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Wiesbaden

Die Bürde der Arbeit und die Würde des Menschen

Christian Huther

Mit Werken von Delacroix, Courbet, Ribot und anderen zeigt das Museum Wiesbaden wichtige Positionen französischer Kunst des 19. Jahrhunderts

Foto: Museum Wiesbaden

„Keine Kunst vom Erzfeind“, hieß es strikt im 19. Jahrhundert. Und die deutschen Museumsdirektoren hielten sich daran, sie waren kaisertreu. Selbst renommierte Kritiker lehnten die französische Kunst rundweg ab. Nicht so die Künstler. Sie pilgerten scharenweise nach Frankreich, um von den Kollegen zu lernen und sich inspirieren zu lassen. Doch die deutsche Kunstszene beherrschten lange Zeit die Nazarener und Deutsch-Römer, die sich an Altmeistern wie Raffael und Co. orientierten. Freilich führte die antifranzösische Stimmung dazu, dass einige deutsche Museen später große Lücken in der Sammlung hatten, die sie nur mühsam oder überhaupt nicht schließen konnten.

Wiesbaden etwa hat das völlig verpasst, obwohl die Kurstadt sonst sehr auf ihre Weltläufigkeit achtete. Dieses Versäumnis holt jetzt das dortige Museum mit einer aus Privatsammlungen bestückten Überblicksschau nach, einer kleinen, aber feinen Ausstellung von rund 70 durchweg erlesenen Gemälden und Druckgrafiken. Alle großen Namen sind vertreten, von Corot, Courbet und Daumier bis zu Delacroix, Géricault und Millet.

Die Schau breitet das komplette 19. Jahrhundert vor dem Besucher aus, von der Romantik über Klassizismus, die Schule von Barbizon und den Realismus bis zum traumwandlerischen Symbolismus. Das Aufblühen der französischen Romantik fällt zeitlich zusammen mit den verlorenen Kriegen Napoleons. Damals lag die Grande Nation am Boden und flüchtete in Emotionen, Träume und in die Literatur. Kein Künstler zeigte das besser als der fantastische Pathetiker Eugène Delacroix, der in Wiesbaden mit beeindruckend dramatischen Lithografien von literarischen Motiven vertreten ist.

Delacroix hat vor knapp 200 Jahren etliche Szenen aus Goethes „Faust“, aus Shakespeares „Hamlet“ oder „Macbeth“ gestaltet, indem er die Helden, Hexen und Bösewichte aus einer schwarzen Fläche auftauchen lässt. Die Blätter erhalten ihr Licht durch die weißen Linien, die Delacroix aus dem Schwarz herauskratzte. Dieses ungewöhnliche Spektrum zwischen Hell und Dunkel ist nur in der 1797 erfundenen Lithografie möglich, erlaubt sie doch den Einsatz aller zeichnerischen Techniken. Sie ist nicht dem Diktat der Linie unterworfen, sondern eher eine Technik der Malerei – man kann einfach draufloszeichnen. So war die Lithografie bald ein ideales Experimentierfeld für Künstler, sie eignete sich aber dank der hohen Auflagen auch für Illustrationen von Literatur.

Richard Parkes Bonington machte genau das Gegenteil in seinem aquarellierten Blick auf die Seine von 1821. Die helle Szenerie mit der aufleuchtenden Kirche in der Ferne erzielte er mit zart abgestuften Lichtern. So erweist sich die französische Kunst als „Experimentierlabor für neue Entwicklungen“, meint Kurator Peter Forster. Denn die Künstler waren untereinander befreundet und unterstützten sich oft gegenseitig, nicht nur mit Geld, auch mit Ausstellungen von Kollegen im eigenen Atelier.

Ein Übervater des Realismus

Die dominante Figur im 19. Jahrhundert aber war der Maler Gustave Courbet, der noch heute als Übervater des Realismus gilt und seit seinem knapp einjährigen Aufenthalt in Frankfurt 1858 auch viele Anhänger in Deutschland hatte. Courbet wollte kein platt naturalistisches Abbild, er führte nur den Alltag in die herrschende Historienmalerei ein und brachte sie damit zu Fall. Freilich packte Courbet nie sozialkritische Themen an, bei ihm kommen weder Industrialisierung noch Massenarmut vor.

Damit blieb er weit hinter seinem Zeitgenossen Honoré Daumier zurück. Courbet widmete sich aber oft der unberührten Natur. Sein aufgepeitschtes Meer, das er vielfach malte, wird gern als Metapher gelesen für das Volk, das sich aufbäumt und die Herrschenden mit sich reißt. Jean-François Millet hingegen vertrat einen eher gemäßigten Sozialrealismus, gut abzulesen an den „Reisigsammlerinnen“ aus eigenem Wiesbadener Bestand. Millet adelt die Armut, aber er klagt nicht an. Er zeigt zwar die Bürde der Arbeit, aber zugleich die Würde des Menschen. Dieses großformatige Pastell ist ein Meisterwerk, es ist das Urbild des einfachen Lebens um 1867.

Bis 6. Mai geöffnet, Di. und Do. 10 bis 20 Uhr, Mi. und Fr. bis So. 10 bis 17 Uhr. Eintritt 10 Euro. Katalog 19,90 Euro. Internet: www.museum-wiesbaden.de

Von unserem Mitarbeiter Christian Huther

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