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Koblenz

Die ausgetretenen Pfade der Stadt verlassen: Theaterspielklub Koblenz zeigt "Ausgesetzt"

Melanie Schröder

Mit seiner neuen Produktion „Ausgesetzt“ geht Jugendspielklub auf Wanderschaft durch die Stadt. Das 4-Mann-Stück soll unter anderem in verborgene Hinterhöfe führen.

Junge Erwachsene haben im Jugendspielklub des Koblenzer Theaters eine neues Stück erarbeitet. In „Ausgesetzt“ loten sie den Begriff Heimat aus – und wo ginge das besser als draußen?
Junge Erwachsene haben im Jugendspielklub des Koblenzer Theaters eine neues Stück erarbeitet. In „Ausgesetzt“ loten sie den Begriff Heimat aus – und wo ginge das besser als draußen?
Foto: Katharina Dielenhein

Von unserer Redakteurin Melanie Schröder

Um eins gleich klarzustellen: „Sitzen ist nicht.“ Theaterpädagogin Anna Zimmer bringt die Besonderheit der neuen Produktion des Jugendspielklubs des Koblenzer Theaters, der Identitäter, auf den Punkt. „Die Besucher erwartet ein Wanderstück. Wir erkunden vertraute und abseitige Orte der Stadt, verlassen die ausgetretenen Pfade und gehen auf eine Entdeckungstour.“ Ausgehend von Begriffen wie Heimat, Geborgenheit und Sicherheit will der Spielklub ausloten, welche persönlichen Geschichten Orte erzählen.

Passend, dass das Stück also den Titel „Ausgesetzt“ trägt. Allein gelassen werden sollen die Gäste aber nicht. Vielmehr werden sie sich laut Zimmer ausgestattet mit Audioguides und geleitet von vier Laiendarstellern wie auf einer alternativen Stadtführung durch insgesamt 15 Spielstationen bewegen – und dabei auch Orte streifen, die sich jeder Koblenzer über all die Jahre ganz selbstverständlich angeeignet hat. „Westentaschenorte“ nennt diese Nadine Kaufmann, Hausautorin am Theater.

Die Perspektive wechseln

Sie hat die Texte für die Audioguides erarbeitet und sich dabei vom Alltagstreiben inspirieren lassen. „Für mich ist etwa das Deutsche Eck ein Ort, an dem Stadtführer sehr präsent sind. Die Menschen hacken nach und nach ihre Stationen ab, machen Fotos und hasten weiter zum nächsten Punkt. Mich hat es deshalb gereizt, die Sichtweise auf den Ort zu verändern. Zum Beispiel nehme ich den Blumenhof vor der Kastorkirche in den Blick. Die Besucher erfahren über die Audioguides etwas zur Kulturgeschichte des Spazierens, welche Freiheiten sich damit verbinden, und können so die Perspektive wechseln“, erklärt Kaufmann.

Aber nicht nur rein assoziativ sollen Blickwinkel verschoben werden – eine übergeordnete Handlung gibt es nicht –, auch ganz praktisch ist das Überkommen von Standpunkten eingeplant. So werden Theatergäste etwa mit der Fähre ans andere Moselufer übersetzen, seltene Einblicke in Hinterhöfe und Gärten erhalten, ja sogar „sehr privat“ soll es zwischenzeitlich werden. Zimmer und Kaufmann bleiben allerdings kryptisch, wollen im Vorfeld nicht zu viel verraten. Eine gewisse diebische Freude steht ihnen aber ins Gesicht geschrieben – und ihren Dank an alle Unterstützer betonen sie besonders.

Begegnung mit Originalen

Auch auf die Frage, was die Gäste hinsichtlich des Schauspiels erwartet, halten sich beide eher bedeckt. Zimmer sagt allerdings deutlich: „Klassisches Theaterspiel wird nicht stattfinden. Das würde nicht passen. Vielmehr schlüpfen die Darsteller in Stellvertreterrollen, werden zum Beispiel zu Statuen, die den Koblenzern vertraut sind wie etwa die Pfefferminzje, und kreieren so manch absurde Situation, die sich vom alltäglichen Drumherum absetzen wird.“

In den Probedurchläufen kam es dabei auch schon mal zur Einmischung von Passanten, die sich Kommentare nicht verkneifen konnten. „Darauf sind die Spieler gefasst. Sie werden in der Situation entscheiden, ob gegebenenfalls auf so etwas eingehen und Improvisation zulassen oder nicht“, meint Spielleiterin Zimmer.

Wichtige Informationen zum Stückablauf

„Ausgesetzt“ – Eine Produktion des Jugendspielklubs mit Lisa Haushahn, Nelly Hoffmann, Felix Krieger, Patrick Schwarz

Konzept und Spielleitung: Anna Zimmer
Ausstattung und Kostüme: Annette Haunschild
Text und szenisches Schreiben: Nadine Kaufmann
Assistenz: Lena Wecker

Die Premiere ist am Freitag, 2. Juni, um 19.30 Uhr. Das Stück startet im vor der Basilika St. Kastor. Achtung: Der Endpunkt des Wanderstücks entspricht nicht dem Startpunkt. Es ist ratsam weitere Informationen vorab an der Theaterkasse unter Telefon 0261/129 28 40 sowie 0261/129 28 41 einzuholen. Die Spieldauer beträgt etwa 2 Stunden. Nur 25 Besucher können an einer Aufführung teilnehmen – eine Reservierung empfiehlt sich. Gespielt wird bei jeder Wetterlage, bitte berücksichtigen Sie dies bei der Kleiderwahl.

In Sachen Spontanität war der Spielklub vermutlich ohnehin eine gute Schule – alle Texte und Szenen entstehen aus Improvisationen und einem enormen Eigenanteil der Spieler. Für „Ausgesetzt“ haben sich die Darsteller gemeinsam mit Zimmer über die Geschichte von „Hänsel und Gretel“ Begriffen wie Heimat und Sicherheit genähert. Natürlich schwingt bei diesen auch immer ein zeitpolitischer Bezug mit – angesichts vieler Menschen auf der Flucht. „Explizit wollten wir das in ,Ausgesetzt’ aber nicht verhandeln, dafür fehlt uns einfach der Erfahrungshorizont, um glaubhaft über Heimatlosigkeit zu sprechen.“

Und Kaufmann ergänzt: „Viele der Spieler stehen aber auch selbst an einem Punkt im Leben, an dem sie das Nest verlassen. Das wirft entscheidende Fragen auf: Was ist zu Hause, was brauche ich, um mich wohl und sicher zu fühlen, wie wichtig sind Orte und Dinge, um irgendwo heimisch zu sein?“

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