40.000
Aus unserem Archiv
Mannheim

Gelungenes Großprojekt: Mannheims neue Kunsthalle

Andreas Pecht

Sie ist in Deutschland einer der größten Museumsneubauten jüngerer Zeit: die gestern eröffnete neue Kunsthalle Mannheim. Erstaunlich: Nach nur dreijähriger Bauzeit blieb das Großprojekt mit 68,3 Millionen Euro Baukosten punktgenau im vorgesehenen Rahmen. Weniger erstaunlich: Der Modernebau gleich neben dem Mannheimer Wahrzeichen Wasserturm war in der Bevölkerung umstritten. Doch nun ist der rechteckige Doppelkubus seiner Bestimmung übergeben. Und bei der Erstbegehung kommen wir zu dem Ergebnis, dass der Komplex architektonisch wie inhaltlich eine bemerkenswerte Bereicherung für die Museumslandschaft nicht nur im Südwesten darstellt.

Imposant, modern und sehr viel Platz für die hochkarätige Sammlung.
Imposant, modern und sehr viel Platz für die hochkarätige Sammlung.
Foto: Constantin Meyer/Kunsthalle Mannheim

13 000 Quadratmeter Nutzfläche auf den drei Etagen des Neubaus, davon fast 6000 reine Ausstellungsfläche. Beeindruckend. Doch interessanter noch ist die von den Berliner Architekten Gerkan, Marg und Partner entworfene Struktur des Gebäudes. Außen gänzlich von einem bronzefarbenen Metallgitter ummantelt, gliedert sich das Innere in 13 durch Brücken, Treppen und Terrassen verbundene Ausstellungsareale. Zwischen diesen „Kuben“ genannten, fensterlosen Räumen geben Glaswände immer wieder den Blick frei auf den hübschen Platz um den Wasserturm sowie die weniger ansehnliche geschäftige Nachbarschaft des Stadtkerns.

Zeitgenössische Positionen

Die gesamte Innenraumstruktur gruppiert sich als eine Art „Stadt in der Stadt“, so Kunsthallendirektorin Ulrike Lorenz, um das „Lichtatrium“. Diese Eingangshalle reicht vom Parterre über die gesamte Gebäudehöhe bis zum gläsernen Dach hinauf. Der sehr große, helle, offene Bereich bildet im Innern das bauliche Zentrum einer Konzeption, nach der das Museum ein lebendiger, zur Stadt und den Bürgern hin geöffneter Ort sein soll. Für jedermann frei zugänglich, ist das Atrium multifunktional als Markplatz, Verweilort, Diskussions- und Veranstaltungsforum, Schaufenster der Ausstellungen sowie Informationszentrale für die Besucher gedacht. Elektronische Litfaßsäule nebst interaktiver Infowand über Ausstellungen bis hin zur Suche nach einzelnen Kunstwerken sind hier obendrein frei nutzbare Elemente einer weit ausgreifenden digitalen Strategie.

Gleichwohl steht die direkte Begegnung zwischen Besuchern und originalen Kunstwerken weiter im Mittelpunkt. Und dabei schöpft Mannheim nun aus dem hochkarätigen Vollen. Die neue Kunsthalle startet, so Lorenz, bewusst mit einer „zeitgenössischen, international etablierten Position“: 30 großformatige Werke des Fotokünstlers Jeff Wall belegen im 1000 Qua-dratmeter umfassenden Sonderausstellungsbereich des Erdgeschosses, dass es eine gute Idee war, den Räumen nichts als weiße Wände und einen farblos versiegelten Betonboden zu geben. Dort mit viel Luft gehängt, können Walls leuchtende, alltäglich und wundersam zugleich erscheinende Fotoinszenierungen ihre atmosphärische Dichte trefflich entfalten.

