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Köln

Ein Familiengottesdienst für Heinrich Böll: Oper Köln ehrt deutschen Schriftsteller

Ein großes Verdienst: Oper Köln erinnert mit einer ungewöhnlichen Produktion an die Wuppertaler Rede Heinrich Bölls. Der Schriftsteller verteidigte darin 1966 die Autonomie der Kunst. Hat die Kölner Musikperformance diesen Appell verstanden?

Ohren auf: In der Kölner Oper wird der große Schriftsteller Heinrich Böll musikalisch geehrt.
Ohren auf: In der Kölner Oper wird der große Schriftsteller Heinrich Böll musikalisch geehrt.
Foto: Paul Leclaire

„Dort, wo der Staat gewesen sein könnte oder sein sollte, erblicke ich nur einige verfaulende Reste von Macht, und diese offenbar kostbaren Rudimente von Fäulnis werden mit rattenhafter Wut verteidigt.“ Diese an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassenden Worte sprach Heinrich Böll am 24. September 1966 im Wuppertaler Schauspielhaus.

Vor dem Hintergrund der Regierungskrise um Ludwig Erhard rief Böll mit seiner „Die Freiheit der Kunst“ betitelten Rede Empörung hervor. Nicht nur wandte sich der Schriftsteller gegen die Herrschenden, er verteidigte auch die Autonomie der Kunst: Die Kunst braucht keine Freiheit: „Sie ist Freiheit; es kann ihr einer die Freiheit nehmen, sich zu zeigen – Freiheit geben kann ihr keiner; kein Staat, keine Stadt, keine Gesellschaft kann sich etwas darauf einbilden“, stellt er klar und ohrfeigt damit jene, die sich die Kunst gern ans Revers heften, um ihre Großzügigkeit zu demonstrieren. Überflüssig zu sagen, dass diese Botschaft heute mindestens genauso wichtig ist wie damals, und es ist ein großes Verdienst, dass die Oper Köln mit einer ungewöhnlichen Produktion an die Wuppertaler Rede erinnert.

Am 21. Dezember wäre der berühmte Sohn der Domstadt 100 Jahre alt geworden, zu diesem Anlass hat man den Komponisten Helmut Oehring beauftragt, ein Werk zu komponieren: „Kunst muss (zu weit gehen) oder Der Engel schwieg“ heißt das sich auf die genannte Rede und Bölls Kriegsheimkehrer Roman „Der Engel schwieg“ beziehende Stück.

Weg von der Klarheit Bölls

Konzipiert für 16 Instrumentalisten, drei Sängerinnen, Kindersolisten und elektronisch eingespielte Tonspuren ist das experimentelle Auftragswerk zunächst einmal weit weg von Bölls Klarheit der Sprache und der erzählerischen Stringenz seiner Romane. Neben Auszügen aus Bölls Rede werden Passagen aus Briefen, die der Autor im Krieg an seine Frau schrieb, vorgetragen, aber auch Mitglieder des auf neue Musik spezialisierten Ensembles Musikfabrik erzählen Anekdoten aus ihrer eigenen Biografie. Und die multiethnisch zusammengestellten Kinder treten ans Mikrofon, um in ihren Muttersprachen zu sprechen.

Weitere Informationen sowie Tickets gibt es online unter www.oper.koeln/de

Während die hervorragenden Sängerinnen Verse aus Gedichten Bölls dreistimmig singen und das beeindruckende präzise Musikensemble einen straffen, bisweilen den Text konterkarierenden Rhythmus vorgibt, tummeln sich die Kinder im Bühnenvordergrund des Staatenhauses. Sie sind es auch, die in den 90 Minuten immer wieder Sätze aus der Wuppertaler Rede rezitieren werden. Auch Heinrich Bölls Sohn René tritt von der Zuschauertribüne aus ans Mikrofon, um seinem Vater zu huldigen. Hartmut Oehring, der nicht nur die Musik schrieb, sondern auch die Regie übernahm, legt sein Stück als musikalische Performance an: Musiker gehen mit ihren Instrumenten auf das Publikum zu, sie spielen liegend Geige oder scheren aus dem Ensemble aus, um etwa Bertolt Brechts „Zuhälterballade“ anzustimmen. Hier geht es also nicht allein um die Autonomie der Kunst, sondern auch um die Freiheit des einzelnen Künstlers, der innerhalb des Ensembles Individuum bleiben darf. Dirigent Bas Wiegers tritt deshalb auch nicht als der große Maestro auf; manchmal sitzt er bloß auf seinem Podest und schaut den anderen beim Spielen zu.

Beliebigkeit wird zum Problem

Die zu hörende Vielstimmigkeit steht für die zu wünschende Pluralität – diese aber kann schnell beliebig werden. Das ist das Hauptproblem dieses Abends: Zwar darf jeder, ganz basisdemokratisch, ob jung oder alt, zu Wort kommen, doch kann eine so verstandene Demokratie auch recht langweilig sein. Zumindest in der Oper. Freilich hat jeder das Recht, etwas zu sagen – doch müsste es dann nicht auch das Recht des Zuschauers geben, nicht alles hören zu müssen? Ohnehin ist es problematisch, dass die Wuppertaler Rede nur fragmentarisch zu Gehör gebracht wird und Oehring sich stattdessen entschieden hat, eine Art Oratorium für den katholischen Böll aufzuführen. Ein Oratorium jedoch, das aus dem Geist des 1965 zu Ende gegangenen Zweiten Vatikanischen Konzils geboren zu sein scheint: Bölls Worte klingen bei Oehring nicht selten wie Fürbitten von Laien, und die Kinder und Musiker sorgen mit kleinen Darbietungen im Altarraum – in der Bühnenmitte steht ein großer Tisch – für Abwechslung. In der letzten halben Stunde verwandelt sich das Stück dann regelrecht in einen Familiengottesdienst. In zwei Wochen ist Weihnachten.

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

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