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    Perry Green/RolandseckHenry Moore: Kunst für Menschen und Schafe

    Henry Moore ist eine Ikone: Der 1986 gestorbene britische Bildhauer gehört zu den wichtigsten Plastikern der Nachkriegszeit. Und er sah seine Arbeiten am liebsten im Zusammenspiel mit der Landschaft, daheim im südenglischen Perry Green. Von dort aus machen sich derzeit viele Kunstwerke auf zur großen Moore-Ausstellung im Arp Museum: Grund genug für einen Hausbesuch bei Henry Moore.

    Idylle im südbritischen Perry Green: Die Schafe haben Moores „Sheep Piece“ längst in Besitz genommen.  Foto: Petra Ochs
    Idylle im südbritischen Perry Green: Die Schafe haben Moores „Sheep Piece“ längst in Besitz genommen.
    Foto: Petra Ochs

    Von unserer Mitarbeiterin Petra Ochs

    Dem Bildhauer Henry Moore (1898–1985) widmet das Arp Museum sein bisher umfassendstes Ausstellungsprojekt.  Foto: Allen Warren/Wikipedia
    Dem Bildhauer Henry Moore (1898–1985) widmet das Arp Museum sein bisher umfassendstes Ausstellungsprojekt.
    Foto: Allen Warren/Wikipedia

    Zuhause in England verwirklichte Henry Moore seine künstlerische Vision, und nirgendwo sonst lernt man auch heute noch Moore ganzheitlicher kennen als da, wo er viele Jahrzehnte lang lebte und arbeitete: In Perry Green, einem kleinen Dorf in Hertfordshire. Dort findet sich (neben ihrem weiteren Standort Leeds) ein Zentrum der Henry Moore Foundation, die der Bildhauer im Jahre 1977 selbst begründete. Die Moore-Sammlung umfasst rund 15.000 Objekte – Skulpturen, Modelle, Zeichnungen, Drucke, Teppiche und Textilien. Im Schnitt 20.000 Besucher erkunden alljährlich zwischen Mitte April und Ende Oktober die ländliche Idylle der Henry Moore Studios and Gardens, ein 28 Hektar großes parkähnliches Gelände. Darauf finden sich Moores Wohnhaus Hoglands, der Skulpturengarten und die Ateliers, Studios genannt. Oliver Kornhoff, Direktor des Arp Museums Bahnhof Rolandseck, nennt diese Ateliers liebevoll „Alchimistenküche“: „Als würden wir dem Bildhauer bei der Kreation über die Schulter schauen.“ Kornhoff führt mit gutem Grund einen deutschen Besuchertross in Perry Green an: „Von Henry Moore haben wir lange geträumt“, sagt er – und es blieb nicht beim Traum. Am Sonntag, 28. Mai, wird nach langer Vorbereitung die Ausstellung „Henry Moore: Vision. Creation. Obsession“ als Jubiläumsausstellung zum zehnten Geburtstag des Arp Museums eröffnet. Möglich gemacht hat dies eben die Kooperation mit der Henry Moore Foundation, die ihrerseits in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen feiert.

    In Hoglands kommen die deutschen Besucher dem Künstler näher als irgendwo sonst: Das kleine Wohnhaus wirkt ganz so, als sei der Künstler nur mal kurz vor die Tür gegangen. Die Strickjacke hängt noch über dem Stuhl am Schreibtisch, die Schreibmaschine ist aufgeklappt, die Streichhölzer liegen griffbereit. So gemütlich wie bescheiden wirkt das Interieur. „Seine einzige Extravaganz war es, Kunst zu sammeln“, erklärt Sebastiano Barassi, Sammlungsleiter der Foundation und neben Kornhoff Hauptkurator der Rolandsecker Ausstellung. Davon zeugen etwa die Gemälde von Courbet und Vuillard an den Wänden und die Kleinskulptur von Rodin auf dem Tisch, während sich in der Vitrine kleine Moores inmitten afrikanischer Kleinplastik tummeln.

    Mit dem frühen Moore befasst sich die diesjährige Ausstellung der Foundation in der zur Galerie umgebauten Scheune: „Becoming Henry Moore“ blickt auf die für Moore künstlerisch prägenden Jahre 1914 bis 1930 zurück, zeigt eine Auswahl seiner frühen Werke und Stücke namhafter Künstler, die ihn beeinflusst haben: Picasso, Rodin, Michelangelo und Rembrandt etwa.

    Was aus Moore wurde, ist dann draußen zu erleben: In den Sculpture Gardens haben Moore und seine Frau Irina mit der Landschaft gemalt, haben Korridore, Aussichtspunkte und „Galerieplätze“ geschaffen, um die monumentalen Skulpturen in Szene zu setzen. Eine Großplastik platzierte Moore mitten auf der Schafsweide. Die Schafe, die der Bildhauer so liebte und in unzähligen Zeichnungen festhielt, haben das „Sheep Piece“ längst annektiert: Sie reiben sich an der Bronze, liegen im Schatten unter der Großplastik.

    Umso stolzer ist Kornhoff, dass sein Museum bald die seit Jahren größte Moore-Ausstellung in Deutschland beherbergen wird. Mit seiner Architektur, den lichtdurchfluteten Sälen und der landschaftlichen Einbettung an Rhein und Siebengebirge sieht sich das Arp Museum wie kaum ein anderes Museum für eine adäquate Präsentation der Werke Moores geeignet – vor allem für die großformatigen Skulpturen, die in diesem Umfang in Deutschland noch nicht zu sehen waren. Dazu wagt das Museum das Experiment, erstmals große Außenskulpturen im Innenraum zu zeigen.

    Im Grunde wird für die achtmonatige Ausstellung im Arp Museum ein Stück dieses Moore’schen Englands nach Rolandseck transferiert – sogar Schafe soll es auf einer Wiese hinter dem Maier-Bau geben. Das Arp Museum schöpft aus dem Vollen: Drei Ausstellungsetagen und der Außenraum werden mit dem kostbaren Gast bespielt: In der Sammlung Rau trifft Moore auf das, was er liebte – Kunst der Alten Meister bis hin zu Werken französischer Maler des 19. Jahrhunderts; auf der Arp-Etage werden im Dialog mit Werken Hans Arps Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Bildhauer beleuchtet; ansonsten darf Moore ganz Moore sein, wenn das faszinierende Wechselspiel zwischen Architektur und Skulptur, zwischen Innen und Außen, zwischen Natur und Kunst ausgiebig zelebriert wird.

    Zum Bahnhof Rolandseck hatte Henry Moore übrigens seine ganz eigene Beziehung: 1977 zeigte er im damaligen Kunstbahnhof von Johannes Wasmuth eine Auswahl seiner Grafiken, im Jahr darauf machte seine Monumentalplastik „Large Standing Figure Knife Edge“ für einige Zeit am Rheinufer vor dem Bahnhof Station. Im Bahnhof Rolandseck entstand 1979 auch das berühmte Moore-Porträt des Fotografen Lothar Wolleh – aufgenommen an dem Tag, an dem vor dem Kanzleramt in Bonn Moores Skulptur „Large Two Forms“ eingeweiht wurde. Der Genese dieses Werkes, das zu Zeiten der Bonner Republik durch die politische Berichterstattung die wohl am häufigsten im Fernsehen gezeigte Skulptur in Deutschland war, wird sich die Schau – angelehnt an Moores Alchimistenküche – in einem Kabinettraum widmen.

    Infos: www.henry-moore.org und auch unter www.arpmuseum.org

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