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Trier

Ein Dompropst rettet in Trier Marx' Erbe – und zwei kleinere Ausstellungen trumpfen auf

Wolfgang M. Schmitt

Das ist wohl die berühmte Ironie der Geschichte: Im Landesmuseum Trier begrüßen Landesmutter Malu Dreyer, Landesvater a. D. Kurt Beck und der Oberbürgermeister der Stadt, Wolfram Leibe, die Pressevertreter in der Konferenz zur Eröffnung der Marx-Ausstellungen. Alle drei SPD-Politiker. Und alle drei haben sie Angst davor, dass Marx' Denken in irgendeiner Weise aktuell sein könnte.

Marx-Jubiläum in Trier: Spannende Raritäten werden derzeit im Ausstellungsreigen, etwa im Stadtmuseum Simeonstift, zusammengetragen, so wie diese Zeichnung des Trierers Heinrich Rosbach, die Marx als Studenten zeigt.
Marx-Jubiläum in Trier: Spannende Raritäten werden derzeit im Ausstellungsreigen, etwa im Stadtmuseum Simeonstift, zusammengetragen, so wie diese Zeichnung des Trierers Heinrich Rosbach, die Marx als Studenten zeigt.

Alle drei haben sie Angst davor, dass Marx' Denken in irgendeiner Weise aktuell sein könnte. Ihre Angst kleiden die Sozialdemokraten in Floskeln, Phrasen und Schachtelsätze – „Historisieren“, so das Zauberwort, will man Marx, doch es scheint eher, als wolle man ihn ins 19. Jahrhundert verbannen. Dieses Schauspiel beendet ausgerechnet der Dompropst.

Prälat Werner Rössel führt auf dem Podium präzise aus, dass im gegenwärtigen Kapitalismus die Menschen zunehmend ihrer Würde beraubt werden, dass das inhumane Effizienzdenken vorherrsche und der Mensch nicht mehr als Mensch, sondern als „Homo oeconomicus“ betrachtet werde. Er gesteht, das sei scharf formuliert, aber er wolle es in ebendieser Schärfe bewusst so stehen lassen.

Dass nun ein Religionsvertreter jenen Denker aktualisieren muss, der doch ein energischer Gegner der Religionen war, kann nur den verwundern, der für die dialektischen Sprünge der Geschichte blind ist. Zwar kritisierte Marx die Religionen, weil sie den Fokus vom sozialen Elend des Diesseits auf das ewige Leben im Jenseits verschieben, doch er erkannte auch, dass die Religionen dennoch eine Unzufriedenheit mit dem Istzustand ausdrücken. Die katholische Kirche nahm sich der sozialen Frage dank Marx, wie der Dompropst erklärt, neu an, indem sie eine alternative Lehre zum Marxismus entwickelte: die katholische Soziallehre, die ein anderer berühmter Trierer maßgeblich geprägt hat: Oswald von Nell-Breuning.

Besuch im Dommuseum lohnt

Gezeichnet wurde der Theologe einst von dem atheistischen und marxistischen Künstler Alfred Hrdlicka. Zu sehen ist das Porträt in der Ausstellung „LebensWert Arbeit“, mit der sich das Dommuseum am Marx-Jubiläum beteiligt. Die sehenswerte Schau zeigt Gegenwartskunst, die sich mit dem Thema Arbeit im 21. Jahrhundert beschäftigt, um darauf hinzuweisen, dass das, was Marx umtrieb, uns auch heute beschäftigen sollte – gerade in Zeiten der Digitalisierung, wo Menschen mit Robotern zusammenarbeiten müssen oder durch diese ersetzt werden. Und Ausbeutung, das demonstrieren einige Werke deutlich, gibt es noch immer. Und nicht nur in der Ferne.

