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„Das Kapital“: In erster Linie ein Werk der Wissenschaft

Er umfasst 955 Seiten, der legendäre Band 23 der blauen Marx-Engels-Gesamtausgabe. Das Buch enthält die bedeutendste Arbeit von Karl Marx: „Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie – Erster Band“. Während das „Kommunistische Manifest“ seit seinem Erscheinen 1848 weltweit Auflagen von einigen Hundert Millionen erreicht hat, blieb „Das Kapital“ Angelegenheit eines vergleichsweise kleinen Leserkreises.

Schon die Startauflage betrug 1867 gerade 1000 Exemplare. Gleichwohl wurde "Das Kapital", an dem der Autor mehr als 15 Jahre arbeitete, ein generationenüberspannender Dauerbrenner.

Viele sind an der Lektüre gescheitert. Noch mehr ließen sich abschrecken von ihrem Ruf, „unglaublich schwierig“ zu sein. Dem liegt oft die falsche Erwartung zugrunde, es handle sich beim „Kapital“ um eine Kampfschrift wider den Kapitalismus. Das ist zwar der Fall, doch ergibt sich der revolutionäre Charakter des Werkes aus seiner systematischen Untersuchung der ökonomischen Funktionsweisen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Kurzum: „Das Kapital“ ist keine populäre Massenschrift, sondern eine wissenschaftliche Arbeit. Nicht umsonst gehörte es bis in die 1980er-Jahre zu den Standardwerken der Volkswirtschaftslehre.

Eine Vielzahl handfester Beispiele

Und jetzt das Erstaunliche: Für ein wissenschaftliches Werk ist „Das Kapital“ von bemerkenswerter Lebhaftigkeit, sprachlicher Klarheit, Brillanz und Originalität. Marx untermauert (fast) jeden seiner Analyseschritte nicht nur mit Faktenfülle und akribischen Berechnungen, sondern ebenso mit einer Vielzahl handfester Beispiele und erklärender Bildnisse. Obwohl dadurch über weite Strecken besser verstehbar als manches Traktat anderer Wirtschaftstheoretiker, erst recht vieler Philosophen, bleibt die Lektüre eine Herausforderung.

Um das sichtbare große Ganze der Natur verstehbar zu machen, wird es etwa von Physik, Chemie, Biologie in seine meist unsichtbaren Teil- und Grundmechanismen erst zerlegt. Anschließend baut man Zug um Zug die verstandenen Teilmechanismen zu immer komplexeren Systemen wieder zusammen. Ähnlich verfährt Marx mit dem großen Ganzen der kapitalistischen Ökonomie. Im letzten Teil des ersten Bandes sowie in den nach seinem Tod von Friedrich Engels zusammengestellten beiden Folgebänden werden haarklein die komplexen Zusammenhänge aufgedröselt, wie Kapital als bloß noch „Geld heckendes Geld“, also zum Zwecke seiner ewigen Selbstvermehrung, ruhelos zirkuliert, um die Welt vagabundiert, allem und jedem seinen Stempel aufdrückt.

In den Anfangskapiteln des „Kapitals“ indes nimmt Marx das scheinbar Selbstverständlichste ins Visier: die Ware – die von Menschen hergestellten Produkte, die Menschen kaufen und verkaufen. Er fragt: Was ist eine Ware, und wie bestimmt sich ihr Wert? Bald werden Gebrauchswert und Tauschwert unterschieden. Jedes Produkt hat einen Gebrauchswert, doch nicht für jeden Menschen zu jeder Zeit. Für die meisten Städter hat ein Spaten keinen Gebrauchswert, gleichwohl wohnt ihm ein Wert inne, wie das Preisschild im Baumarkt verdeutlicht. Wonach bemisst sich dieser Wert, und was macht ihrer Natur nach gänzlich unvergleichbare Waren – etwa Spaten und Unterwäsche – wertmäßig doch vergleichbar sowie für den Hersteller rentabel?

Menschliche Arbeit ist der Schlüssel

Zur Beantwortung dieser Frage lenkt Marx das Augenmerk auf einen Faktor, den alle Waren gemeinsam haben: die menschliche Arbeit, die zur Herstellung jedweden Produktes notwendig ist. Auch Arbeit, genauer: die menschliche Arbeitskraft ist eine Ware, so Marx. Der Proletarier verkauft sie in Form von Lohnarbeit, der Kapitalist kauft und nutzt sie. Menschliche Arbeitskraft unterscheidet sich aber von allen anderen Waren dadurch, dass sie mehr Wert schaffen kann als für Herstellung/Erhalt (Reproduktion) ihrer selbst benötigt wird. Die Beispielrechnungen im „Kapital“ gehen davon aus, dass ein Arbeiter den Gegenwert seines Lohns je nach Produktivität seiner Arbeitsstätte binnen zwei bis fünf Stunden geschaffen hat, während sein Kontrakt ihn zu 8 bis 16 Stunden Arbeit täglich verpflichtet. Was er während dieser Mehrarbeitszeit an Werten produziert, ist Mehrwert und wird vollständig von der Kapitalseite vereinnahmt.

