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Ein überholtes Frauenbild: Die beherrschte Frau

Melanie Schröder

Wenn Frauen die Macht hätten, müssten Männer büßen: Dieses Szenario entwirft die britische Autorin Naomi Alderman in ihrem Roman „Die Gabe“ (Original: „Power“). Ausgangspunkt dieser Zukunftsvision sind Übergriffe auf Frauen. Doch dann verkehren sich die Machtstrukturen, und Männer werden – teils brutal – beherrscht. Schon jetzt wird das Buch der Professorin für kreatives Schreiben als künftiger Klassiker gehandelt. Die Veröffentlichung auf Deutsch wurde vorgezogen aufgrund der internationalen Debatte um sexuelle Gewalt und Machtmissbrauch, die sich unter dem Schlagwort #MeToo (Ich auch) zu einem Großbeben ausgeweitet hat. „Die Gabe“ scheint einen Nerv zu treffen: Der Roman spielt mit der Sehnsucht nach einer Korrektur der Geschlechterrollen und dem Wunsch nach weiblicher Selbstermächtigung. Frauen sollen als das starke Geschlecht erkennbar werden, Machtpositionen besetzen und (aus-)nutzen – so wie es, überspitzt gesagt, Männer jahrhundertelang getan haben.

Die Frau von heuteIn einer fünfteiligen Serie beleuchtet unsere Kulturredaktion das Thema Frau und Weiblichkeit in der Gegenwart. Heute erscheint der letzte Teil: Teil 1: 	Die beherrschte Frau Teil 2: 	Die feministische FrauTeil 3: 	Die intellektuelle Frau Teil 4: 	Die modische FrauTeil 5: Die erfolgreiche Frau
Die Frau von heuteIn einer fünfteiligen Serie beleuchtet unsere Kulturredaktion das Thema Frau und Weiblichkeit in der Gegenwart. Heute erscheint der letzte Teil: Teil 1: Die beherrschte Frau Teil 2: Die feministische FrauTeil 3: Die intellektuelle Frau Teil 4: Die modische FrauTeil 5: Die erfolgreiche Frau

Vielleicht rührt der große Wirbel um „Die Gabe“ daher, weil die anhaltende und notwendige #MeToo-Debatte derzeit ein gegenteiliges Bild von Weiblichkeit nahelegt, das nicht mehr zeitgemäß erscheint: Frauen sind noch immer das beherrschte Geschlecht. Weil sie massenhaft Opfer sexueller Gewalt werden – selbst in demokratischen Gesellschaften. Weil sie sich zudem oft beherrschen, vernehmbar gegen männliche Machtdomänen, Gewalt und Grenzverletzungen vorzugehen – aus ganz individuellen Gründen: Scham, Ohnmacht, seelischer wie körperlicher Verletzung, Abhängigkeit.

Zumindest erlaubt die #MeToo-Debatte einen solchen Rückblick auf die 80er-, 90er-Jahre. Bis in diese Zeit reichen viele der heftigen Anschuldigungen gegen Männer vor allem aus der Kulturbranche zurück. Die Relevanz der Debatte ist deshalb aber nicht verjährt; Frauen schildern auch aktuell Vorfälle sexueller Gewalt oder Sexismus. Offen bleibt aber, ob sie heute anders damit umgehen als noch vor 20 oder 30 Jahren. Denn #MeToo sagt nichts über deren Handeln aus. Wortmeldungen zeigen nicht, wie sie etwa auf Nötigungen reagieren oder aus welchen – auch nachvollziehbaren – Gründen sie es nicht tun. #MeToo endet beim Benennen von Unrechtserfahrungen. Und genau deshalb mehren sich kritische Stimmen: Die Debatte manifestiert die Opferrolle der Frau sowie ihre Passivität – genauer gesagt, dass sie beherrscht wird.

Svenja Flaßpöhler, Chefredakteurin des „Philosophie Magazins“, kritisierte etwa, #MeToo vermittele ein Frauenbild, das die Gesellschaft zurückwirft. Frauen würden als Spezies gekennzeichnet, die sich nicht wehren könne. „Das reaktiviert ein Frauenbild aus dem 19. Jahrhundert“, erklärt sie in der Talkshow Maybrit Illner. Das Kernproblem struktureller Frauenfeindlichkeit ließe die Debatte zudem unberührt. Laut Flaßpöhler wird das Weibliche noch immer nicht als eigene potente Größe in der Begehrenslogik gedacht, sondern wesentlich aufs Männliche bezogen. Alles kreise nach wie vor um einen allmächtigen Phallus, „aber nie geht es um die weibliche Lust“.

