Friedrich Kittler wies einst darauf hin, dass der Alltagsgebrauch elektronischer Medien im Prinzip „Missbrauch von Heeresgerät“ ist. Ortungstechnologien, die uns durch Großstädte oder zu nahe gelegene Fast-Food-Ketten navigieren, haben dort ihre Wurzeln: „Die gesamte Wissensgeschichte der Standortbestimmung im 20. Jahrhundert steht im Fokus der Wehrtechnik, von den ersten Anwendungsformen des Radars im Ersten Weltkrieg über die Optimierung der Funkortung im Zweiten bis zur Satellitennavigation in der Hochzeit des Kalten Krieges“, sagt Bernard.

Heute macht sich jeder selbst zur Zielscheibe. Auch durch die Fitnessarmbänder, die auf diese Technik zurückgreifen, und – wie bei Kriminellen – auf Prävention setzen: Wer nicht 1000 Schritte täglich geht, seinen Schlaf kontrolliert und ständig seine Herz-Kreislauf-Werte misst, für den kann das Leben tödlich enden. Besonders bedenklich ist, dass manche Versicherungen den Kunden einen Bonus anbieten, die ein Fitnessarmband tragen. Während derzeit über die für mehr Gerechtigkeit sorgen sollende Bürgerversicherung diskutiert wird, könnte bald eine neue Zweiklassenmedizin drohen: Statt von gesetzlich und privat Versicherten, spricht man dann von überwachten und freien. Letztere werden erheblich mehr zahlen müssen. Im digitalen Gefängnis hat die Freiheit einen hohen Preis.

Andreas Bernard: Komplizen des Erkennungsdienstes. Das Selbst in der digitalen Kultur. Fischer Verlag, 237 Seiten, 24 Euro.

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

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