Der Mehrwert ist die entscheidende Quelle für Profit. Weshalb der Kapitalist stets Interesse hat, den Anteil des unbezahlten Mehrwerts zu erhöhen. Dazu gibt es vor allem drei Methoden: Verlängerung der Mehrarbeitszeit, Minderung der Kosten für die Arbeitskraft, also Senkung des Lohns, Erhöhung der Produktivität. Alle drei Methoden finden ihre absolute Grenze in der Natur des Menschen: Verhungernde, kranke oder völlig entkräftete Arbeiter sind für die Produktion nutzlos. Erhalt respektive Wiederherstellung der Arbeitskraft inklusive Fortpflanzung der Arbeiterfamilie ist das absolute Minimum dessen, was der Arbeitslohn gewährleisten muss. Jedes Quantum mehr ist im Kapitalismus bis hin zu heutigen Tarifkämpfen Gegenstand des permanenten Ringens zwischen Kapital- und Arbeiterseite darum, ein wie großer Anteil des Mehrwerts bei seinen Produzenten bleibt oder vom Kapitalisten vereinnahmt wird.

Geld kann nicht arbeiten

Die hier extrem verkürzte Marx‘sche Waren- und Mehrwertanalyse ist eines der Kernstücke des „Kapitals“. Darin stecken viele weitreichende Implikationen. Etwa, dass alle materiellen Reichtümer letztlich aus Arbeiterhand (und Bauernhand) stammen – weil weder irgendein Produkt noch das allgemeinste Warenäquivalent, das Geld, selbst arbeiten und Mehrwert schaffen kann. Woraus sich beispielsweise der Gedanke ergibt, dass ein globales Finanz(un)wesen entweder vor allem mit von Arbeitern geschaffenen und ihnen genommenen Werten oder aber mit bloßen Luftblasen spekuliert. Woraus sich auch die Frage ergibt, ob der derzeitige globale Kapitalismus noch bei Trost ist – mit seiner Ausrichtung auf ein Primat des spekulativen Finanzsektors, losgelöst von der Deckung durch tatsächliche Wertproduktion.

Schließlich führt das Marx‘sche „Kapital“ auch diesseits revolutionärer Neigungen zwangsläufig zu einer Überlegung: Kann ein ökonomisches System, das per se auf ewiges Wachstum angewiesen ist und eine stete Konzentration der Produktionsmittel und der von Arbeitern geschaffenen Reichtümer in immer weniger Händen zum Ergebnis hat, der menschlichen Weisheit letzter Schluss sein?

Von unserem Autor
Andreas Pecht

Der Literaturwissenschaftler Thomas Steinfeld erklärt Marx' Denken und Sprache

Einführungen zu Marx' Werk gibt es viele, aber die des Feuilletonkorrespondenten der „Süddeutschen Zeitung“ ist recht ungewöhnlich: Thomas Steinfeld geht in „Herr der Gespenster“ einzelnen Gedanken von Karl Marx nach, dreht und wendet sie, bezieht sie auf unsere heutige Zeit und stellt assoziationsreich interessante intellektuelle Verbindungen her. In kurzen, mehr feuilletonistischen als wissenschaftlichen Kapiteln beschäftigt sich das Buch mit Themen wie Eigentum, Arbeit, Gleichheit, Wissenschaft und Krise. Steinfeld erweist sich als genauer Kenner des Marx'schen Werks, das er jedoch keineswegs orthodox auslegt, sondern es mit diversen Denkern der Gegenwart in einen produktiven Dialog bringt. Immer wieder blitzen dabei auch Anekdoten auf, nicht um das Theoretische aufzulockern, sondern um es zu veranschaulichen.

Besonders hervorzuheben ist das Kapitel zu Marx' Sprache, in dem der Literaturwissenschaftler zeigt, dass Marx' bei aller Wissenschaftlichkeit gern auf Sprachbilder aus der Geisterbahn zurückgriff, um die unheimliche Macht des Kapitalismus zu beschwören. Nicht immer diente dies der Präzision. So war der Vampir eine wichtige Figur: „Der Vampir bei Karl Marx ist eine Reflexion darauf, wie schwierig es ist, die Subsumption der Arbeitskraft unter das kapitalistisch angewandte Eigentum verständlich zu machen. Er stellt einen Versuch dar, das Metaphysische, das dem Treiben des Kapitals zu eigen ist, durch eine Figur aus der volkstümlichen Überlieferung anschaulich werden zu lassen.“ Marx habe so ein recht schiefes, aber wirksames Bild entworfen, das in den 1920er-Jahren der Maler George Grosz wieder aufnehmen wird. Wolfgang M. Schmitt

  • Thomas Steinfeld: „Herr der Gespenster“, Carl Hanser, 287 Seiten, 24 Euro

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