Manche Bilder sind illustrierte politische Standpunkte, manche haben eine für sich stehende ästhetische Qualität. Da ist beispielsweise die raumfüllende Installation „Eine Einstellung zur Arbeit“ des Filmemachers Harun Farocki: Auf 15 Bildschirmen zeigt Farocki Menschen aus aller Welt bei der Arbeit, immer in kurzen Sequenzen, stets in einer Einstellung. Der Besucher kann an den Bildschirmen entlangschreiten, sich dem Rhythmus der Arbeitsprozesse nachspüren und erinnern, dass die körperliche Arbeit keineswegs ausgedient hat. Die Arbeiter werden häufig vergessen, der 2014 verstorbene Künstler erinnert aber daran, dass die erste Kamera der Filmgeschichte auf eine Fabrik gerichtet war – das historische Filmdokument ist ebenfalls zu sehen. Direkte Bezüge zu Marx' Werk stellt das Dommuseum allerdings nicht her, dabei ist die Gegenwartskunst an solchen reich.

Zurück ins 19. Jahrhundert führt die vorzügliche Ausstellung im Simeonstift, die der Person Karl Marx gewidmet ist – und ihr gerecht wird. Präsentiert wird gleich eine wahre Rarität: Eine Bleistiftzeichnung, die erst 2016 entdeckt wurde, zeigt den 17-jährigen Marx, den sein Studienkollege Heinrich Rosbach porträtierte. Von Marx und seiner Familie gibt es nicht viele Bilder, das gleicht die Schau jedoch durch interessante Exponate, die Zeit und Weggefährten abbilden, aus. Chronologisch zeigt das Stadtmuseum auf zwei Stockwerken die Stationen eines Lebens, das von Trier nach Bonn, Berlin, Brüssel, Köln, Paris – Marx musste immer wieder vor politischen Repressionen fliehen – und schließlich in den 1850er-Jahren nach London ins dauerhafte Exil führte. Was für uns heute spektakulär, vielleicht gar einmalig wirkt, war im 19. Jahrhundert traurige Realität für viele linke und demokratische Intellektuelle. Marx war einer von ihnen.

Marx' persönliche Interessen

Sparsam werden digitale Medien eingesetzt, hier gilt das Augenmerk in erster Linie der Kunst – und ein wenig dem Spiel: So steht in einer Vitrine das Brettspiel Strike, das Marx im Kreis seiner Familie in London gern spielte. An einem originalgetreuen Nachbau dürfen sich die Besucher vergnügen.
Das Grundthema der Ausstellung aber ist die Armut – in den Fabriken, auf den Straßen, überall gab es sie. Diverse Genrebilder rufen das ins Gedächtnis. Nicht nur war Marx häufig in finanziellen Nöten – seine Publikationen brachten kaum etwas ein –, auch sah Marx tagtäglich die zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit, der er publizistisch mit dem „Kommunistischen Manifest“ und dem „Kapital“ den Kampf ansagte. So zeigt ein seltenes, aus Barcelona stammendes Gemälde von 1885 ein „Arbeitermädchen“ am Webstuhl – im Zuge der Industrialisierung wurde Frauen- und Kinderarbeit gang und gäbe. Joan Planella i Rodríguez stellt in seinem zum sozialen Realismus gehörenden Bild diese Wirklichkeit dar und sorgte für Furore. Es sind solche unerwarteten Eindrücke, die dieser Schau ihre besondere Relevanz geben.

Während die Hauptausstellung im Landesmuseum Mühe hat, Marx' Werk zu illustrieren, gelingt dem Simeonstift eine Politisierung der biografischen Stationen. So auch mit Carl Schlesingers Gemälde „Auswanderer fahren an Bord“ von 1851, das Menschen in einem überfüllten Boot zeigt, die aus wirtschaftlicher Not fliehen. Eine Vergegenwärtigung einer solchen Szene dürfte nicht schwerfallen.

Anekdoten, Verbindungslinien und Zeitströmungen zeigt nicht nur die Ausstellung, sie sind auch dem text- und bildreichen Katalog zu entnehmen. Etwas aber können die Trierer Museen dem Besucher selbstverständlich nicht abnehmen: die Marx-Lektüre. Dieser unterzog sich übrigens selbst der Dompropst, wie er erzählte, in seinem Studium vor 50 Jahren. Es sei „eine Qual“ gewesen. Gelohnt aber hat es sich offensichtlich.

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

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