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Frankfurt

Die Frankfurter "Emilia Galotti" beschreitet neue Wege

Wie der mächtige Gonzaga vor dem anfangs geschlossenen, gewaltigen Eisernen Vorhang des Schauspiels Frankfurt hin und her schlurft, erscheint er von Statur und Charakter als kleiner und lächerlicher Mann. Der Prinz suhlt sich in vermeintlich unsterblicher Liebe zu einer Bürgerstochter. Zugleich bejammert er weinerlich seine Unentschlossenheit, wie die schöne Emilia zu gewinnen sei.

Ihr flitterndes Eheglück ist vorbei, bevor es richtig beginnen kann: Emilia (Sarah Grunert) und Graf Appiani (Wolfgang Vogler). Foto: Thomas Aurin
Ihr flitterndes Eheglück ist vorbei, bevor es richtig beginnen kann: Emilia (Sarah Grunert) und Graf Appiani (Wolfgang Vogler).
Foto: Thomas Aurin

Neue Schlusswendung

Zur Premiere kam am Wochenende Lessings „Emilia Galotti“. Das Trauerspiel von 1772 beginnt hier als Schmunzeln machende Humoreske und endet nach zwei pausenlosen Stunden anders als geschrieben.

Der Machthaber ist in David Böschs Inszenierung vom Start weg als Jammerlappen diskreditiert. Die Ausübung der absolutistischen Tyrannei liegt in den Händen des Kammerherrn Marinelli. Isaak Dentler (Prinz) und Fridolin Sandmeyer (Marinelli) werfen sich in komödienhaft flottem Wechselspiel die Bälle zu: Ersterer gibt die königliche Heulsuse, Letzterer den zynisch-larmoyanten Exekutor – der die Wünsche seines Herrn auf verbrecherische Weise erfüllt, diesen aber die Hände in Unschuld waschen lässt.

Ebenfalls diskreditiert ist nachher von seinem ersten Auftritt an Emilias Vater Eduardo: Sebastian Kuschmann spielt ihn geradeheraus als von sittlich-moralischem Rigorismus besessenen Familientyrannen. Diese sich gleichermaßen gegen feudale Allmacht wie bürgerliches Sittendiktat wendende Kritik ist durchaus schon bei Lessing angelegt. Demonstrativ ausgespielt wird sie so an den Theatern allerdings erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Davor galt als hauptsächliche Frontstellung bürgerliche Sittlichkeit versus feudale Verkommenheit. Eine der schönsten Szenen des Frankfurter Abends ist der wortlose Moment, da der Prinz der betenden Emilia in die Kirche nachsteigt. Vor einem an die Rückwand projizierten Lichtkreuz (die extrem reduzierte Bühnenausstattung stammt von Patrick Bannwart) begegnen sich Prinz und Emilia: Er neigt ihr den Kopf zu, berührt kurz ihre Hand; sie stürmt mit ihrem Gebetbuch davon.

Die Sache wäre völlig eindeutig, hielte Emilia nicht für einen winzigen Augenblick inne, so als würde sie eine unerwartete Regung jenseits ihrer Entrüstung spüren. Dies ist der erste Hinweis darauf, dass es hier zwischen absolutistischer Anmaßung und bürgerlicher Sittennorm einen weiteren Komplex gibt: die Verführbarkeit oder das Allzumenschliche. Immerhin ist das der Tag, an dem sie den Grafen Appiani (Wolfgang Vogler) heiraten soll und will, einen ältlichen Mann im Rollstuhl. Einen Freudentag mit Beigeschmack symbolisiert die Bühne, auf die sich in der Tiefe erst Kronleuchter mit Lamettaschmuck senken, auf die es dann explosionsartig Mengen von Flitterkram regnet.

Drei starke Darstellerinnen

Der Festtagsschmuck ist so zerrupft wie fortan der darin spielende Tag selbst: Marinelli lässt die Hochzeitskutsche überfallen, der Bräutigam kommt dabei um, Emilia wird ins Lustschloss des Prinzen entführt – und spürt dort erneut, dass sie nicht völlig frei ist von Verführbarkeit. Für diesen Komplex sind die drei starken Frauen im Spiel zuständig: Neben Emilia deren Mutter Claudia, die von Olivia Grigoli eine Portion Renitenz gegen Eduardo mitbekommt und einen Hauch von Interessiertheit an den Chancen, die eine Beziehung ihrer Tochter zum Prinzen mit sich brächte. Dritte im Bunde ist Orsina, die von Katharina Bach als Energiepaket einer ebenso überspannten wie resoluten Lebedame gespielt wird, die bis eben noch Geliebte des Prinzen war.

Von vornherein abwegig ist die Vorstellung, die Frankfurter Emilia könne enden wie bei Lessing vorgesehen: Aus Angst, der prinzlichen Verführung zu erliegen, will sie sich das Leben nehmen, wird dann vom Vater erstochen. Dafür ist die von Sarah Grunert geformte Titelfigur viel zu stark, zu selbstbewusst, zu klug, zu lebensfroh. Diese Emilia schickt den Vater fort, wendet die Waffe, hier eine Pistole, schlussendlich gegen das Publikum – gegen eine Gesellschaft, die Frauen immer wieder zwischen die Mühlsteine aus Macht und Sittennorm treibt. Sehenswert.

Tickets und Termine unter www.schauspielfrankfurt.de

Von unserem Autor Andreas Pecht

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