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Autor Andreas Pecht erinnert sich: Wie ich im Alter von 15 Jahren an Marx scheiterte

Rückblick ins Jahr 1970: Unser Autor Andreas Pecht versuchte sich als Jugendlicher am „Kapital“: Es sollte Jahre dauern, bis sich ihm die Welt des wichtigen Denkers erschloss.

Wir schreiben das Jahr 1970. Ort: Universitätsstadt Heidelberg, eine der kleineren Hochburgen der 68er-Studentenbewegung. Ein 15-Jähriger hat das Taschengeld zweier Wochen zusammengekratzt, um im Roten Buchladen den dicksten Wälzer zu kaufen, den er bis dato in der Hand hatte: Karl Marx' „Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie – Erster Band“. Der Buchhändler fragt irritiert: „Was willst du denn damit?“ Selbstbewusste Antwort des Jünglings: „Das Hauptwerk von Marx lesen – im Original.“ Der Mann an der Kasse ist skeptisch: „Ich fürchte, das geht schief.“ Er legt kostenlos zwei kleine Broschüren von Marx mit dem Titel „Lohn, Preis und Profit“ sowie „Lohnarbeit und Kapital“ dazu. „Lies erst mal das“, so seine Empfehlung.

900 kleinbedruckte Seiten

Ja, es ging schief. Zwar trug ich von da an für einige Zeit stolz die 900 kleinbedruckte Seiten umfassende Neuerwerbung in billigem Pappeinband aus dem Ullstein Verlag mit mir herum. Doch die Lektüre wurde bald zum Akt schierer Verzweiflung. Es stand dort nichts von dem geschrieben, worauf ein mit Feuereifer nach Veränderung einer als zutiefst ungerecht empfundenen Weltordnung gierender Jugendlicher hoffte. Was er in dem Buch las über Wertformen der Ware, über die Produktion des absoluten und relativen Mehrwerts oder den Akkumulationsprozess des Kapitals, das kroch Seite um Seite als knochentrockene Wirtschaftstheorie unverstanden an ihm vorbei.

Nach Wochen des Ringens mit den ersten 300 Seiten legte der Bub, der ich noch war, den Wälzer frustriert weg. Er hatte die Nase voll von der Marx‘schen Grundlagenanalyse der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Und das so sehr, dass selbst die besagten beiden kleinen Broschüren erst einige Jahre später ihre Funktion erfüllen konnten als vorbereitende Wegweiser hin zu einer neuerlichen Befassung mit dem „Kapital“.

Man mag sich heute fragen, was bei einem 15-Jährigen den Impuls auslösen mochte, sich intensiv mit den Theorien des Trierer Rauschebarts befassen zu wollen. Zumal es sich bei dem Jüngling um einen handelte, dessen Primärinteresse altersgemäß den Mädels galt, der am liebsten Feten feierte und sehr laut die junge Musik seiner Generation zelebrierte: Hendrix, Joplin, Cream, Black Sabbath, Pink Floyd, Rolling Stones e tutti quanti aus der bei den Eltern als „Gammlergekreisch“ verschrienen Klangkultur. Um 1955 geboren, waren er und seine Alterskohorte keine echten 68er mehr, sondern quasi deren jüngere Geschwister.

Karl Marx war allgegenwärtig

Halb Kinder, halb Hippies, folgten sie eher intuitiv den antiautoritären Schneisen, die zuvor von den 68ern in den „Mief aus 1000 Jahren“ geschlagen worden waren. Und dabei stießen sie gerade in den Uni-Städten ständig unausweichlich auf Karl Marx. Von ihm war überall im damals stark links orientierten Studenten- und Oberschülermilieu die Rede. Kaum eine Kellerparty, an deren Rande nicht über ihn gesprochen wurde. Keine WG-Küche, in der nicht bis zum frühen Morgen heiß über Marxens Bedeutung für die Befreiungskämpfe in Südostasien, Lateinamerika, Afrika diskutiert wurde – oder über den Einfluss seiner Gesellschaftsanalyse auf aktuelle Entwicklungen des sozialen Ringens, auf die Emanzipation der Frau, die Entwicklung des modernen Menschenbildes.

Die Älteren, die echten 68er, gaben den Ton vor. Und der war scharf anno 1970. Denn der bundesweite Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) befand sich in Auflösung. Die alte und die neue Linke verzweigten sich in eine Unzahl Gruppen und Grüppchen – die sich allesamt auf Marx beriefen, aber einander spinnefeind waren. Hinzu kam tiefe Verunsicherung, herrührend aus dem Spannungsgefüge zwischen Verklärung hier, offener Abneigung da hinsichtlich der Verhältnisse wahlweise in den „sozialistischen Ländern“ jenseits des Eisernen Vorhangs oder in Maos ferner Volksrepublik. Hinzu kam in den 70ern die Hinwendung der größten kommunistischen Parteien Westeuropas, vornweg Frankreichs und Italiens, zur Zielvorstellung vom eigenen, demokratischen Sozialismus gerade nicht nach Moskauer oder Pekinger Muster.

