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    MainzEin "Volksfeind" zwischen Polit-Event und Theaterkunst

    Nach der Pause steht auf der Bühne nur noch ein Rednerpult. Von dem aus begrüßt Markus Müller, Intendant des Mainzer Staatstheaters, das Publikum zu einer Versammlung des freien Disputs über brennende Gegenwartsfragen. Und tatsächlich kann nach einer flammenden Ansprache von Schauspieler Klaus Köhler alias Kurdoktor Stockmann jeder Theaterbesucher das Wort ergreifen.

    Ein Doktor Thomas Stockmann mit weit vom Original abweichendem Text: Klaus Köhler.  Foto: Bettina Müller
    Ein Doktor Thomas Stockmann mit weit vom Original abweichendem Text: Klaus Köhler.
    Foto: Bettina Müller

    Von unserem Autor Andreas Pecht

    Diese so befremdliche wie interessante Grenzauflösung zwischen Bühnenereignis und Wirklichkeit ist Teil der Mainzer Inszenierung von Henrik Ibsens Schauspiel „Ein Volksfeind”, die schon vor der Pause mit plakativem Hier und Heute nicht spart.Die Debatte verläuft weniger lebhaft als wahrscheinlich vom Regieteam um Dariusch Yazdkhasti erhofft. Gleichwohl macht sie deutlich, warum dies Stück seit seiner Uraufführung 1883 stets Kontroversen aufwirft: Es zeigt eine Mehrheitsgesellschaft, die um des ökonomischen Vorteils Willen Ehrlichkeit, Moral, Redefreiheit, Natur- und Menschengesundheit in den Wind schreibt. Es stellt dieser Gemeinschaft mit dem Kurdoktor einen einsamen Widersacher entgegen, der fast fanatisch an der Wahrheit vom verseuchten Kurbadwasser festhält, die alle anderen vertuschen wollen – und der in besagter Ansprache die „kompakte Majorität” mitsamt ihren Funktionären in Politik und Medien als diktatorisch, verlogen, verkommen geißelt.

    Ibsen stellte in teils bewusst grotesker Überspitzung zwei Extreme gegeneinander. Daraus bedienten sich die Nazis und machten etwa ihre Verfilmung mit Heinrich George zum Plädoyer gegen die Demokratie. Daraus zogen vorher und später viele Theatermacher Betrachtungen über die Spannungen zwischen Individuum und Allgemeinheit, über die fatalen Wirkungen des Kapitalismus sowie über die Gefahren autoritär-populistischer Tendenzen. Verdienst der Mainzer Inszenierung ist es, dass sie solch kontroverse Interpretationen nicht als absolut vorgibt, sondern sie zur Diskussion stellt.

    Im ersten Teil des zweieinhalbstündigen Abends wird der machtbesessene Eigennutz des Bürgermeisters (Henner Momann) rabiat auseinandergenommen. Ebenso ergeht es dem wirtschaftlichen Opportunismus bei den Pressevertretern Hovstad und Billing (Sebastian Brandes/Nicolas Fethi Türksever) sowie bei Aslaksen (Armin Dillenberger), dem Vorsitzenden der dominanten Bürgervereinigung. Da „bereichert” die Regie das Schauspiel mit der Manier von Satire-Sketchen, wie man sie heute aus Kabarett-/Comedy-Sendungen kennt, und mit Elementen des Pop-Musicals. Dem Schauspielfreund schlagen bald zwei Herzen in der Brust. Denn hier wird gesungen, getanzt, abgewatscht oder in grobschlächtiger Dramatik gekeift und geschrien, was das Zeug hält. Das ist einerseits amüsant, giftig, politisch engagiert; wirkt andererseits, als sei Ibsen mit der Kettensäge inszeniert.

    Im zweiten Abendteil stürzt dann die weit vom Original abweichende Aktualisierung der Doktor-Rede vor der Volksversammlung das Publikum in Konflikte. Beifall von den Rängen, solange Klaus Köhler mit Verve die Missstände, die Macht des Kapitals, die Wachstumsideologie und die allgemeine Fixierung auf das Konsumprimat in der (heutigen) Gesellschaft anprangert. Irritation bis Entgeisterung, wo er die vermeintliche „Demokratiediktatur” angreift.

    Nach der realen Saaldiskussion ist der Stückschluss wieder in den Bühnenraum verlegt – und landet plötzlich doch noch in Ibsen'scher Atmosphäre. Die berufliche Vernichtung des „sturen” renitenten Kurdoktors sowie seiner schwangeren Frau vollzieht sich als intensive Schauspieltragödie. Hier und auch zuvor, ist die Katherine von Anika Baumann die vielleicht spannendste Figur: Eine erst lebensfrohe Frau, die in Sorge um das Auskommen der jungen Familie ihren Mann zu bremsen sucht, die ihm dann aber am Ende entschlossen zur Seite tritt – gegen den korrupten Rest der Welt.

    Ibsens „Volksfeind” ist in Mainz mehr interessanter Polit-Event denn hohe Theaterkunst. Mag sein, die Zeiten erfordern auch das.

    Termine und Karten unter Tel. 06131/285 12 22

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