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    Köln

    Die Leitkultur wird auch auf dem Klo verteidigt

    „Ein Griff ins Klo“, oder: „Integration findet auch auf dem Lokus statt“: Zwei von vielen Internet-Kommentaren zu einem Thema, das der Kölner „Express“ aus der Latrine gezogen hat. „Brauchen Muslime ein eigenes WC?“ fragte das Boulevardblatt am Mittwoch und startete damit eine wahre Protestwelle.

    So oder so ähnlich wird die Hocktoilette eines Kölner Bürgerzentrums aussehen, die im Internet eine gut geölte Empörungsmaschinerie in Gang setzt.  Foto: dpa
    So oder so ähnlich wird die Hocktoilette eines Kölner Bürgerzentrums aussehen, die im Internet eine gut geölte Empörungsmaschinerie in Gang setzt.
    Foto: dpa

    Was ist passiert? Die „Alte Feuerwache“ in der Kölner Innenstadt wird saniert. Aktuelle Fotos aus dem soziokulturellen Zentrum, das in Selbstverwaltung geführt wird und für zahlreiche politische, gesellschaftliche und kulturelle Initiativen Anlaufpunkt und Heimat ist, legen nahe, dass das dringend notwendig ist. In die Planung der städtischen Gebäudewirtschaft wurde vom Vorstand des Bürgerzentrums ein spezieller Wunsch eingebracht: Die neue Toilettenanlage soll zusätzlich zu den gewohnten Systemen auch eine Hocktoilette installiert werden. Diese Art ist in vielen muslimischen Ländern verbreitet, aber durchaus auch in Ländern wie Frankreich, Italien und in vielen asiatischen Ländern geläufig.

    Nette Geste wird Gewissensfrage

    Was das Zentrums als Geste in Richtung von Menschen aus islamisch geprägten Ländern verstanden wissen möchte, wird im „Express“, später auch in der „Welt“ und in „Bild“ zur Gewissensfrage. In den Kommentarspalten wird daraus ein Kulturkampf: Wer nicht auf „unsere“ Toiletten gehen wolle oder könne, solle sich auf den Heimweg machen. Und: Jetzt müssten sich alle Deutsche auch noch den intimsten muslimischen Gewohnheiten anpassen.

    Vor Beginn der aktuellen Zuwanderungsbewegung hätte eine Hocktoilette in einem Kulturzentrum nicht einmal eine Kurznotiz in der Lokalzeitung erhalten oder wäre gar einfach als Zeichen der Gastfreundschaft abgehakt worden. Heute aber setzt jedes Thema, das in Richtung Flüchtlinge und/oder Islam deuten könnte, eine gut geölte Empörungsmaschinerie in Gang, die all das zusammenrührt, was Islam- und Flüchtlingskritikern in die Hände spielt. Da wird sogar eine Hocktoilette zum Zeichen einer beklagten Islamisierung, findet sich in eine Reihe gestellt mit der angeblichen Umbenennung sämtlicher Martins-Umzüge in „Lichterfeste“, die auch dadurch nicht wahrer wird, wenn man sie alljährlich wiederholt.

    Tabuthemen wirken immer

    Dabei reizt das Tabuthema Toilette noch mehr zur Unflätigkeit als andere Besorgniserreger wie neue Handys in den Händen von Flüchtlingen: Als mit Beginn der Aufnahme zahlreicher Asylsuchender vor zwei Jahren Toilettensitze in Aufnahmelagern und anderswo zu Bruch gingen, weil ihre Benutzer sich ihrer Gewohnheit folgend mit den Füßen auf die Deckel gestellt hatten, wurde das umgehend als Zeichen vermeintlicher kultureller Rückständigkeit durchs Internet getrieben. Allen, die damals die Ungeschicklichkeit der Neuankömmlinge verhöhnten, könnte man nun in Köln einen aufschlussreichen Erstversuch ermöglichen, schon damit hätte das Hockklo eine sinnvolle Nutzung gefunden.

