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    Frankfurter Buchmesse: Verleger aus dem Land überleben in der Nische

    Regionaler Blick ins hessische Literaturmekka: Buchverleger aus Rheinland-Pfalz zwischen Spitzentiteln und Mindestlohn – das eine haben sie, das andere nicht. Wie sie auf dem Buchmarkt ihre Exsistenz sichern, erzählen sie rund um das Rheinland-Pfalz-Podium .

    „Francfort en français – Frankfurt auf Französisch“: Eine persönliche Bindung zum diesjährigen Ehrengastland und dessen Sprache haben auf der Frankfurter Buchmesse auch regionale Verleger.
    „Francfort en français – Frankfurt auf Französisch“: Eine persönliche Bindung zum diesjährigen Ehrengastland und dessen Sprache haben auf der Frankfurter Buchmesse auch regionale Verleger.
    Foto: Melanie Schröder

    Noch bis zum Sonntag schlägt Frankfurt im Takt des Savoire-vivre, der französischen Lebenskunst – und vor allem der französischen Sprache. Die ist nämlich die Herzkammer der diesjährigen Buchmesse. Das Gastland Frankreich präsentiert die Welt französischsprachiger Autoren – immerhin in rund 80 Ländern zu Hause – dabei jung und zukunftsorientiert.

    Nicht nur weil der Ehrengastpavillon eine von Designstudenten der Universität Saint-Étienne simple, auf die Essenz „Buch“ reduzierte Landschaft ist, deren minimalistische Ikea-Regal-Optik so vielleicht eher von einem hippen skandinavischen Kreativteam zu erwarten gewesen wäre. Sondern auch, weil zwei Schwerpunkte des Gastlandauftritts darauf verweisen, wo die Zukunft der Branche liegt, wo die Leidenschaft fürs Lesen geboren wird: Etliche Quadratmeter sind der Kinderbuchliteratur gewidmet. Und großartig, weil reichhaltig, wird auch die traditionsreiche Comickultur Frankreichs präsentiert, die in den schillerndsten Farben die Gegenwartsliteratur des Landes zum Blühen bringt – und damit auch eine junge, jüngere Leserschaft.

    Am Samstag und Sonntag öffnet die Buchmesse für Privatbesucher.
    Am Samstag und Sonntag öffnet die Buchmesse für Privatbesucher.

    Verlage aus dem Land erzählen

    Natürlich ist nicht neu, dass Lesen diesen Jungbrunnen benötigt, um zukunftsfähig zu sein, aber es ist eine Thematik, die immer beschäftigt. Auch Verlage aus dem Land, die auf der Buchmesse rund um das Podium Rheinland-Pfalz zum Teil ganz eigene Geschichten zur Verbindung zwischen deutschem Büchermarkt und französischer Sprache erzählen können. Wie etwa Rolf Schmiedel, Verleger aus Kaiserslautern.

    Er hat 2015 den Luterina-Verlag gegründet. An sich gewagt, in Zeiten, in denen sich die Buchbranche zwar, über Jahre betrachtet, über weitgehend stabile Zahlen freuen kann, doch im Vergleich zum Vorjahr die Einnahmen immerhin um 1,4 Prozent gefallen sind und der stationäre Buchhandel nach Angaben des Börsenvereins des deutschen Buchhandels sogar 3,4 Prozent eingebüßt hat. Schmiedel schreckt das nicht: „Wer eine Nische besetzt, hat eine Chance, wirtschaftlich zu überleben.“ Und für ihn ist diese unter anderem der deutsch-französische Austausch. In der Reihe Edition Belleville verlegt er Autoren aus Frankreich, die über Deutschland schreiben. Der erste Titel ist frisch auf dem Markt, der zweite in Übersetzung. „Wenn man eine literarische Verbindung zwischen beiden Ländern sucht, gibt es da nicht viel außer Kochbüchern und Reiseratgebern. Das ist schade, denn jährlich werden etwa 1100 Titel aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt. Umgekehrt sind es noch weniger. Da Deutschland und Frankreich in der Buchproduktion mit 90 000 Titeln im Jahr etwa gleich auf sind, ist das schon ein Armutszeugnis“, sagt er.

    Besucher können die Frankfurter Buchmesse am heutigen Samstag und Sonntag besuchen. Auf dem Rheinland-Pfalz-Podium (Halle 3.1, Stand F 9) wird an beiden Tagen Programm geboten.

    Unter anderem ist am Samstag, 14 bis 14.30 Uhr, Burgenblogger Timo Stein zu Gast, um über seine literarisch-journalistische Arbeit auf der Raubritterburg Sooneck im Mittelrheintal zu erzählen. Am Sonntag lesen an gleicher Stelle etwa die Regionalautoren Anja Balschun, Bernd von Hersel und Jan Bergrath unter dem Titel „Rheinisch kriminell“.

