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Große Literatur, große Skandale: Peter Handke wird 75

Wolfgang M. Schmitt

„Du sollst mich anschauen, Volk, wenn ich noch zu dir spreche – oder weißt du nicht einmal mehr, was schön ist?“, fragt die Erzählerin in dem Drama „Zurüstungen für die Unsterblichkeit“. Das Stück stammt von Peter Handke, die Erzählerin ist ein Alter Ego des Autors. Es sind die Suche nach Schönheit und die Wut darüber, dass so viele ohne die Schönheit leben können, die den österreichischen Autor, der heute 75 Jahre alt wird, antreibt.

Diese Augen sehen mehr: Der österreichische Schriftsteller Peter Handke ist einer der wichtigsten Autoren der Gegenwart. Seit fünf Jahrzehnten begeistert er Leser im In- und Ausland, doch er sorgte auch mit seinen Texten über Miloševic für Skandale. Foto: dpa
Diese Augen sehen mehr: Der österreichische Schriftsteller Peter Handke ist einer der wichtigsten Autoren der Gegenwart. Seit fünf Jahrzehnten begeistert er Leser im In- und Ausland, doch er sorgte auch mit seinen Texten über Miloševic für Skandale.
Foto: dpa

Handke, das verbindet ihn mit seinen schreibenden Landsleuten Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek, kann sich in einen Furor hineinschreiben. Sein Hass ist so leidenschaftlich wie poetisch, wenn er mit seinem Bleistift Touristen, Smartphone-Nutzer oder Journalisten attackiert. Im Theater ist das nicht anders, schon der Titel seines ersten Erfolgsstücks ist eine Ohrfeige: „Publikumsbeschimpfung“. Die Erstaufführung 1966 unter der Regie von Claus Peymann war ein Skandal.

Schreiben in der Niemandsbucht

Die lauten Passagen in seiner Prosa aber – das unterscheidet ihn von Bernhard und Jelinek – stehen inmitten von pastoralen Naturbetrachtungen und stillen Entweltlichungsfantasien. Die Wut kommt unvermittelt und unerwartet, aber kontinuierlich. Kaum ein Jahr vergeht ohne eine neue Handke-Veröffentlichung. Gerade ist sein Epos „Die Obstdiebin“ erschienen, mit dem er an seine monumentalen, wunderschönen und ja, manchmal auch arg eigenbrötlerisch mäandernden Werke „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ und „Der Bildverlust“ anknüpft.

Trotz der enormen Produktivität entstehen seine Werke nicht am Fließband, vielmehr sind für Handke das Leben und das Schreiben eins – und zu leben heißt für ihn, zu notieren und zu reisen. Zu Fuß. Querfeldein. In der Peripherie, selten im Zentrum, stets mit Notizbuch. Dass er seit vielen Jahren am bewaldeten Rande von Paris lebt, ist paradigmatisch für ein zurückgezogenes Schriftstellerdasein, das anfangs im grellen Licht der Öffentlichkeit begann, als der Poet mit langen Haaren 1966 auf einer Tagung der „Gruppe 47“ in Princeton den anwesenden Autoren „Beschreibungsimpotenz“ vorwarf und damit über Nacht zum ersten deutschsprachigen Popliteraten wurde. Zeilen aus Rockliedern zitierte er in seinen frühen Werken, und dem klassischen Hollywoodkino wurde gehuldigt, beinahe religiös. Sein Amerika-Roman „Der kurze Brief zum langen Abschied“ (1972), eine Art „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ im Wilden Westen, endet dann auch auf der Terrasse der Western-Regielegende John Ford.

Das Werk von Peter Handke ist sehr umfangreich, im Frühjahr erscheint eine Gesamtausgabe im Suhrkamp-Verlag. Diese zehn Prosatexte von Handke sollte man gelesen haben. Einsteigern sind vor allem die frühen Werke aus den 1970er-Jahren zu empfehlen.

