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Koblenz

"Ghetto" am Theater Koblenz: Vom Zwiespalt zwischen Moral und Überlebenswille

Andreas Pecht

Das Theater Koblenz erlebte jetzt die Premiere einer in mehrfacher Hinsicht großen Produktion. Mit „Ghetto“ des israelischen Dramatikers Joshua Sobol kam ein bedeutendes Schauspiel auf die Bühne: über den Zwiespalt zwischen Moralität und Überlebenskampf im Juden-Ghetto von Wilna 1941 bis 1943. Markus Dietze hat es mit 20 Schauspielern, Klezmer-Quartett um Ralf Schurbohm, Kinderchor und allerhand Statisten als opulenten dreistündigen Abend inszeniert – der berührt und nachdenklich stimmt wie kaum ein anderer der bisherigen Spielzeit.

Die Juden litten im Ghetto Wilna, das die Nationalsozialisten 1941 in der litauischen Stadt Wilna (heute Vilnius) errichteten. Einzelne Bewohner kollaborierten mit den Nazis – aus Angst, dem Wunsch nach Bereicherung und dem Willen, möglichst viele vor der Gewalt der SS zu retten. All das thematisiert der Dramatiker Joshua Sobol im Schauspielstück „Ghetto“, das das Theater Koblenz jetzt in einer stimmigen Inszenierung zeigt.  Foto: Theater Koblenz/Baus
Die Juden litten im Ghetto Wilna, das die Nationalsozialisten 1941 in der litauischen Stadt Wilna (heute Vilnius) errichteten. Einzelne Bewohner kollaborierten mit den Nazis – aus Angst, dem Wunsch nach Bereicherung und dem Willen, möglichst viele vor der Gewalt der SS zu retten. All das thematisiert der Dramatiker Joshua Sobol im Schauspielstück „Ghetto“, das das Theater Koblenz jetzt in einer stimmigen Inszenierung zeigt.
Foto: Theater Koblenz/Baus

In Israel löste die dortige Uraufführung 1984 heftige Kontroversen aus. Im Zentrum stand Sobols unerbittlich realistischer Blick auf die von Mangel, Krankheit, Ermordung bedrohte jüdische Ghetto-Gemeinschaft. Er thematisiert Kollaboration mit der SS ebenso wie Kriegsgewinnlertum unter Juden oder politische Widersprüche zwischen ihnen. Dieser Blick stand in einem Gegensatz zur offiziellen Lesart von der solidarischen Notgemeinschaft aller Juden im Leid.

Kunst oder ein Massenmord als kitschiges Musical?

Die von Peter Zadek inszenierte europäische Erstaufführung kurz darauf in Westberlin führte hierzulande wegen des revueartigen Stückcharakters zu argen Irritationen. Gestritten wurde: Ist das Kunst oder Massenmord als kitschiges Musical? In der Berliner Produktion hatte Johann Kresnik die Tänze choreografiert, Esther Ofarim die Rolle der jüdischen Sängerin Chaja übernommen und Giora Feidmann für den Klezmer-Ton gesorgt. Ulrich Tukur spielte Kittel, den gebildeten und kunstsinnigen, doch kaltschnäuzig die „Endlösung“ verfolgenden SS-Kommandanten. Michael Degen brillierte als Gens, Chef der jüdischen Hilfspolizei im Ghetto.

Nach weiteren Inszenierungen etwa in Köln und Düsseldorf klärte sich der Disput: Die deutschen Kritiker wählten „Ghetto“ zum bedeutendsten Stück des Jahres 1985. Eine gute Entscheidung. Das unterstreicht einmal mehr Koblenz mit seiner Produktion, die sich sicher auf dem schmalen Grat zwischen trauernder Poetik, bitterer Satire, giftiger Anklage und verstörenden Fragen bewegt.

Dafür hat Christian Binz eine einfache wie raffinierte Raumkonstruktion auf die Drehscheibe gestellt: Auf der Vorderseite sind das die als Treppe ansteigenden Ränge eines Theaters, die oben begrenzt werden von einem schmiedeeisernen Geländer. Darin eingelassen ist die Inschrift „Teatru Vilna“, typografisch angelehnt an den Schriftzug „Arbeit macht frei“ im Tor zum KZ Dachau. In die Theaterrückseite duckt sich die Bücherkatakombe des Bibliothekars Kruk (Markus Kirschbaum). Er, der linksintellektuelle Parteigänger des Arbeiterrats im Ghetto, ist der innerjüdische Gegenspieler von Gens.

Letzterer hängt der Vorstellung von einer zionistischen Volksgemeinschaft an. Sein Streben gilt der Rettung möglichst vieler Juden. Dafür beugt er sich dem Auftrag der SS zu selektieren, wer leben darf und wer nicht. Dafür unterdrückt er alle Ansätze zu einem Ghetto-Aufstand. Dafür lässt er dem Profiteur Weiskopf (David Prosenc) freie Hand, mit jüdischen Billigarbeitern deutsche Uniformen zu reparieren und reich zu werden. Dafür folgt er dem Wunsch des SS-Kommandanten und lässt den Puppenspieler Srulik eine Theatertruppe aus jüdischen Künstlern aufbauen. Denn wer einen Arbeitsschein hat, der überlebt, wer nicht, wird von der SS getötet.

Reinhard Riecke gibt den Gens nicht als zionistischen Fanatiker, sondern als tragischen Pragmatiker, der den Seinen das Schlimmste antun muss, um so – vielleicht – das Allerschlimmste zu verhindern: die Ausrottung der jüdischen Gemeinschaft. Der Teufel, der ihm im Genick sitzt, das ist SS-Offizier Kittel. Jona Mues lässt keinen Zweifel, dass der Mann ein Schwein ist – mag er als Kabarett-Freund, Saxofon spielender Jazzer oder Verehrer von Chajas Sangeskunst noch so sehr vom SS-Standard abweichen. Mues behält auch in den scheinbar harmlosesten Momenten jenen diabolischen Zynismus, der von jetzt auf gleich in die tödliche Befehle bellende Stentorstimme kippen kann.

Die Marionette in der Rolle des subversiven Narren

Star des Ghetto-Theaters ist Chaja. Julia Steingaß entwickelt die Figur im langen Bogen fabelhaft von geschorener Verhärmung zu stolzer Widerständkeit. Sie hangelt sich trefflich durch deutsche Weisen, jiddische Lieder, jazzige Songs. Eine weitere Frauenrolle ist der Hingucker des Abends: Raphaela Crossey gibt die von Srulik (Stephan Siegfried) geführte Marionette Lina. Das ist ein Bravourstück dem Puppentheater entlehnter Bewegungsart. Zugleich fällt Lina die Rolle des subversiven Narren zu. Am Ende aber wird sie wie alle anderen von Kittel hingemetzelt. Übrig bleibt nur Srulik – um uns diese Geschichte zu erzählen.

Tickets und Termine unter www.theater-koblenz.de

Von unserem Autor Andreas Pecht
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