40.000
  • Startseite
  • » Kultur
  • » Ausstellung in Mainz: Rheinland-Pfalz präsentiert Schätze aus seiner Erde
  • Aus unserem Archiv
    Rheinland-Pfalz

    Ausstellung in Mainz: Rheinland-Pfalz präsentiert Schätze aus seiner Erde

    Metertief können Archäologen an manchen Orten in Rheinland-Pfalz graben und in jedem Zentimeter stoßen sie auf Geschichte. Eine große Ausstellung in Mainz zeigt die wichtigsten Funde der vergangenen Jahrzehnte.

    Wer auch nur eine vage Vorstellung hat, was in den historischen Abteilungen der rheinland-pfälzischen Museen sowie in Depots der Archäologen gebunkert ist, der musste erwarten oder befürchten, dass eine Überblicksausstellung dazu in schierer Exponatmasse ertrinkt. Gute Nachricht von der Großausstellung „vorZeiten – Archäologische Schätz an Rhein und Mosel” im Landesmuseum Mainz: Mit 400 sorgsam ausgewählten Artefakten, alle gefunden während der zurückliegenden 70 Jahre, vermittelt diese Schau einen knappen und exzellenten Blick über 400 Millionen Jahre Erd- und etliche zehntausend Jahre Menschengeschichte auf dem Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz.

    Warum nur Funde aus den jüngsten 70 Jahren? Weil die Ausstellung zugleich eine Art Dokumentation über die Arbeit der „Landesarchäologie” ist. Diese Institution mit Außenstellen in Koblenz, Trier, Mainz, Speyer – heute Teil der Generaldirektion Kulturelles Erbe (GDKE) – feiert wie das Land Rheinland-Pfalz 2017 ihren 70. Geburtstag. Die Idee, zu diesem Anlass Funde aus allen Landesteilen in Mainz zusammenzuführen, ist naheliegend und wurde doch zuvor in dieser Form noch nie realisiert. So ergibt sich jetzt erstmals die Möglichkeit, an einem Ort zu betrachten, welche Schätze unseres kulturellen Erbes die Landesarchäologen entdeckt, vor Vergessen, Zerstörung oder Raub behütet haben.

    Nahe Polch (Eifel) sind Landesarchäologen auf eine Fläche mit Hinterlassenschaften einer Besiedlungsgeschichte von der Jungsteinzeit vor fast 8000 Jahren bis in die römische Epoche gestoßen. Im Bild eine Tiefengrabung nach einem aufwändigen Wasserleitungsnetz, das im 2./3. Jahrhundert einen römischen Gutshof versorgte.
    Nahe Polch (Eifel) sind Landesarchäologen auf eine Fläche mit Hinterlassenschaften einer Besiedlungsgeschichte von der Jungsteinzeit vor fast 8000 Jahren bis in die römische Epoche gestoßen. Im Bild eine Tiefengrabung nach einem aufwändigen Wasserleitungsnetz, das im 2./3. Jahrhundert einen römischen Gutshof versorgte.
    Foto: GDKE/ M. Gensty

    Dies Bemühen endet nie. Während im Museum Fundstücke aus sieben Jahrzehnten präsentiert werden, sind Archäologen überall im Land dabei, neue Fundstellen zu erforschen und zu sichern. Zwei der bedeutendsten aktuellen Grabungen seien angeführt: Da ist die Geländeuntersuchung am Rande des Eifelortes Polch. Wo demnächst ein Gewerbegebiet entsteht, fördern die Archäologen derzeit einen Hotspot menschlicher Besiedlung von 5300 vor Chr. bis ins römische 3. Jahrhundert nach Chr. zutage. Da ist die Grabung in der Kirche St. Johannis zu Mainz. Wo man nur eine neue Fußbodenheizung hatte einbauen wollen, stoßen stattdessen die Archäologen auf immer neue Schichten noch älterer Vorgängerbauten bis zurück ins 5. Jahrhundert.