Für einen Jugendlichen, der mit dem Zustand der Welt nicht einverstanden war, der nach einer Alternative suchte zur verknöcherten, kriegslastigen und vom Untertanengeist durchdrungenen Mehrheitsgesellschaft – für einen solchen Jugendlichen war die Lage 1970 ähnlich unübersichtlich wie heute. Weil aber damals alle linken Fraktionen tönten „Wenn du begreifen willst, was mit der Welt los ist, musst du Marx lesen!“, las ich Marx – und scheiterte also im ersten Anlauf.

Spätestens ab dem Mauerbau: Jetzt erst recht!

Weil zugleich alle konservativen Westgeister von Elternhaus, Schule, Kirche bis zu bürgerlicher Presse und Bundestagsparteien spätestens seit dem Mauerbau 1961 pauschal gegen das „teuflische Marx-Unwesen“ wetterten, lasen wir Jungen erst recht weiter Marx. Je nach Neigung oder Nähe zu einer der besagten Linksgruppen richtete sich das Interesse etwa auf Texte zur Kritik der Philosophie, also Marx‘ Auseinandersetzung mit Hegels Dialektik oder dem Naturmaterialismus Ludwig Feuerbachs.

Unser 15-Jähriger landete nach seiner Verzweiflung am „Kapital“ in anderen Bereichen des weit ausgreifenden und alles infrage stellenden Marx‘schen Universums, vorweg bei Friedrich Engels. Etwa bei dessen ebenso fundierter wie sozial empörender Untersuchung über „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ oder bei dessen fundamentaler Schrift „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ als materialistische Geschichtsbetrachtung. Von dort führte der Weg über die von Marx und Engels gemeinsam verfassten Schriften „Die heilige Familie“ und das „Kommunistische Manifest“ allmählich wieder zurück zum „Kapital“.

Fünf Jahre nach der missglückten Erstbegegnung des Jünglings saß der nun junge Erwachsene in einem von Kennern geleiteten Studienzirkel. Dort lernte er in vielen Stunden, was laut Marx‘schem Hauptwerk die kapitalistische Welt im Innersten zusammenhält. Das Wissen darum ist wertvoll bis heute – auch wenn Marx an mancher Stelle irrte, manche ökonomische wie ökologische Entwicklung nicht kommen sah und die machtpolitische Fehlinterpretation seiner Intentionen durch so viele vermeintlich „sozialistische“ Nachgeborene bitter aufstößt.

Von unserem Autor 
Andreas Pecht

Wie Marx' Ideen im 20. Jahrhundert wirkten und warum sie auch heute noch aktuell sind

Marx zu lesen und zu verstehen, ist kein leichtes Unterfangen, doch gute Einführungen können einen Zugang zu den sperrigen Hauptwerken gewähren: In „Marx und die Folgen“ bietet der Philosoph Christoph Henning einen hervorragenden und verständlich geschriebenen Überblick und stellt zentrale Thesen des Denkers vor. Da es, wie der Titel ankündigt, auch um die Folgen gehen soll, stellt Henning immer wieder Bezüge zu unserer politisch-ökonomischen Gegenwart her, um so en passant die Aktualität von Marx' Denken zu betonen.

Darüber hinaus erklärt der Autor, wie Marx das 20. Jahrhundert entscheidend geprägt hat, schon weil er eine sehr hellsichtige Analyse des Kapitalismus lieferte, die sich fortwährend zu aktualisieren scheint. Differenziert schildert Henning auch die dunklen Seiten der Wirkungsgeschichte, welche nicht auf Marx direkt zurückgeführt werden können, sondern eher von einer Fehllektüre herrühren.

Jenseits der Totalitarismen des 20. Jahrhunderts geht es auch um den Einfluss der Marx'schen Theorie auf das kulturelle und universitäre Leben. Wenn auch der Marxismus bis heute an Hochschulen nur eine marginale Rolle einnimmt, ist die Wirkmacht dennoch groß – immer wieder zitiert Henning Gegenwartsphilosophen wie Alain Badiou oder Jacques Rancière, die sich auf Marx beziehen.

Von Marx ausgehend, schätzt Henning allerdings jene Ökonomen und Technologieanhänger kritisch ein, die glauben, der technische Fortschritt werde für eine postkapitalistische Gesellschaft sorgen – stets gelte es, „Schein und Sein zu unterscheiden“. Hart ins Gericht geht er ebenfalls mit den „kulturellen“ Linken, die sich von Marx losmachten, dabei aber die herrschenden Machtverhältnisse übersahen – diese haben stattdessen Filme wie „Robocop“ in marxistischer Tradition abgebildet. wms

  • Christoph Henning: „Marx und die Folgen“, J. B. Metzler, 154 Seiten, 19,99 Euro
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