1. Die Angst des Tormanns beim
Elfmeter (1970)
2. Der kurze Brief zum langen 
Abschied (1972)
3. Wunschloses Unglück (1972)
4. Versuch über die Müdigkeit (1989)
5. Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten (1994)
6. Don Juan (erzählt von ihm selbst) (2004)
7. Die Tablas von Daimiel. Ein Umwegzeugenbericht zum Prozess gegen Slobodan Miloševic (2005)
8. Gestern unterwegs. Aufzeichnungen November 1987 bis Juli 1990 (2005)
9. Die morawische Nacht. Erzählung (2008)
10. Versuch über den Pilznarren. Eine Geschichte für sich (2013) wms

Dem Filmemacher, der wie kaum ein anderer den amerikanischen Mythos im Kino beschwor, berichtet der Icherzähler seine unglaubliche Geschichte und bestätigt Ford auf Nachfrage, dass das wirklich alles wahr sei. Wie Ford in „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ die schöne Lüge der hässlichen Wahrheit vorzieht, sieht es auch Handke als Aufgabe des Dichters darin, das Legendäre und Sagenhafte zu rehabilitieren. Besonders die deutsche Romantik prägt sein Werk, aber auch mittelalterliche Epen, amerikanische Kriminalromane und immer wieder Goethe, dessen die Gegensätze harmonisierenden Gestus Handke naturgemäß nur so weit übernimmt, wie es ein österreichischer Schriftsteller eben kann.

Peter Handke hat aber auch Humor, wenn er beispielsweise mit „Don Juan (erzählt von ihm selbst)“ eine eigenwillige Version der bekannten Geschichte vorlegt: Hier ist der Frauenheld Don Juan einer, der von den Frauen furienartig verfolgt wird und sich deshalb ständig verstecken muss. Der Verführer wird verführt (auch ein interessanter Beitrag zur „MeToo“-Debatte).

Bis heute bricht er aus dem Pariser Umland auf, jene Wirklichkeit suchend, die nicht das Fernsehen oder die digitalen Medien abbilden. Bis zur letzten Konsequenz bleibt Handke bei seinem unbedingten poetischen Blick auf die Welt und sorgte damit jahrelang für Skandale: 1996 veröffentlichte er in der „Süddeutschen Zeitung“ den Reisebericht „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“; der Text wurde als Parteinahme für Slobodan Miloševics interpretiert, man warf Handke die Relativierung des Kriegsverbrechens von Srebrenica vor. Jahre später sagte er in einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“: „Heute ist das Wort ‚relativieren‘ ein Schimpfwort geworden. Ich relativiere.“

Immer wieder für Serbien

Handke beharrte in vielen weiteren Texten darauf, dass das, was die westlichen Medien im Einklang für wahr halten, eben nur die halbe Wahrheit sein kann. Vehement trat und tritt er für eine andere Sicht der Dinge ein, schließlich seien da noch Zeilen jenseits der Schlagzeilen zu lesen. Er sollte sogar als Zeuge für Miloševics vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag aussagen. Er besuchte den Angeklagten in der Zelle und schrieb hinterher mit „Die Tablas von Daimiel“ einen „Umwegzeugenbericht“, dessen literarische Brillanz erschüttert wie es frappiert, dass Handke über Miloševics politische Ausführungen hinwegsieht, „immer wieder in die Betrachtung des einzelnen, in der Tat sehr einzelnen Grashalms, wie er am Fuß der Mauer dicht hinter dem Bürofenster kaum schwankte, während rund um das Gefängnis doch ein wüster Nordseesturm herrschte“. Das Poetische triumphiert hier über das Politische.

Handke verteidigt hier nicht Miloševic, er verteidigt die Poesie in einer unpoetisch gewordenen Welt. Dass dies jene Düsseldorfer Politiker nicht erkennen wollten, die dafür sorgten, dass Handke den ihm bereits zugesprochenen „Heinrich-Heine-Preis“ doch nicht erhielt, verwundert nicht. Dass aber aus politischer Korrektheit Handke noch immer nicht den Literaturnobelpreis gewonnen hat, ist ärgerlich und spricht für den Kleingeist der Schwedischen Akademie. Auch sie weiß offenbar nicht mehr, was schön ist.

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

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