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Bonn

Formel der Weltzerstörung im Irrenhaus: "Die Physiker" in Bonn

Seit Januar wird Friedrich Dürrenmatts Stück „Die Physiker“ in einer ansehnlichen Bearbeitung am Staatstheater Mainz gespielt. Jetzt hat auch das Theater Bonn eine Neuinszenierung der Tragikomödie aus der Zeit des Kalten Krieges herausgebracht. Das Werk von 1962 dieser Tage auf den Spielplan zu setzen, ist naheliegend.

Foto: Thilo Beu/Theater Bonn

Denn wie in beiden Fällen zu sehen, bewährt es sich als scharfer Kommentar zu einer Gegenwart, in der Technik und Ökonomie mit nie da gewesenem Tempo Lebensweise und -grundlage der Menschen umwälzen respektive zerstören. Regisseur Simon Solberg hat in den Kammerspielen Godesberg das Geschehen um drei verrückte Physiker auf 90 Minuten konzentriert. Der von ihm selbst kreierte Bühnenraum gibt den Blick frei in eine Art Höhlenkuppel. Vertikal und horizontal gerundet, erinnert das an eine Sternwarte oder ein Rundumkino: Auf den Hintergrund werden Landschaftspanoramen projiziert, am vorderen Rand auf einer kleinen runden Leinwand katastrophische Filmsequenzen aus der jüngeren Zivilisationsentwicklung abgespult.

Wie an König Artus' Tafel

In der Bühnenmitte steht ein kreisförmiges Bassin. Darum versammelt sich anfangs das Ensemble wie die Ritter um König Artus‘ Tafel, bevor sie zur Suche nach dem Heiligen Gral aufbrechen. Nachher wird daraus ein Planschbecken, in dem Möbius seine Pflegerin Monika (Johanna Falkner) ersäuft, um seine Geisteskrankheit zu beweisen, und schließlich zusammen mit den beiden anderen Irren – Beutler alias Newton (Glenn Goltz) und Ernesti alias Einstein (Holger Kraft) – den eigenen Leib in Unschuld wäscht.

Warum lässt Dürrenmatt die drei Physiker in einer Nervenheilanstalt einsitzen? Weil Möbius dort seine Entdeckung der „Formel aller denkbaren Erfindungen“ durch vorgetäuschte Verrücktheit vor dem selbstzerstörerischen Zugriff der Welt bewahren will, während die Mitinsassen als Agenten äußerer Mächte ihm diese abjagen wollen.

Solbergs Inszenierung spielt raffiniert mit der Frage: Was ist irre, was gespieltes Irresein und was Normalität? Wechsel aus klassischen und poppigen Musikeinspielern sowie ein Gong gliedern das Geschehen. Wenn Letzterer erklingt, bricht mit Aufrufen zu Essensausgabe oder Beschäftigungstherapien „Anstaltsnormalität“ aus. Da wird es dann jedes Mal richtig irre: Eine riesige Pille rollt über die Bühne, Pfleger gruppieren hektisch sämtliche Requisiten um – bis die ausflippenden Patienten wieder ruhiggestellt sind.

Gieren nach der Möbius-Formel

In solchem Umfeld kann keiner geistig gesund bleiben, nicht mal der depperte Kommissar (Manuel Zschunke), der drei Schwesternmorde aufzuklären hätte. Wobei hier die kleine Leinwand mit ihren Bildern von Atomkrieg und Umweltzerstörung stets den Dürrenmatt‘schen Gedanken präsent hält, dass gerade die reale Menschenwelt draußen geisteskrank ist. Und zwar so arg, dass sie nach der Möbius-Formel giert – um sich blindwütig den Garaus zu machen.

Sören Wunderlich formt seinen Möbius zum tragischen Zentrum des Abends. Um die Tragweite seiner Entdeckung wissend, lastet die Verantwortung für das Schicksal der Menschheit auf seinen Schultern. Wie geht ein schüchterner, von Selbstzweifeln geplagter Wissenschaftler mit solch einer Situation um? Es entgleitet ihm die Grenze zwischen vorgetäuschtem und tatsächlichem Wahnsinn – was Sören Wunderlich, inmitten einer an fein gesetzten komischen Momenten reichen Inszenierung, trefflich ausspielt.

Wenn am Ende die Anstaltsleiterin (Sophie Basse) als Popdiva im Glitzerkostüm nach der Weltherrschaft greift, ist auch das ein sinnfälliger Brückenschlag zur Gegenwart. Kommt doch gegenwärtig jede wissenschaftlich-technische Neuerung mit dem Versprechen daher, unser aller Leben angenehmer, vergnüglicher, sicherer, länger zu machen. Die Bonner „Physiker“: sehenswert.

Weitere Informationen zum Stück und zum Kartenvorverkauf online unter www.theater-bonn.de

Von unserem Autor Andreas Pecht

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