Auch wenn #MeToo ein denkbar sensibler Anlass ist, um diese Diskussion anzustoßen – erzählt die Bewegung doch primär von Machtspähren und nicht vom sexuellen Begehren –, verweist Flaßpöhler auf einen interessanten Aspekt, der der Debatte zu Nachhaltigkeit verhelfen könnte. Schließlich fragt sie, wie sexuell selbstbestimmt und selbstbewusst Frauen im 21. Jahrhundert agieren und ob sie Selbstermächtigung wirklich ausschließlich über eine Opferrolle erfahren und auch selbst Gestalterinnen der Realität sind.

Intensiv hat sich die Psychologin Sandra Konrad diesem Thema gewidmet. In ihrem Buch „Das beherrschte Geschlecht“, das im Dezember 2017 erschienen ist, legt sie dar, dass Frauen außerhalb fester Beziehungen noch heute selten sexuell selbstbestimmt auftreten. Sie führt dies zunächst auf eine lange Geschichte der männlichen Herrschaft zurück: „Die sinnliche, ekstatische, sexuell aktive Frau war so lange der Gefahr ausgesetzt, als Hure, Hexe oder Schlampe verschrien zu werden, dass Scham und Schuldgefühle zum natürlichen Begleiter der Frau wurden.“ Bis heute kämpften Frauen mit dieser historischen Last.

Patriarchales Denken wirkt laut Konrad fort – auch bei Frauen: Der Mann begehrt, die Frau wird begehrt, der Mann nimmt eine aktive, die Frau eine passive Rolle ein. „Der Unterschied von damals und heute ist jedoch, dass die Frau, die zum Objekt des Begehrens wird, sich in dieser Rolle mächtig fühlt. Alle Blicke ruhen auf ihr, sie ist verführerisch, sie ist bedeutungsvoll, sie ist jemand. Begehrt zu werden, ermächtigt für den Moment, aber hilft diese Macht der Frau, vom Lustobjekt zum selbstbestimmten Lustsubjekt zu werden?“

Nein, scheint Konrad einem zwischen den Zeilen zurufen zu wollen, und tatsächlich fällt es nicht schwer, Beispiele heranzuziehen, die ihr Recht geben: Viele junge Frauen vollziehen den Wandel vom Mädchen zum Sexsymbol mit Disziplin. Es wird ihnen medial vorgelebt. Shows wie „Germanys Next Topmodel“ etwa prägen Generationen. Mädchen mausern sich dabei zu nicht viel mehr als normierten, sexy Schaufensterpuppen, die versuchen, Anweisungen gehorsam umzusetzen. Und wenn Miley Cyrus 2013 nackt auf einer Abrissbirne durch das Musikvideo „Wrecking Ball“ schwingt und dabei ihrer großen Liebe hinterhertrauert, vollzieht sie als ehemaliger Kinderstar den gleichen Wandel vom braven Mädchen zum Sexobjekt wie etwa zehn Jahre zuvor schon Britney Spears. In „I'm a Slave 4 U“ streift diese ihre Schuluniform ab, um halbnackt zwar sexuelle Macht zu demonstrieren, aber dennoch zu singen: „Ich möchte wirklich, wofür du mich haben willst.“ Eben weil sich weibliche Lust nach den Männern richtet. Bedenklich, findet Konrad: „Wenn ‚Er will mich’ wichtiger ist als ‚Was will ich?’, dann lassen wir uns zurückfallen in eine Zeit, in der Frauen tatsächlich keine Macht hatten.“

Aus dieser freiwilligen weiblichen Sexualisierung erwächst zudem ein Problem – nämlich dann, wenn Frauen zu Opfern sexueller Gewalt werden. Um den Eindruck sexueller Selbstbestimmung nicht zu gefährden, würden Frauen nicht selten Übergriffe beschwichtigen oder verschweigen, sogar Dinge über sich ergehen lassen, die sie eigentlich nicht wollen. So sei aus männlicher Herrschaft weibliche Selbstbeherrschung geworden.

Ähnlich argumentiert die US-amerikanische Journalistin Ariel Levy. Sie beobachtet, dass Frauen auch heute noch zwischen Rollenkorsetts wählen, die sich am Geschmack der Männer orientieren. Sie würden entweder zu Chauvinistinnen, die über sexistische Witze lachen, oder sie gingen in ihrer Rolle als Betthäschen auf – egal, wie sie entscheiden, sie machen sich zum Objekt: „Die Frau, die mitspielen will, muss sich nach den männlichen Regeln richten, so oder so. Aber sie darf und will diese Zwänge nicht spüren, um das Spiel und ihre Illusion der Unabhängigkeit nicht zu gefährden“, schreibt Levy in ihrem Buch „Female Chauvinist Pig“. Eine starke These, die Widerspruch befördern sollte. Denn natürlich haben Frauen mehr Optionen als diese, weil sie in vielen politischen Ordnungen heute so frei leben, wie nie zuvor in der Geschichte, weil sie die Wahl haben. Und das führt zur alles entscheidenden Frage: Wie nutzen Frauen diese Freiheit?

Von unserer Redakteurin Melanie Schröder

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