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    Frischer Wind für die Museumslandschaft: Wieso Musseen mehr Lobbyarbeit brauchen

    Weichen stellen, Projekte anschieben und Themen auf die Agenda setzen: Beate Reifenscheid, Direktorin des Ludwig Museums Koblenz, plant den Netzwerkgedanken in der deutchen Museumslandschaft stärker zu fördern. Warum? Weil es dringend nötig ist.

    Lieber viel als wenig Arbeit: Beate Reifenscheid führt nicht nur das Ludwig Museum Koblenz. Als Präsidentin leitet sie auch das deutsche Nationalkomitee des Internationalen Museumsrats.
    Lieber viel als wenig Arbeit: Beate Reifenscheid führt nicht nur das Ludwig Museum Koblenz. Als Präsidentin leitet sie auch das deutsche Nationalkomitee des Internationalen Museumsrats.
    Foto: Anke Mersmann

    Weichen stellen, Projekte anschieben und Themen auf die Agenda setzen: Was für Beate Reifenscheid als Chefin des Ludwig Museums seit Jahren zu ihrem Job gehört, um ihr Koblenzer Haus zu leiten, führt sie derzeit zusätzlich auf anderen Ebenen aus: auf nationaler wie internationaler. Sie ist die amtierende Präsidentin von ICOM Deutschland, dem deutschen Komitee des Internationalen Museumsrates (International Council of Museums, kurz ICOM). Damit steht sie an der Spitze eines Interessenverbands, dem in Deutschland nahezu 6000 Museen und Museumsfachleute angehören.

    Seit Beginn dieses Jahres ist sie im Amt, gewählt ist sie bis Ende 2019. Drei Jahre hat Reifenscheid also in einer ersten von zwei möglichen Amtsphasen Zeit, sich für das Nationalkomitee einzusetzen – und damit für die Interessen aller Museen, die dem Verband angehören. Baustellen gibt es viele, findet Reifenscheid – auch solche, die ihrer Meinung nach zu lange nicht von ICOM und ihrem Vorgänger angepackt wurden. Eines ihrer Ziele: Sie will das Nationalkomitee in der öffentlichen und in der politischen Wahrnehmung wieder mehr nach vorn bringen, um dann umso deutlicher Themen und Bedürfnisse für die Museumsarbeit von heute aufarbeiten zu können.

    „Wir waren zuletzt in einem Dornröschenschlaf versunken“, sagt Reifenscheid und spricht davon, dass der Deutsche Museumsbund, ebenfalls ein Interessenverband, wesentlich stärker wahrgenommen wird. „Das war aber nicht immer so. Wir waren lange führend.“ Zu diesem Status möchte Reifenscheid zurückfinden. Zur alten Stärke, die sich auch daraus speist, dass hinter dem deutschen ICOM-Komitee ein weltweites Netzwerk über ICOM International steht, das in Paris angesiedelt ist. 35.000 Mitglieder gehören dem Verband weltweit in nationalen Komitees an, das deutsche ist laut Reifenscheid rein nominell das größte. Reifenscheid will es wieder zu einem der aktivsten, relevantesten machen, indem sie samt ihren Vorstandskollegen Themen setzt. „Wir können ICOM nur über inhaltliche Projekte stärken und so an Projektmittel gelangen. Wir brauchen solche Gelder, um Themen für die Museen aufzuarbeiten“, ist sie überzeugt. Nur: Welche Themen hält sie für relevant?

    Geld natürlich. Die finanzielle Ausstattung öffentlicher Museen in Deutschland ist eines der Themen, die Reifenscheid als ICOM-Präsidentin für Deutschland auf politischer Ebene aufs Tapet bringen möchte und dafür Kontakte geknüpft hat, auch zu Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Ein Gespräch steht noch aus.

