40.000
Aus unserem Archiv
Hunsrück

Aus Alt mach Neu: Zum Tag der Architektur 2018

Martin Boldt

„Architektur bleibt!“ ist das bundesweite Motto für den Tag der Architektur 2018. Und auch in Rheinland-Pfalz nimmt das Bauen im Bestand einen wichtigen Platz ein: In Andernach werden Barockensemble ergänzt, in Bad Hönningen Fachwerkhäuser saniert. In der kleinen Hunsrückgemeinde Külz wiederum ist es dem Architekten Johannes Klein gelungen, in aufwendiger Rekonstruktionsarbeit das eigene Elternhaus auf seine Ursprungsarchitektur zurückzuführen.

Vier Um- und Anbauten hatten dem Elternhaus von Johannes Klein über die Jahrzehnte seinen ursprünglichen Charme genommen. Anhand alter Pläne aus den 1920er-Jahren baute der Architekt den Komplex in Külz jetzt zurück und erneuerte ihn liebevoll. Im Dachgeschoss wurde das Gebälk freigelegt und der Boden mit Ornamentfliesen verlegt. Foto: Johannes Klein
Vier Um- und Anbauten hatten dem Elternhaus von Johannes Klein über die Jahrzehnte seinen ursprünglichen Charme genommen. Anhand alter Pläne aus den 1920er-Jahren baute der Architekt den Komplex in Külz jetzt zurück und erneuerte ihn liebevoll. Im Dachgeschoss wurde das Gebälk freigelegt und der Boden mit Ornamentfliesen verlegt.
Foto: Johannes Klein

Von unserem Reporter Martin Boldt

Keine leichte Aufgabe: Insgesamt viermal war das 96 Jahre alte Haus zuvor an die Bedürfnisse der Familie angepasst, erweitert und umgebaut worden – oft ohne jedes Konzept. Der Impuls, dem Gebäude seine alte Würde zurückzugeben, kam dem heute 46-Jährigen dann vor einigen Jahren, am Geburtstag seines Großvaters, der das Haus 1922 erbaut hatte. „Ich habe seinen Namen und den von Külz bei einer Suchmaschine eingegeben, und da ploppte plötzlich eine alte Ansicht des Hauses aus den 20er Jahren auf“, berichtet Klein. Für ihn war es daraufhin beschlossene Sache: Er erwarb das Haus von seinem Bruder und begann 2016 mit der Umsetzung des Vorhabens. In die Hände spielte Johannes Klein, dass sowohl die Baubeschreibung als auch die Architektenpläne des Originalbaus noch existierten. Erstere allerdings ausschließlich in Sütterlinschrift, die der Architekt daher zunächst lernen muss, um die Aufzeichnungen entziffern zu können.

„Das Objekt wurde ursprünglich als Wohn- und Geschäftshaus gebaut. Mein Großvater, Christoph Klein, hat hier, direkt gegenüber dem ehemaligen Ortsbahnhof ein Kolonialwarengeschäft geführt“, sagt Klein. Die erste Veränderung erfolgte im Jahr 1949, als ein zweites Schaufenster in die Hauswand eingelassen wurde. Als Kleins Vater heiratet, wird es allmählich zu eng für die Familie, und so entsteht Anfang der 60er-Jahre ein großer Anbau von neun mal sechs Metern. Er vergrößert das Ladengeschäft im Erdgeschoss und schafft zwei zusätzliche Wohneinheiten. Vervollständigt wird der Komplex 1973 durch einen Flachdachanbau auf der anderen Seite des Ursprungsbaus, der als dringend benötigtes Wohnzimmer dient. Großfamilie Klein hat insgesamt neun Kinder.

„Während des Rückbaus sah das Gebäude zwischenzeitlich wie ein Schweizer Käse aus“, erinnert sich Architekt Klein. Heikel wurde es, als ein Stahlträger angegangen wurde, der auch in den Altbau hineinragte. Plötzlich hatte sich ein langer Riss in der Außenfassade gebildet. „Das war so ein Tag, wo ich dachte: Jetzt bricht mir die ganze Hütte zusammen.“ Ein Statiker half jedoch rasch bei den Sicherungsmaßnahmen und empfahl, eine neue Wand im Erdgeschoss zu mauern, um die Last zu verteilen. Glanzlicht der Rekonstruktion ist das Dachgeschoss, das, von seinem vormals eingezogenen Dachboden befreit, nun mit eindrucksvollem, freiliegenden Gebälk aufwartet. Zu Füßen wurden Fliesen verlegt, die mit ihren Ornamenten eine Reminiszenz an die alten Zementfliesen in den Kellerräumen das Hausen bilden.

Auch die Fenster, die den Bau heute schmücken, sind den Originalen nachempfunden. „Eine Scheune nebendran besitzt noch eines jener Modelle, die auch ursprünglich im Haus verwendet wurden. Wir haben jetzt im Prinzip 20er-Jahre-Fenster nach neuestem energetischen Standard“, so Klein, für den das Projekt ein gewaltiger Lernprozess in Bezug auf alte Bautechniken darstellte. Zum Beispiel, was das Verputzen der Fassade angeht: Die hier angewandte Kratzputztechnik wird heutzutage kaum noch von Handwerkern der Region beherrscht, erklärt Klein.

Der Hunsrücker, der sich 2006 mit einem eigenen Büro in Ingelheim selbstständig gemacht hat, hofft schon bald auf weitere spannende Projekte dieser Art: „Ich würde gern mehr traditionell bauen“, verrät er. Es freut ihn deshalb umsomehr, mit dem eigenen Elternhaus eine Referenz geschaffen zu haben.

Das Projekt „Wohnhausrückbau und Erneuerung“, Hauptstraße 51, 55471 Külz, ist Samstag von 14 bis 18 Uhr sowie Sonntag von 11 bis 18 Uhr zu besichtigen .

  • Am Wochenende rückt der bundesweite „Tag der Architektur“ in Anlehnung an das Motto des Europäischen Kulturerbejahr 2018, „Sharing Heritage“, das Kulturerbe und das Bauen im Bestand in den Fokus. In Rheinland-Pfalz öffnen am 23. und 24. Juni 63 Bauwerke und Freiflächen ihre Türen und Tore. Vielerorts gibt es Begleitprogramm. Übersicht unter www.diearchitekten.org/x/tda

Kultur
Meistgelesene Artikel
Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik
Claus Ambrosius 

Leiter Kultur

Claus Ambrosius

 

Kontakt per Mail

Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

Redakteurin Kultur

Anke Mersmann

 

Kontakt per Mail

Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

Redakteurin Kultur

Melanie Schröder

 

Kontakt per Mail

Event-Kalender
Veranstaltungstipps

Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!