    Das gesamte Programm des Rheinland-Pfalz-Podiums im Verlagskarrees finden Sie unter www.verlags-karree.de im Internet. Die Buchmesse ist samstags und sonntags ab 9 Uhr geöffnet. Weitere Infos, Ticketpreise und das ausführliche Programm gibt es online unter www.buchmesse.de

    Mit französischsprachigen Autoren hat auch die Mainzer Verlegerin Donata Kinzelbach zu tun. Sie widmet sich der Literatur aus den Maghreb-Staaten – Tunesien, Marokko und Algerien. Da der arabische Buchmarkt sehr limitiert ist, müssen sich ihre Autoren zwangsläufig der französischen Sprache bedienen, um in Europa eine Chance zu haben. Kinzelbachs Nische funktioniert, doch im Land hat sie es schwer: „Ich wäre überall besser aufgestellt als in Mainz. Zum Arbeiten müsste ich nach München, Frankfurt oder Berlin, weil dort Multikulti angesagt ist und Buchhändler offener für solche Titel sind.“ Dabei hat Kinzelbach schon auch Erfolg – etwa mit ihrer Autorin Mina Oualdlhadj. Ihr 2009 erschienenes Buch „Mimi und Aïcha“ ist Pflichtlektüre in deutschsprachigen Schulen in Belgien. „Dort hat man erkannt, dass dieses Buch mit Tiefsinn eine marokkanische Jugend in Europa beschreibt. Es sensibilisiert für verschiedene Lebenswelten“, sagt Kinzelbach.

    Für ihren kleinen Verlag, der bis zu zehn Titel im Jahr herausgibt, ist Zukunftsfähigkeit ein heikles Thema. „Es wird immer schwerer. Buchhändler setzen auf die großen Listen, denn es ist natürlich einfacher, etwas abzuverkaufen, was überall auf der Bestenliste steht. Als ich angefangen habe, gab es Buchhandlungen, die ein Abo abgeschlossen und damit von jeder Neuerscheinung zehn Exemplare geordert haben. Jetzt habe ich keine einzigen Abonnenten mehr. Es ist ja auch bekannt, dass man bei den großen Buchhandlungsketten für ein Regalbrett bezahlen muss. Das können kleine Verlage in keinem Fall leisten.“ Regionale Buchhandlungen sind für Kinzelbach auch kein Anlaufpunkt – häufig höre sie: „Das wird nicht nachgefragt.“ Ganz anders ist das beim erfolgreichen und sogar wachsenden Geschäft mit regionaler Literatur. Dieser verschreiben sich kleine Verlage im Land selbstverständlich auch. So wie der Rhein-Mosel-Verlag mit Sitz in Zell an der Mosel. Chef Arne Houben schafft mit seinem Programm auf der Buchmesse sogar eine kleine große Attraktion.

    Regionaler Antikrimi mit Strahlkraft

    Kamerateams versammeln sich rund um das Rheinland-Pfalz-Podium, als vier von Houbens Autoren zu einer Lesung antreten. Unter dem Titel „Zappenduster“ haben die Männer mit Knasterfahrung eine Anthologie geschrieben – wiederum ein Nischenprodukt, das unheimliches Interesse weckt. „Es gibt ja überall Regionalkrimis, und immer ist es so, dass ein braver Bürger an seinem Schreibtisch sitzt, um krampfhaft ein möglichst großes Verbrechen literarisch zu verarbeiten, und die Leute ergötzen sich daran. Aber hier liegt sozusagen ein Antikrimi vor, es wird nichts fantasiert“, erklärt er seine Motivation, dieses Buch zu verlegen.

    Ein Glücksgriff, der vermutlich ein Einzelphänomen inmitten unzähliger fantasierter Kriminalgeschichten bleibt. Genau mit diesen verdient etwa Barbara Jost ihr Geld. In ihrem Kontrast-Verlag in Pfalzfeld boomt Regionalliteratur: „Alles, was mit Heimat zu tun hat, läuft – seien es Krimis, Kochbücher, Historienromane. Auch wenn sie keine überregionale Reichweite haben, vor Ort werden sie gekauft“, sagt sie und kann eine beispielslose Erfolgsgeschichte dazu erzählen. Zwei Wochen vor Weihnachten gab sie 500 Exemplare von Ulrike Platten-Wirtz' Buch „Überm Abgrund“ in den Druck, ein Regionalkrimi zur Hunsrücker Hängeseilbrücke Geierlay. „Nach einer Woche war alles verkauft.“ Klingt beinah nach einer sorgenfreien Zeit für Regionalverlage? „Sagen wir so, dass ist die Nische, in der man überleben kann.“ Und die Jost auch dringend braucht. Auf die Frage, ob sie sich selbst den Mindestlohn zahlen könne, entgegnet sie: „Nein, gar nicht“, fast so als sei das selbstverständlich in einem Geschäft, das vor allem auf einem fußt: Liebe zum Buch.

    Ihre Zukunft sehen kleine Verlage aus dem Land allesamt in einem zugespitzten Profil. Wenn das nicht nur die Vielfalt der Literaturwelt belebt, sondern auch den dieser Tage viel bemühten Ausdruck der Völkerfreundschaft – etwa zwischen Deutschland und Frankreich – stärkt, dann lebe die Nische.