    Im Faktencheck gilt für die Kölner Hocktoilette bis zur ihrer Inbetriebnahme 2018: Ihre Benutzung ist freiwillig, im selben Gebäude stehen weitere westliche Aborte, in ganz Köln sogar Zigtausende zur Verfügung. Desweiteren darf jeder Mensch jeglichen Glaubens oder gar ohne Glauben frei wählen, welchen Lokus er aufsuchen möchte. Von einer massenhaften Umrüstung deutscher WC-Anlagen ist nicht auszugehen – schon, weil der Kölner Alleingang eine Aktion des deutschen Trägervereins ist und ein Wunsch nach anderen Toiletten bisher noch nicht öffentlich formuliert wurde. Und was das von der „Bild“ ins Spiel gebrachte „Sponsoring“ des Abtritts mit öffentlichen Mitteln angeht: Die Stadt Köln hätte die Toilettenanlage ohnehin bezahlt. Geschätzte Mehrkosten für die Hockvariante: 100 Euro. So billig ist für manchen der „Untergang des Abendlandes“ zu haben.

    Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

    Die Deutschen liebten einst den Flachspüler

    Die intensive Auseinandersetzung mit den eigenen Ausscheidungen hat in Deutschland eine gewisse Tradition, die sich auch im deutschen Toilettenmodell widerspiegelt: In der Schüssel ist vorne der Ablauf zum Siphon, hinten befindet sich eine Stufe. Dieser sogenannte Flachspüler ermöglicht es, die Ausscheidungen genau zu betrachten. Nicht nur Ärzte, sondern auch Intellektuelle taten das.

    Thomas Mann beschäftigte sich eingehend mit seinen Stuhlgängen und reflektierte peinlich genau über ihre Form und Konsistenz in seinen Tagebüchern – sein Sohn Golo strich vor der posthumen Veröffentlichung einige der Stellen. Die Deutschen sind eben das Volk der Grübler, der Dichter und Denker. Wenn jetzt besorgte Bürger angesichts einer Hocktoilette die deutsche Leitkultur bedroht sehen, ist dies jedoch nicht nur reichlich albern, auch kommt die Empörung zu spät. Denn der Flachspüler ist lange schon aus der Mode, stattdessen dominiert heute der stufenlose, geruchsvermeidende Tiefspüler die sanitären Einrichtungen. Diesen gibt es in zwei Varianten: Im europäischen Modell steht eine geringe Menge Wasser bereit, für das, was von oben kommen mag. Das amerikanische Modell enthält wesentlich mehr Wasser. Auch in Frankreich ist der Tiefspüler mit wenig Wasser vorherrschend, das ursprünglich französische Modell für öffentliche Toiletten, das Hockklo, findet man nur noch selten.

    Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek ist davon überzeugt, dass sich anhand dieser Klosetts Rückschlüsse auf die kulturelle Identität ziehen lassen: Laut Žižek ist der frühere Umgang mit den Ausscheidungen in Frankreich landestypisch: Wie man sich des Kots entledigte, verfuhr man schließlich auch mit Gegnern der Französischen Revolution. Man machte kurzen Prozess – Kopf ab, und weg. Im Tiefspüler hingegen sieht Žižek einen Ausdruck des angelsächsischen Pragmatismus, der nirgends anecken will und der nicht nur das Kapital frei fluktuieren lässt.

    Wenn also jemand die deutsche Leitkultur verteidigen will, sollte er sich für die Wiedereinführung des Flachspülers einsetzen – gegen die Anglisierung und Amerikanisierung der Gesellschaft. Aber Spaß beiseite: Bereits vor 5000 Jahren gab es Toiletten, das belegen archäologische Funde in Schottland und Indien. Durch die Jahrhunderte hindurch veränderten sich die Modelle immer wieder, auch durch interkulturellen Austausch – das ist normal. Derzeit ist ein globaler, von Japan ausgehender Trend zu beobachten: Hightech-WCs erobern die Badezimmer – sie sind ausgestattet mit Sitzheizung, Luftabsaugung, Sprinkleranlage und Parfumdüse.

    Mit allen Mitteln kämpft man gegen das Allzumenschliche. Dies wiederum ist typisch für eine Kultur des Hygienewahns. Im Zeitalter der perfekt trainierten und operierten oder digital auf Bildern nachbearbeiteten Körper wächst die Angst vor dem Natürlichen. Diese Verdrängung der eigenen Leiblichkeit durch Technik ist dem Glauben geschuldet, der Mensch sei per se schmutzig. Insofern wäre eine Wiederkehr des deutschen Modells tatsächlich wünschenswert, das beides, Intellekt und das, was hinten rauskommt, zusammenbrachte.

    Wolfgang M. Schmitt

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