40.000
  • Startseite
  • » Kultur
  • » G 20-Gipfel: Gewaltfreiheit ist eine Illusion
  • Aus unserem Archiv

    G 20-Gipfel: Gewaltfreiheit ist eine Illusion

    Man mag vom G 20-Gipfel und den begleitenden Protesten halten, was man will – zwei wichtige Lehren aber sind aus den Tagen in Hamburg zu ziehen: Erstens, es gibt zwei Arten der Gewalt, und zweitens, völlige Gewaltfreiheit kann es nicht geben.

    Nach Tagen der Eskalation ein scheinbarer Moment der Ruhe. Zwei Arten der Gewalt auf einem Bild vereint: Eine junge Demonstrantin sitzt auf der Motorhaube eines martialischen Polizeifahrzeugs.
    Nach Tagen der Eskalation ein scheinbarer Moment der Ruhe. Zwei Arten der Gewalt auf einem Bild vereint: Eine junge Demonstrantin sitzt auf der Motorhaube eines martialischen Polizeifahrzeugs.
    Foto: dpa

    Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

    Was aber sind die zwei Arten der Gewalt? Die erste kann man als subjektive Gewalt bezeichnen, sie zeigt sich zum Beispiel in brennenden Autos oder in Steinwürfen. Die zweite Art der Gewalt jedoch ist in der Regel unsichtbar, sie kann man als objektive oder systemische Gewalt bezeichnen. Diese sorgt in der Regel dafür, dass Ordnung herrscht.

    Gewalt hat viele Gesichter

    Die Verschärfung des Asylrechts oder die Senkung der Sozialabgaben gehören zu dieser unsichtbaren Gewalt – genauso wie etwa Geschwindigkeitsbegrenzungen im Straßenverkehr. Kommt ein Flüchtling aus einem nun als herkunftssicher deklarierten Land, droht ihm die Abschiebung, und fährt ein Bürger zu schnell, wird auch er die systemische Gewalt rasch zu spüren bekommen.

    Die Normalität selbst, der Alltag also, ist immer schon gewaltsam strukturiert. Nicht zufällig spricht man von der Staatsgewalt, deren Repräsentanten sich gerade beim G 20-Gipfel treffen. Ein Polizist ist dabei nichts anderes als ein ausführender Vertreter der Staatsgewalt, der für Ordnung sorgen oder sie wiederherstellen soll.

    Um die zwei Arten der Gewalt zu veranschaulichen, erzählt der Philosoph Slavoj Žižek gern folgenden Witz: Ein Arbeiter wird verdächtigt, zu stehlen. „Jeden Abend, wenn er die Fabrik verlässt, wird die Schubkarre, die er vor sich herschiebt, genau kontrolliert. Doch die Posten können nichts finden, die Karre ist immer leer. Doch schließlich fällt der Groschen: Der Arbeiter stiehlt Schubkarren!“

    Die Schubkarre steht für die objektive Gewalt, die lange Zeit von den Posten nicht erkannt wird, weil sie sich nur auf den möglichen Inhalt der Karre, das heißt, die subjektive Gewalt, konzentrieren. Übertragen auf die G 20-Proteste bedeutet das: Die Gewalt der Demonstranten ist wie der Inhalt der Schubkarre, also offensichtlich. Die Gewalt der Polizei aber ist ein grundsätzliches, notwendiges Teil des Systems, sie ist wie die Schubkarre selbst.
    Das bedeutet aber, dass es absolute Gewaltfreiheit gar nicht geben kann.

    Der Ruf „Keine Gewalt!“ ist zwar gut gemeint, aber auch reichlich naiv – egal, ob er Demonstranten, Polizisten oder Politikern über die Lippen kommt. Demonstranten wollen, sonst wäre ihr Protest völlig sinnlos, wenigstens ein Minimum an Wirkung erzielen, dabei ist eine Konfrontation mit der Staatsgewalt programmiert, insofern die Demonstranten eine andere Ordnung als die herrschende wünschen und das notwendigerweise zu Konflikten mit der Polizei führt, die ja die herrschende Ordnung stabilisieren soll.

    Ohne Reibung kein Protest

    Zu einer ausufernden Gewalteskalation wie gerade in Hamburg muss dies jedoch keineswegs führen – und wer vermöchte zu sagen, wer von beiden Seiten für was genau verantwortlich ist? Demonstrationen können – auch dafür gibt es Beispiele – friedlicher sein, völlig gewaltlos im Sinne der beiden Gewalten aber nicht, sonst entstünde keine Reibung. Und somit kein Anlass für Protest. Dennoch sollte man vor den Bildern aus Hamburg nicht die Augen verschließen, denn es ist selten, dass der Zusammenprall von subjektiver und objektiver Gewalt derart deutlich zutage tritt.

    Die Frage nach Legalität und Legitimität muss selbstverständlich von Fall zu Fall entschieden werden. Fest steht: Die Demonstranten müssen auf dem Boden des Grundgesetzes agieren. Fest steht aber auch: Übertritt der Staat das Recht, indem er das grundgesetzlich verankerte Demonstrationsrecht beschneidet, muss er sich eine Frage gefallen lassen, die bereits der große Kirchenlehrer Augustinus im 5. Jahrhundert formulierte: „Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande?“

    Kultur
    Meistgelesene Artikel
    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik
    Claus Ambrosius 

    Leiter Kultur

    Claus Ambrosius

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Anke Mersmann

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Melanie Schröder

     

    Kontakt per Mail

    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!