    Musentempel waren gestern

    „Die Frage ist doch, wie bekommen wir es hin, dass Museen finanziell wieder anders ausgestattet werden“, sagt Reifenscheid. Im Haushalt des Bundes ist für 2018 eine Erhöhung des Kulturetats um 312 Millionen Euro auf 1,67 Milliarden Euro angekündigt. „Aber kommt das Geld auch bei den Museen an – konkret auch hier in Koblenz?“, fragt die ICOM-Präsidentin. Hier will sie auf politischer Ebene eine Lobby für die Museen bilden und insbesondere darauf aufmerksam machen, welche gesellschaftlich-soziale Rolle den Museen heute zukommt. Es seien längst nicht mehr die Musentempel, als die sie in vorherigen Jahrzehnten mitunter galten.

    Spitz formuliert: Es geht nicht mehr darum, Bilder an die Wand zu hängen. Wir sind mittendrin in gesellschaftlichen Prozessen. Die Erwartungen und Ansprüche an Museen und ihre Nutzung haben sich verändert: kulturelle Bildung und Teilhabe, Integration, Inklusion, all das sollen wir neben der normalen Museumsarbeit leisten, die zudem komplexer wird. Das ist auch alles richtig – nur muss man das personell erst einmal stemmen können, sonst bringt das alles hinten und vorn nichts.

    Vor diesem Hintergrund, eben vor der gesellschaftlichen Bedeutung, will sie über ICOM gegenüber der Politik das von Kulturschaffenden viel beklagte Problem ansprechen, dass die finanzielle Förderung von Kultur nach wie vor als freiwillige Leistung der öffentlichen Hand gilt – und entsprechend in Zeiten knapper Kassen bei Ländern und Kommunen just dort gern gespart wird. „Das ist das Kernproblem für Museen“, meint Reifenscheid. Es bedeute schmale Etats, so schmal, dass an Kunstankäufe nicht im Entferntesten zu denken sei, weniger Personal, schlechte Forschungsbedingungen und ein gewisser Sanierungsstau in vielen Museen. Und es bedeutet auch:

    Öffentliche Museen werden von den Einrichtungen privater Sammler abgehängt, die in den vergangenen Jahren vermehrt ihre Sammlungen öffentlich zugänglich machen – wobei letzteres absolut zu begrüßen ist.

    Was die inhaltliche, auf Belange der Museen ausgerichtete Arbeit angeht, möchte sich Beate Reifenscheid während ihrer ICOM-Präsidentschaft auf Themen fokussieren, von denen einige bereits schon in der Diskussion sind – die Frage, wie Kunstwerke bei Katastrophen, Unglücken oder im Terrorfall geschützt werden können beispielsweise. Hier existiert als weltweit agierende Organisation Blue Shield, die auch in Krisenregionen wie etwa Syrien arbeitet, um kulturelles Erbe in Sicherheit zu bringen.

    Kunst im Notfall schützen

    In Deutschland gibt es bislang keine Sektion, sie ist allerdings in der heißen Phase der Gründung. Ziel ist es, ein engmaschigeres Netzwerk zur Rettung von Kulturgut zu knüpfen, als es bislang über bereits existierende Notfallpläne der Fall ist. Reifenscheid begrüßt das Vorhaben, möchte ICOM als Partner für Blue Shield Deutschland einbinden. „Generell ist das Thema Schutz von Kunst und Kulturgut wichtig und spannend“, meint sie, auch für das Koblenzer Museum. Hochwasser, ein Brand, ein schwerer Sturm: In solchen Fällen will auch die Kunst im Ludwig Museum schnell in Sicherheit gebracht sein.

    Des Weiteren treibt Reifenscheid das Thema der Digitalisierung um, also dass Museen ihre Bestände digitalisieren und in Datenbanken online zugänglich machen: ein weites, allein schon wegen Bildrechten komplexes Feld, das insbesondere kleinere Museen vor Herausforderungen stellt, wie Reifenscheid aus ihrem Koblenzer Haus weiß. Über ICOM könnten Richtlinien und Hilfestellungen ausgearbeitet werden, ein Austausch erfolgen. Überhaupt: der Austausch.