Die übrigen Kuben im Haus sind überwiegend mit Exponaten aus dem Sammlungsbestand der Kunsthalle bestückt. 700 Werke haben den Weg aus den Depots gefunden, ausgewählte Vertreter einer Sammlung, die zu den gewichtigsten in Deutschland mit Gemälden und Objekten insbesondere der klassischen Moderne, Moderne und Postmoderne gehört. Denn der Ausstellungskomplex ist zwar nagelneu, doch das Museum gibt es als bürgerschaftliche Stiftungseinrichtung bereits seit 1907. Von den Ursprungsbauten und dem Erweiterungsbau aus den 1970ern ist nur das historische Portalgebäude im Jugendstil geblieben. Das bildet nun den rückseitigen Abschluss der neuen Kunsthalle und ist mit dieser durch Passagen auf zwei Ebenen verbunden.

Ihrer bürgerschaftlichen Tradition ist die Institution treu geblieben. Auch die neue Kunsthalle wird von einer privatrechtlichen Stiftung getragen. Und von den 68,3 Millionen Euro Baukosten sind allein 50 Millionen Spende eines einzigen Ehepaares, viele Hunderttausend Euro stammen von weiteren Privatspendern, knapp 12 Millionen hat die Stadt Mannheim zugegeben. Schon zur Gründerzeit hatte sich das Mannheimer Museum auf jeweils aktuelle Kunst verpflichtet. Resultat ist ein opulenter Bestand von mehr als 3000 Gemälden und Skulpturen sowie Zehntausenden Zeichnungen, Aquarellen und Druckgrafiken überwiegend aus dem 19. und 20. Jahrhundert.

Immer in Bewegung

Vertreten sind nahezu alle großen Künstlernamen; entsprechend hochkarätig fällt die Eröffnungspräsentation aus, die aber keine Dauerausstellung sein soll. Die Direktorin spricht von einem „Museum in Bewegung“ und meint: „Wir hängen nicht mehr für die Ewigkeit.“ Künftig wird alle paar Monate umgeräumt, werden Werke aus dem Bestand und Leihgaben in andere Zusammenhänge gebracht, unter neuen Blickwinkeln betrachtet. „Wir wollen keine weihevolle Stimmung, wir möchten Diskurse haben, Auseinandersetzungen, Offenheit“, erklärt Ulrike Lorenz.

Zum Start motiviert etwa ein Kubus mit dem Nebeneinander ähnlicher Bildsujets zum Vergleich etlicher Meisterwerke von Pissarro, Monet, Sisly, Munch, Macke, Kirchner, Arp, Liebermann, Corinth, Slevogt. Einen Kubus weiter treffen bildliche wie skulpturale Eva-Motive von Lehmbruck, Feuerbach, Nolde, Beckmann, Kokoschka aufeinander. An anderer Stelle sind Dutzende Ganzkörperskulpturen aus zwei Jahrhunderten unter dem Motto „Menschenmengen“ versammelt oder begegnen sich Bronzen von Moore, Giacometti, Bacon. Im Kubus Nummer drei gibt es nur ein einziges Gemälde: Claude Manets „Die Erschießung Kaiser Maximilians von Mexiko“, mit dem dereinst die Sammeltätigkeit der Kunsthalle begann. Nummer sieben ist Anselm Kiefer gewidmet, von dem die Mannheimer die wohl opulenteste Werksammlung weltweit besitzen.

Mannheim hat einen strahlenden „Leuchtturm“ bekommen, freut sich der Oberbürgermeister. Die Kunstfreunde überall sollten sich derweil eine Adresse wieder dick anstreichen, die über die vergangenen Jahre im Schatten der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen fast verschwunden ist: Kunsthalle Mannheim, Friedrichsplatz 4. Es lohnt sich.

Die Kunsthalle ist von Dienstag bis Sonntag geöffnet. Die Ausstellung „Appearence“ von Jeff Wall ist bis zum 9. September zu sehen. Weitere Infos unter : www.kuma.art

Von unserem Autor Andreas Pecht

Kultur
Meistgelesene Artikel
Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik
Claus Ambrosius 

Leiter Kultur

Claus Ambrosius

 

Kontakt per Mail

Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

Redakteurin Kultur

Anke Mersmann

 

Kontakt per Mail

Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

Redakteurin Kultur

Melanie Schröder

 

Kontakt per Mail

Anzeige
Event-Kalender
Veranstaltungstipps

Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!