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Die Frau auf der Bühne: Schon immer Freiwild?

Als Prostitution bezeichnete einst Marlene Dietrich ihre Fernsehauftritte: Der kleine Bildschirm entsprach der Leinwandlegende nicht. Das ist sicher eine ziemlich divenhafte Pointe – sie verweist aber darauf, dass Schauspielerei und Prostitution in Beziehung zueinander zu stehen scheinen.

Marlene Dietrich als fesche Lola, die im „Blauen Engel“ Männer benutzt – die Realität für Schauspielerinnen sah und sieht oftmals anders aus.
Marlene Dietrich als fesche Lola, die im „Blauen Engel“ Männer benutzt – die Realität für Schauspielerinnen sah und sieht oftmals anders aus.
Foto: dpa/Picture Alliance

Das gilt in erster Linie für Schauspielerinnen – und hat eine lange Geschichte, die jetzt in der durch die Skandale in Hollywood ausgelöste und unter dem Hashtag #MeToo (ich auch) geführte Sexismus- und Missbrauchsdebatte wieder zum Vorschein kommt. Der Status der schauspielernden Frau war immer ein prekärer, auch das ist ein Grund dafür, warum die „#MeToo“-Debatte derart erbittert geführt wird.

Der lange Arm der Geschichte

In 2500 Jahren Theatergeschichte standen 2000 Jahre lang zwar weibliche Figuren auf der Bühne, doch diese wurden damals von Männern verkörpert – „Mädchendarstellern“ eben. Im alten Rom spielten hin und wieder Frauen Theater, doch, so schreibt die Theaterwissenschaftlerin Renate Möhrmann, das änderte sich bald: „Mit dem Sieg des Christentums über die antike Welt war für viele Jahrhunderte der Ausschluss der Frau von jeglicher theatralischer Darbietung besiegelt.“

Erst mit der Renaissance kehrte die Frau allmählich zurück auf die Bühne. Der Einfluss der Kirche nahm ab, und es war ausgerechnet der lasterhafte Ruf des Theaters, erklärt Möhrmann, der Frauen „eine erste künstlerische Berufstätigkeit“ ermöglichte. Gerade weil das Theater als liederlicher Ort galt und Frauen, die sich zur Schau stellten, als Prostituierte verrufen waren, waren erste emanzipatorische Schritte möglich. Vereinfachend gesagt: Ist der Ruf erst ruiniert, lebte es sich von gesellschaftlichen Konventionen recht ungehindert.

Später, am Hoftheater des 18. Jahrhunderts, waren berühmte Schauspielerinnen oft auch Fürstenmaitressen. Im 19. Jahrhundert erscheinen immer häufiger Frauen auf der Bühne, doch zugleich ist das Elend groß. Reich wurden zwar auch die Männer selten, aber ihre Karrieren dauerten länger – ihr Kapital war nicht unbedingt ein jugendlicher Körper –, und es gab noch einen entscheidenden Unterschied: Von Schauspielerinnen erwartete man, dass sie sich in luxuriösen Roben in Szene setzen. Sie waren Trendsetterinnen, die die neueste Mode präsentierten und zugleich damit ihren Wert demonstrierten – Kleider mit echten Juwelen waren keine Seltenheit. Bekommen die Stars der Gegenwart ihre Garderobe für den roten Teppich in aller Regel geschenkt und werden am Theater die Kostüme gestellt, war das im 19. Jahrhundert anders: Die Schauspielerinnen mussten ihre Kostüme selbst kaufen. Aber wie?

Ein Aufsatz des Literaturwissenschaftlers Malte Möhrmann heißt: „Die Herren zahlen die Kostüme“. Damit die Herren Zuschauer dies tun, mussten sich die Schauspielerinnen sexuell freigiebig zeigen beziehungsweise prostituieren. „Die Schauspielerin Emilie Tureczek beispielsweise, berühmt geworden als Fiakermilli, wurde nicht von den Behörden als Schauspielerin, sondern von der Polizei als Prostituierte geführt“, schreibt Möhrmann. Die Theaterleitung begrüßte diese „Offenherzigkeit“ häufig.

Wie elend und finster das Leben dieser Schauspielerinnen oft war, wurde kaum thematisiert. Eine rühmliche Ausnahme bildet ein 1896 uraufgeführtes Stück von Arthur Schnitzler. „Freiwild“ lautet der brutal ehrliche Titel – eben das waren viele Schauspielerinnen. Anzüglichen Bemerkungen waren sie permanent ausgesetzt, doch auch sexuellen Übergriffen. In „Freiwild“ kündigt der Theaterdirektor der naiven Schauspielerin Anna mit der Begründung, sie sei nicht nett genug zu den Herren im Publikum: „Bitte, schaun Sie sich doch Ihre Kolleginnen an. Jede hat ihren … Anhang.“ Will sagen: Prostituieren Sie sich!

Dass sich die Schauspielerinnen damals auch sexueller Avancen von Intendanten oder Regisseuren erwehren mussten, dürfte nicht verwundern. Mit dem Aufkommen des Films verbesserte sich zwar für viele Schauspielerinnen die finanzielle Lage, doch sexuelle Gefälligkeiten blieben und bleiben oft Teil des Geschäfts. So taucht der Begriff „Besetzungscouch“ jetzt in Hollywoods Sexismus-Debatte vermehrt wieder auf. Müssen vor allem Frauen, aber manchmal auch Männer tatsächlich mit einflussreichen Regisseuren, Produzenten oder Schauspielern ins Bett gehen, um eine Rolle zu ergattern?

Regeln spielen keine Rolle

Einfache Antworten gibt es auf darauf nicht. Noch in den 50er-Jahren war dies häufiger der Fall – das zeigt der gerade auf DVD/Bluray erschienene Spielfilm „Regeln spielen keine Rolle“. Warren Beatty, der auch die Regie führt, spielt darin den exzentrischen Milliardär und Filmproduzenten Howard Hughes, eine Art Harvey Weinstein des vergangenen Jahrhunderts. Hughes, so das Gerücht, schlief mit seinen blutjungen Schützlingen, ehe er sie besetzte. In einer Szene des Films sitzt Hughes im Halbdunkel seines Hotelzimmers, gegenüber ist eine Jungschauspielerin platziert – die Lampe strahlt nur sie an. Es ist ihr erster Termin bei Hughes, noch ahnt sie nicht, worum es hier wirklich geht. Eine gespenstische Szene. Weitere, explizitere folgen, denn Regeln spielen, wie der Titel besagt, für den Mogul keine Rolle.

Der Film – wie viele andere Hollywoodproduktionen vor ihm – zeigt aber auch, dass manche Schauspielerinnen ihre Schönheit bewusst und durchaus selbstbewusst einsetzen, um in der Branche Karriere zu machen. Diese Tatsache relativiert nicht die Missbrauchsvorwürfe, aber sie macht deutlich, dass Sex untrennbar mit dem Filmgeschäft verbunden ist.

Ein keusches Hollywood kann es nicht geben. Marlene Dietrich wusste das – nur drehte sie den Spieß um: Sie verführte die Männer. Regisseur Josef von Sternberg war ihr regelrecht verfallen, ebenso wie Jean Gabin und Ernest Hemingway. Die Dietrich bezeichnete sich sogar als Sternbergs Geschöpf – das mag heute so klingen, als sei sie ein Sexismus-Opfer gewesen. In Wahrheit blieb sie bei allem, was sie tat, die Souveränin – die Männer umschwirrten sie wie Motten das Licht. Manche ließ sie verbrennen. Was sie wohl zur „#MeToo“-Diskussion gesagt hätte?

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

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