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Wiesbaden

Ein allzu braves Frühlingserwachen: "Fake" am Staatstheater Wiesbaden

Andreas Pecht

„Ein Tanzstück für Jugendliche ab zwölf und ihre Fans“ – so ist die jüngste Produktion des Hessischen Staatsballetts angekündigt. Bei der Premiere am Wiesbadener Staatstheater waren die Fans, also Erwachsene, noch in der Mehrheit. „Fake“ (Fälschung) heißt die 70-minütige Choreografie von Compagniechef Tim Plegge, in der es um den Ausnahmezustand der Pubertät, nicht zuletzt die sexuelle Selbstfindung gehen soll: Frühlingserwachen also, die Seele und Leib durchschüttelnde Zeit stürmischen Drängens und zugleich bodenloser Unsicherheit.

Wer bin ich? Ein Ballettabend über den Ausnahmezustand Pubertät. Foto: Regina Brocke/Staatstheater Wiesbaden
Wer bin ich? Ein Ballettabend über den Ausnahmezustand Pubertät.
Foto: Regina Brocke/Staatstheater Wiesbaden

Da kriechen sie auf der Bühne müde aus ihren Schlafsäcken wie am Morgen nach langer Feiernacht bei Rock am Ring. Oder meinen diese Säcke Kokons der Kindheit, denen nun zwölf geschlechtsreife junge Menschen entschlüpfen? Egal, es fängt jedenfalls etwas Neues an, für das sich die Jugendlichen zur Clique zusammentanzen – um sogleich als Einzelne wieder herausgerissen und vermessen zu werden. Das macht die Automatik einer großen elektronischen Flimmerwand, vor die jede und jeder tritt, um dann öffentlich angezeigt zu bekommen: Hirnstärke X Prozent, Körperideal Y Prozent (Bühne: Flurin Borg Madsen). Die Befunde lassen bei diesem stolz die Brust schwellen, säen bei jenem nagende Selbstzweifel.

Der Anfang insistiert geschickt auf spezifisch heutige Einflüsse im Prozess der Selbstfindung. Immer wieder manifestiert sich auch eine zentrale Form zeitgenössischer Selbstdarstellung: Hier posen zwei Mädchen, da drängt sich eine Gruppe, dort protzen Jünglinge fürs obligate Selfie. Echt oder falsch, authentisch oder inszeniert, Wahrheit oder Fake? Die verspielte Art, mit der im Tanz die unterschiedlichen Dimensionen in größter Selbstverständlichkeit verschmelzen, könnte man als zeitkritisches Momentum der Choreografie auffassen. Allerdings hebt Plegge darauf nicht eigens ab.

Wie er überhaupt sehr zurückhaltend mit allem umgeht, was als Gemäkel an der Jugend verstanden werden könnte. Doch gäbe es aus gutbürgerlicher Sicht an der hier dargestellten Jugend auch nicht viel auszusetzen. Denn Subversivität, Renitenz, Wildheit, Kratzbürstig- oder Flegelhaftigkeit tauchen allenfalls in homöopathischen Dosen auf. Frühlingserwachen ist in Wiesbaden eine ziemlich brave Angelegenheit, überwiegend der Schönheit des Tanzens in einem Stilmix aus Elementen von Neoklassik bis Streetdance und Technoschwof verschrieben. Inhaltlich konzentriert sich „Fake“ schließlich auf das scheinbar ewig gleiche Spiel der Entdeckung des Sexus im Pubertätsalter. Mädels versus Jungs, Schnippigkeit versus Machogehabe in hübschen Konfrontationsformationen und teils Lachen machenden Duos. Sich suchende und nach Umwegen findende Liebespaare oder vergeblich den Falschen Liebende und unglückliche Mauerblümchen. Sonst erfreulich selbstbewusste junge Frauen stürzen sich plötzlich in puppigen Flitterrausch. Aufgeplusterte Sportsmänner kommen erwartungsgemäß am gockelhaften Konkurrenzkampf nicht vorbei – darunter zwei, die unversehens ihre homosexuelle Ader entdecken und damit erst einmal ihre Probleme haben. In all dem stecken durchaus Dynamik und Witz, auch Romantik und etwas Nachdenklichkeit.

Doch selbst in Sachen Sexus hängt „Fake“ an der braven Lesart. Die gerade im Jugendalter so intensiv ausgeprägte Zwiespältigkeit aus Begierde und Scheu, aus erwachtem Trieb und Angst, aus drängender Leiblichkeit und romantischer Träumerei, sie findet hier keinen adäquaten Ausdruck. So bleibt es bei 70 gefälligen, harmlosen Minuten auf dem tanztechnisch gewohnt hohen Niveau dieser Compagnie. Andreas Pecht

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