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Bonn

Der gewollte Transfer ins Heute hakt

Neulich Gießen, jetzt Bonn: Warum bringt man 2018 Jean-Paul Sartres „Die schmutzigen Hände“ auf die Bühne? Das Stück von 1948 handelt vom Jüngling Hugo aus bürgerlichem Hause, der sich als proletarischer Revolutionär bewähren will, aber aufgerieben wird zwischen den Fraktionen der kommunistischen Kaderpartei im Untergrund. Vor 70 Jahren wurde dieser Stoff in der europäischen Linken heiß diskutiert. Was kann Regisseur Marco Storman in Bonn ihm für heute abgewinnen? Nach 110 Minuten ist zu konstatieren: wenig.

1948 wurde Jean-Paul Sartres Schauspiel „Die schmutzigen Hände“ uraufgeführt – jetzt wagt sich das Bonner Schauspiel an eine Neubefragung.  Foto: dpa
1948 wurde Jean-Paul Sartres Schauspiel „Die schmutzigen Hände“ uraufgeführt – jetzt wagt sich das Bonner Schauspiel an eine Neubefragung.
Foto: dpa

Die Bühnenbildnerinnen Anika Marquardt und Anna Rudolph lassen die große Bühne der Godesberger Kammerspiele im Rohzustand: schwarze Mauern, nackt das Technikskelett aus Scheinwerfern, Kabeln, Geschnür. Mittig im Boden ist die große Drehscheibe angehoben. Nachher wird sie rotieren, das sechsköpfige Ensemble in Bewegung halten. Die Ausstattung verströmt existenzialistische Kühle wie einst die schwarzen Rollkragenpullis von Sartre und Genossen.

Dann kommt Apple ins Spiel

Nach einer Weile kommt etwas Farbe in die Szene: Von der Decke senkt sich ein buntes Meer aus Parteiwimpeln jedweder Richtung, Nationalflaggen und Konzernbannern von Coca Cola bis Apple. So behauptet die Inszenierung einen neuen Bezugsrahmen für das Geschehen: Hugos Ringen um individuellen Selbstwert drehe sich nun nicht mehr um die revolutionäre Tat, sondern um Lockungen der allmächtigen globalen Waren- und Kommunikationswirtschaft, deren Parteigefolge und neonationalistischen Nebenwirkungen.

Doch die sinnbildliche Aufforderung ans Publikum zum Transfer der Sartre’schen Konfliktstellung aufs Hier und Jetzt funktioniert nicht – weil das Bühnenspiel die Bindung des Stückes an die historischen Bedingungen der letzten Weltkriegs- und ersten Nachkriegsjahre nicht loswird. Gezeigt wird eben noch immer die Geschichte vom kleinbürgerlichen Anarchisten Hugo, der die Gesellschaft radikal umstürzen will und deshalb in tödlichen Widerspruch zum kommunistischen Funktionär Hoederer gerät, als der eine Einheitsfront mit bürgerlichen und monarchistischen Untergrundgruppen schmiedet. Schließlich erschießt der junge Mann den Politkommissar – unklar bleibt, ob aus Empörung und auf Befehl einer radikalen Parteifraktion oder ob aus Eifersucht, weil Hoederer einmal mit seiner Freundin Jessica (Maya Haddad) rummacht.

Lichtblick: Die Schauspieler

Steht man dem Stück in dieser Inszenierung auch ratlos gegenüber, so wird doch reihum sehr ordentlich gespielt. Daniel Breitfelder gibt einen selbstbewusst zwischen Klugheit, Verständnis und politstrategischer Kaltschnäuzigkeit changierenden Hoederer. Manuel Zschunke stürzt seinen Hugo trefflich ins Wechselbad aus tiefer Verunsicherung, schäumender Radikalität und schließlich völliger Entgeisterung über eine Parteilinie, die sich nach seiner Überzeugung fortan von Kuhhandel zu Kuhhandel den eigenen Zielen entfremden wird. Da plötzlich, im finalen Disput der beiden, scheint so etwas wie eine aktuelle Transfermöglichkeit auf: Man meint plötzlich für einige Minuten, das ganze Elend der deutschen Sozialdemokratie dieser Tage vor sich zu haben. Andreas Pecht

Tickets und Termine unter Tel. 0228/778.008

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