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Koblenz

Die Musik rettete durch die Nazi-Hölle

Kunst im Angesicht des Todes – auf den ersten Blick wirkt dies wie ein Widerspruch. Doch für viele NS-Opfer im Getto Theresienstadt war dies der einzige Trost in der Hölle des Terrors. Zum Auftakt der 16. Koblenzer Mendelssohn-Tage gab es nun im Görreshaus ein Konzert, wie es einst in Theresienstadt gespielt wurde.

Kunst im Angesicht des Todes – auf den ersten Blick wirkt dies wie ein Widerspruch. Doch für viele NS-Opfer im Getto Theresienstadt war dies der einzige Trost in der Hölle des Terrors. Zum Auftakt der 16. Koblenzer Mendelssohn-Tage gab es nun im Görreshaus ein Konzert, wie es einst in Theresienstadt gespielt wurde.

Von unserem Autor Peter Karges

Koblenz – Besser als jede andere Kunstform scheint die Musik dem Menschen Trost zu spenden. Der bekannte Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki schrieb in seiner Autobiografie jedenfalls, dass er im Warschauer Getto keine Romane lesen konnte, dass er und zahlreiche andere aber dort sehr viel klassische Musik gehört hätten. Unter dem Titel „Musik an der Grenze des Lebens“ präsentierte im Görreshaus nun auch der Verein Koblenzer Mendelssohn-Tage in Kooperation mit dem Freundeskreis Koblenz-Petah-Tikva ein Konzert mit Stücken, die in Theresienstadt im Juni 1944 gespielt wurden.

Rilke vertont

Der musikalische Höhepunkt des knapp zweistündigen Konzerts war dabei wohl unbestritten ein Werk von Viktor Ullmann. Der im Oktober 1944 in Ausschwitz ermordete Ullmann hatte in Theresienstadt, wohin er 1942 verschleppt wurde, nämlich unter anderem Rainer Maria Rilkes Kurzerzählung „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ vertont. Gespielt wurde das hoch-dramatische Werk von Silke Avenhaus am Klavier, wobei die Schauspielerin Christine Klein den Text rezitierte. Dass Viktor Ullmann gerade diese militärisch-heroische Kurzgeschichte, in der Rilke von einem Vorfahren erzählt, der im 17. Jahrhundert im Krieg sein Leben einsetzt, um die Fahne zu retten, als Thema wählt, interpretierte Christine Klein als eine bewusste Entscheidung. Die Fahne könne man demnach als Idee, die Freiheit oder Menschenwürde verkörpere, auffassen. Und diese Idee sei unzerstörbar, auch wenn deren Träger ermordet werden.

Tod und Abschied

Tod und Abschied bestimmten das Programm aber nicht nur wegen Victor Ullmanns Komposition zur Rilke-Erzählung. Auch die Lieder von Franz Schubert, Felix Mendelssohn-Bartholdy und Gustav Mahler, die Baritonist Tobias Scharfenberger, begleitet am Klavier von Silke Avenhaus, exzellent sang, atmeten Melancholie. Und dennoch konnten gerade diese eher in Moll gehaltenen Klänge den Zuhörern im Sommer 1944 Trost und Vergessen spenden, wie die Zeitzeugin Eva Merowa in einem Brief, der vor dem Konzert von Hochschulpfarrer Johannes Stein, Dramaturg der Mendelssohn-Tage, vorgelesen wurde, versicherte.

Viktor Ullmann war nicht der einzige Musiker, der von den Nazis erst nach Theresienstadt verschleppt und später dann ermordet wurde. Das gleiche Schicksal erlitten auch die Komponisten Zikmund Schul und Gideon Klein, von denen ebenfalls Lieder innerhalb des Programms präsentiert wurden. Den Krieg und den Holocaust überlebt hat glücklicherweise der Künstler Karel Bermann. Auf ergreifende Weise trug Pianistin Silke Avenhaus zwei Suiten von Bermann vor. In beiden Stücken, die aus dem Werk „Erinnerungen“ stammen, spürte man den unsagbaren Schrecken des NS-Terrors. Denn jede harmonische Passage der Werke wurde immer wieder schrill durch disharmonische Sequenzen unterbrochen. Musik vermag somit nicht nur Trost zu spenden, sie kann das Unbeschreibliche wohl auch am besten ausdrücken.

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