    Auch hier sieht Reifenscheid viel Potenzial, sowohl auf nationaler Ebene wie auf internationaler. Die ICOM-Komitees in Europa möchte sie näher zusammenbringen; ein erster Erfolg war die Ende September von ICOM Deutschland organisierte und in Schweden abgehaltene Konferenz, bei der mit den Nationalkomitees aus Dänemark, Finnland, Island, Norwegen und Schweden über „Difficult Issues“ (schwierige Themen wie Genderfragen oder die Darstellung des Krieges in Museen) diskutiert wurde. In die Vorbereitung dieser Konferenz steckte Reifenscheid viel Zeit, weil sie ein erstes Signal für ihre angestrebte internationale Ausrichtung des deutschen Museumsrats unter ihrer Präsidentschaft sein sollte.

    Zudem will Reifenscheid die Drähte zu ICOM International mit Sitz in Paris wieder heißer werden lassen, die laut ihrer Aussage vor ihrer Amtszeit recht abgekühlt waren: Die Bemühungen trügen schon Früchte. Wichtig findet Reifenscheid den Kontakt nach Paris zudem, weil ICOM in Paris im selben Haus wie die Unesco sitzt und ein guter Austausch bestehe. Hier gelte es, auch in die Zusammenarbeit mit dem deutschen Nationalkomitee zu intensivieren. Beide Organisationen sind aus ihrer Historie heraus verbunden: Das International Council of Museums wurde 1946 in Zusammenarbeit mit der Unesco gegründet.

    Blick nach Afrika

    Intensivieren möchte Beate Reifenscheid zudem noch etwas – oder besser gesagt, sie möchte etwas schärfen: den Blick der Ausstellungsmacher auf Afrika. „Ich möchte anregen, dass wir uns mit der dortigen Kunst- und Museumsszene befassen“, sagt sie. Dies sei an der Zeit, wie auf der Biennale in Venedig und auf der documenta in Kassel deutlich geworden sei.

    Die Idee, dass sich ICOM Deutschland mit Afrika befasst, ist zwar nicht neu, wurde schon im Verband diskutiert, Reifenscheid aber möchte einen anderen Ansatz verfolgen, als Geld in afrikanische Museen zu schicken: Sie möchte Kooperationen mit Ausstellungsmachern anregen, Konferenzen, es Museumsprofis aus Afrika ermöglichen, in die Arbeit deutscher Museen zu schnuppern: All dies möchte Reifenscheid anregen – mit dem im Sommer veröffentlichen Eckpunktepapier der Bundesregierung im Hinterkopf, laut dem die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Afrika gestärkt werden soll. In einer solchen Gemengelage wird gern der kulturelle Austausch gefördert, sprich: Gelder sind zu erwarten.

    Doch ungeachtet all der Pläne der ICOM-Präsidentin für Afrika, für Europa und Deutschland, bleibt die Frage, ob sie mit ihrem Amt auch konkret etwas für das Ludwig Museum erreichen kann. Sie lässt daran keinen Zweifel: „Man registriert ja, wo ich als Präsidentin des deutschen Museumsrats arbeite. Das Ludwig Museum Koblenz wird eins zu eins genannt, die Wahrnehmung ist riesig“, meint Reifenscheid und spricht von Chancen der Vernetzung, die sowohl global sind als auch bis ins Land, bis in die rheinland-pfälzische Landesregierung reichen. Zudem möchte sie 2018 einen Kongress für ICOM Europa in Koblenz abhalten, und mit ihrer Kollegin für die Beneluxstaaten und Frankreich gibt es Überlegungen, wie man stärker kooperieren kann. „Dass sich so etwas“, bekräftigt Reifenscheid, „auch in Ausstellungen niederschlägt, ist ja klar.“

    Von unserer Redakteurin Anke Mersmann

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