    700.000 Fundstellen sind bei der Landesarchäologie registriert. Kein Wunder, dass die Auswahl der Exponate für die Mainzer Präsentation eine der schwierigsten Aufgaben war. Die sich übers gesamte Erdgeschoss des Landesmuseums ausbreitende Schau ist angelegt als Reise durch einen Zeittunnel, die an markanten Stellen der Geschichte halt macht. Dort sind Kabinette eingerichtet mit Fundstücken, die exemplarisch für die jeweilige Epoche stehen. Fast jedes Kabinett ist mit Artefakten von nur einer Fundstelle ausgestattet, woraus sich ein schöner Überblick über archäologisch besonders bedeutsame Plätze im Land ergibt.

    Der erste Halt ist ein mit 400 Millionen Jahren alten Fossilien bestückter Raum. Das sind in Schiefer eingeschlossene Bewohner des einstigen Urozeans, dessen versteinerte Sedimente einen Großteil der Mittelgebirge ausmachen. Gliederfüßler, Fische, Seesterne in wunderbar klarer Prägung sind zu sehen – ans Tageslicht befördert durch den Abbau von Dachschiefer bei Budenbach im Hunsrück. Die Zeitreise macht dann einen Sprung über 375 Millionen Jahre und in den Westerwald zu versteinerten Fischen, Insekten, Reptilien, Vögeln, Säugetieren und dem ältesten je entdeckten flugfähigen Nagetier; alle waren sie heimisch an einem Maarsee bei Bad Marienberg.

    Weiter geht's ins Zeitalter des Menschen, der schon früh das Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz zum Siedlungsraum erkor. 170.000 Jahre alt ist der „erste Rheinland-Pfälzer” – ein früher Neandertaler, dessen Schädelkalotte aus einem eifelanischen Vulkankrater bei Ochtendung stammt. 15.500 Jahre alt ist ein 1968 in Gönnersdorf bei Neuwied entdeckter Lagerplatz des Homo sapiens. Herausragende Artefakte von dort sind Schnitzereien aus Mammutelfenbein und Ritzereien in Schieferplatten. Sie zeigen abstrahierte Frauendarstellungen, sind Zeugnisse frühzeitlichen Kunstschaffens, dessen Ästhetik sich damals in Windeseile über halb Europa verbreitete. 8500 Jahre jünger ist der noch immer völlig rätselhafte Schreckensfund im pfälzischen Herxheim: Massengräber aus der Spätphase der Bandkeramikkultur mit den Überresten von etwa 500 zerstückelten Menschen. Bronzezeitliche Hortfunde in Schifferstadt, Ochtendung oder am Rand des Pfälzerwaldes belegen mannigfache Fernhandelsbeziehungen unserer Region schon vor fast 4000 Jahren, die bis nach Persien reichten. Beigaben aus Prunkgräbern bei Worms und Trier bezeugen für die nachfolgende Eisenzeit intensiven Kulturaustausch der hiesigen Kelten etwa mit dem Mittelmeerraum.

    Dann die Römer. Der imperialen Militärmetropole Mainz ist ein eigenes Kabinett gewidmet, ebenso der Kaiserstadt Trier. Statt Exponatfülle herrscht auch hier das Prinzip der reduzierten Beispielhaftigkeit, das hernach mit der Drachenkopfstandarte aus dem Kastell Niederbieber oder dem jüngst erst einem Raubgräber entwundenen „Barbarenschatz von Rülzheim” überleitet zu Spätantike, Mittelalter und Neuzeit. Bloße Beeindruckung durch Opulenz und Pracht ist nicht das Wesentliche dieser Ausstellung. Im Zentrum steht vielmehr die interessierte Betrachtung besonderer archäologischer Funde – die in ihrer exemplarischen Abfolge ein erhellendes Bild der Geschichte unserer Heimat als stetem Begegnungsraum vieler Kulturen zeichnet. 

    Von unserem Autor Andreas Pecht  

    Kultur
    Meistgelesene Artikel
    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik
    Claus Ambrosius 

    Leiter Kultur

    Claus Ambrosius

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Anke Mersmann

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Melanie Schröder

     

    Kontakt per Mail

    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!