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Ein Leben im Exil: Karl Marx in London

Wolfgang M. Schmitt

So turbulent wie in Europa ging es 1848/49 auch im Leben von Karl Marx zu. Es sind revolutionäre Zeiten, das „Kommunistische Manifest“ ist publiziert, überall organisieren sich radikale Demokraten und Arbeiter, um einen Wandel herbeizuführen. Gute Zeiten für einen Denker wie Marx, der sich zusammen mit seinem Mitstreiter Friedrich Engels entscheidet, Paris zu verlassen und nach Köln zu ziehen, um dort die „Neue Rheinische Zeitung“ zu gründen, die an die 1843 verbotene „Rheinische Zeitung“ anknüpfen soll. Am 11. April 1848 treffen sie in der Domstadt ein, bereits am 1. Juni erscheint die erste Ausgabe der Zeitung mit radikaldemokratischer Ausrichtung.

Foto: Wikipedia

Nach dem Rücktritt Metternichs in Wien und den Barrikadenkämpfen vor dem Berliner Schloss, die Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zwingen, die Einigung Deutschlands zu unterstützen, glauben Marx und Engels, in einem Klima produzieren zu können, in dem ihre Ideen endlich Gehör finden – und, was ebenso wichtig ist, nicht mehr zensiert werden. Am 18. Mai tritt in der Frankfurter Paulskirche die Nationalversammlung, das erste frei gewählte gesamtdeutsche Parlament, zusammen. Da Marx nach wie vor staatenlos ist, darf er nicht wählen und auch selbst keine Zeitung herausgeben; das übernimmt Kollege Heinrich Bürgers, während Engels um Aktionäre für die Finanzierung wirbt.

Ein Nomadenleben

Der Erfolg der „Neuen Rheinischen Zeitung“ bleibt bescheiden, und nachdem sich die Hoffnungen auf eine demokratische Revolution zerschlagen haben, wird es für Marx in Deutschland bald zu unsicher. Unter falschem Namen setzt er sich nach Paris ab, derweil löst seine Frau Jenny – wieder einmal – den Hausstand auf und verpfändet das Tafelsilber, um Bargeld zu besorgen. Zum vierten Mal ist sie schwanger. Jennys Mutter kritisiert das Nomadenleben ihrer Tochter, als diese in Trier haltmacht. „Auch die Trierer Bekannten“, schreibt Jenny-Marx-Biografin Angelika Limmroth, „behandeln sie nicht wie beim letzten Mal ehrfurchtsvoll, jetzt ist sie die Frau eines umstrittenen Revolutionärs und eines gescheiterten dazu.“

Am 24. August 1849 bricht Marx nach London auf, das dortige Asylrecht wird ihm lebenslangen Schutz bieten, sodass er sich unter großer Armut und trotz gesundheitlicher Probleme an sein Hauptwerk begeben kann: „Das Kapital“. Alles beginnt im Juni 1850: Marx erhält einen Benutzerausweis für den Lesesaal des British Museum. Diese Bibliothek, die zu diesem Zeitpunkt 400.000 Bände aufbewahrt, ist für Marx das Tor zur Welt und zu den Grundlagen der Gesellschaft. Zunächst liest er alle Ausgaben der Zeitschrift „Economist“, um sich einen Überblick über die Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre zu verschaffen.

Jeden Tag sitzt Marx von 9 bis 19 Uhr in der Bibliothek, 33 Jahre lang – allein für den ersten, 1867 erschienenen Band des „Kapitals“ soll Marx 1500 Bücher gelesen haben. Er liest wie ein Besessener, stark assoziativ: Nicht nur wirtschaftspolitische und philosophische Studien zieht er heran, auch medizinische und geografische Monografien arbeitet er rastlos durch. Wie Goethes Faust will er wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Um seine Lektüren zu systematisieren, fertigt er Exzerpte an, Tausende Seiten liegen im Nachlass. Daraus wird Engels später auch den zweiten Band des „Kapitals“ zusammenstellen, denn bei aller Disziplin neigte Marx dazu, sich zu verzetteln.

Man darf Marx glauben, wenn er behauptete, dass er über Krankheiten besser Bescheid wisse als jeder Arzt – doch zu viele Informationen können zum Problem werden. „Karl Marx hatte sich, als er zum Studieren ins British Museum ging, eine Aufgabe gestellt, von der er zumindest geahnt haben muss, dass sie die Möglichkeiten eines Menschen bei Weitem übersteigen wird: die moderne Welt in ihrer äußeren Gestalt wie in ihren inneren Beweggründen darzustellen“, schreibt Thomas Steinfeld in „Herr der Gespenster“. Wie ein Berserker, am Tag lesend, in der Nacht schreibend, arbeitet Marx am „Kapital“, mit dem er eine bis heute scharfsinnige Analyse der kapitalistischen Gesellschaft lieferte. Dass dieses Werk entstehen konnte, ist nicht allein Marx zu verdanken: Es war seine Frau, die unermüdlich die kaum zu entziffernden Manuskripte abschrieb, und es war Engels, der seinen Freund monetär und intellektuell unterstützte. Regelmäßig ließ er der prekär lebenden Familie Geld zukommen; Engels war widerwillig in die Textilfirma seines Vaters in Manchester eingestiegen. Er führte ein Doppelleben: Sozialrevolutionär und Unternehmer.

Kommerziell erfolglos

Engels half nicht nur finanziell: Zwecks eines geregelten Einkommens ließ sich Marx als Korrespondent der Zeitung „New York Tribune“ anstellen, viele der Artikel schrieb jedoch Engels im Namen seines Freundes. „Für die Familie Marx“, sagt der Marx-Biograf Gareth Stedman Jones, „war die Zeitung zu einem Rettungsanker geworden.“ Vermögend aber wurde Marx nie. Seine Publikationen waren kommerziell erfolglos, nicht selten waren es Zuschussgeschäfte. Selbst der erste Band des „Kapitals“ verkaufte sich in den ersten fünf Jahren gerade einmal 1000 Mal. Später entstanden Übersetzungen ins Englische, Französische und Russische. Nicht zu erwarten war damals, dass das „Kapital“ buchstäblich epochemachend sein wird.

In den 1870er-Jahren haben Überanstrengung sowie Zigarren- und Alkoholkonsum deutliche Spuren hinterlassen, Marx geht mehrmals in Kur – in Karlsbad und Bad Neuenahr. Am 14. März 1883 stirbt Marx im Alter von 64 Jahren – laut Totenschein an Kehlkopfentzündung. Engels wird in den Folgejahren den Nachlass ordnen und versuchen, zu vollenden, was unvollendet bleiben musste. Der Autor ist tot, doch er erlebt durch sein Werk eine zweite Geburt: Der Marxismus macht seine ersten Gehversuche.

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

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