    Rolf Schmiedel ist Chef des Lutrina-Verlags in Kaiserslautern.
    Rolf Schmiedel ist Chef des Lutrina-Verlags in Kaiserslautern.
    Foto: Melanie Schröder

    Ein Verlag, ein aktueller Titel: Der Lutrina-Verlag

    „Paris – Berlin und retour.“ ist das erste Buch der Reihe Belleville, in der Autoren aus Frankreich ihre Sicht auf Deutschland darlegen. Der Autor Clément Bénech ist in Paris geboren, hat in Paris und Bourdeaux studiert und zudem ein Jahr in Berlin gelebt. Diesen Aufenthalt nimmt er zum Anlass, eine fiktive Geschichte über seine Sicht auf Deutschland zu erzählen. Der Protagonist seiner Erzählung befindet sich in einer ähnlichen Situation wie der Autor selbst: Er ist von seiner Freundin getrennt, sie lebt in Paris, er in Berlin. Dort trifft er auf eine junge Frau, und die Geschichte nimmt ihren Lauf. Bénechs Blick auf Deutschland: vor allem einer voller Liebe.

    Donata Kinzelbach verlegt Autoren aus Nordafrika. In Mainz – ihrer Herzensstadt – hat sie es damit schwer.
    Donata Kinzelbach verlegt Autoren aus Nordafrika. In Mainz – ihrer Herzensstadt – hat sie es damit schwer.
    Foto: Melanie Schröder

    Ein Verlag, ein aktueller Titel: Der Kinzelbach-Verlag

    Verlegerin Donata Kinzelbach möchte das Wort für Youssouf Amine Elamany ergreifen: Sein Roman „Gestrandet“ behandelt Flüchtlingsthematik und handelt von dem Weg, den zwölf Männer und eine schwangere Frau von Marokko nach Spanien auf sich genommen haben. Die Geschichte geht zurück auf eine wahre Begebenheit, alle sind bei der Überfahrt ums Leben gekommen. Eine kleine Meldung in der Zeitung hat der Autor zum Anlass genommen, die fiktiven Geschichten zu diesen Personen zu erzählen. Hintergründe der Flucht werden dargelegt, und das „so unheimlich packend und einfühlsam, dass es absolut lesenswert ist“. In Marokko hat Elamany für sein Erstlingswerk den höchsten Literaturpreis des Landes gewonnen.

    Arne Houben leitet den Rhein-Mosel-Verlag in Zell. Sein Schwerpunkt: Regionalliteratur mit Charakter.
    Arne Houben leitet den Rhein-Mosel-Verlag in Zell. Sein Schwerpunkt: Regionalliteratur mit Charakter.
    Foto: Melanie Schröder

    Ein Verlag, ein aktueller Titel: Der Rhein-Mosel-Verlag

    Dieses Buch ist schon aufgrund seiner Entstehungsgeschichte spannend: Etliche Jahre hat Axel Hesse gebraucht, um die Jahre, die er an der Mosel gelebt hat, auf Buchseiten zu bannen. Der Sohn eines Kölner Kneipiers verließ schon vor Jahren seine Wahlheimat Berlin, um an der Mosel für eine Zeit Fuß zu fassen. In „O Mosella“ wirft er einen Blick durch die Hauptstadtbrille auf die Provinz und lässt seine Zeit vor Ort anekdotisch Revue passieren. Der Leser erfährt vom Wesen der Moselaner, die häufig so simpel in ihrer Art sind, „dass kein Raum für große Gedanken bleibt“, meint Hesse. Mit liebvollem und ehrlichem Blick berichtet er vom Moseltal, dass er als sterbende Region erlebt hat – im Vergleich zur Blüte Berlins. Er selbst genoss während seiner Jahre an der Mosel den Ruf des Sonderlings.

    Barbara Jost betreibt den Kontrast-Verlag in Pfalzfeld und ist Vorsitzende des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels im Landesverband Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland.
    Barbara Jost betreibt den Kontrast-Verlag in Pfalzfeld und ist Vorsitzende des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels im Landesverband Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland.
    Foto: Melanie Schröder

    Ein Verlag, ein aktueller Titel: Der Kontrast-Verlag

    „Spur der Laster“ ist ein Faction-Thriller, in dem Fiktion auf Wirklichkeit trifft. Jan Bergrath verhandelt darin das Lohndumping in der Logistikbranche, vor allem mit Fahrern aus Südosteuropa – dieses Thema ist ihm auch aus seiner journalistischen Arbeit heraus vertraut. Die Geschichte spielt im Raum Köln: Ein Autor überlegt sich, einen Mord zu begehen, und ist sich relativ sicher, dass er als Schriftsteller, der auf dem Papier so viele Verbrechen erdacht und durchdacht hat, den perfekten Mord begehen kann. „Wie genau das funktioniert, kann man nachlesen“, sagt Jost lachend.

    Von unserer Redakteurin 
Melanie Schröder

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