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Trier

Auftakt in Trier: Karl-Marx-Jubiläumsschauen mit eindeutigem Tenor

Andreas Pecht

Marx für alle. So könnte das Ausstellungsmotto in der Geburtsstadt des bekannten Denkers und Philosophen Karl Marx lauten. Denn ein Rundgang in Trier zeigt vor allem eins: Der geistige Urvater des Kommunismus soll für alle greifbar und verständlich werden.

Schwebte der Philosoph Karl Marx gedanklich über den Dingen, so wie die scheinbar frei schwebende Skulptur seines Kopfes im Rheinischen Landesmuseum in Trier andeutet? Sie ist in der Ausstellung „Karl Marx 1818–1883. Leben. Werk. Zeit.“ zu sehen. Hier wird ab sofort Marx durchleuchtet.
Schwebte der Philosoph Karl Marx gedanklich über den Dingen, so wie die scheinbar frei schwebende Skulptur seines Kopfes im Rheinischen Landesmuseum in Trier andeutet? Sie ist in der Ausstellung „Karl Marx 1818–1883. Leben. Werk. Zeit.“ zu sehen. Hier wird ab sofort Marx durchleuchtet.
Foto: dpa

Die Superlative überschlagen sich: Er sei der weltweit bekannteste Deutsche überhaupt, einer der bedeutendsten Denker des 19. Jahrhunderts. So trumpfen Ankündigungen und Ansprachen nicht nur der Verantwortlichen derzeit in Trier auf. Die freuen sich über das größte Presseinteresse, das je einem Ereignis in der Moselstadt zuteil wurde. Es gilt dem berühmtesten Sohn der Stadt, dessen Leben und Werk ab heute mit den umfangreichsten Ausstellungen beleuchtet werden, die es zu diesem Thema je gab. Die Rede ist von Karl Marx, der am 5. Mai 1818 in Trier zur Welt kam – dessen Lebenswerk der Ruf anhängt, die ganze Welt in Aufruhr versetzt zu haben.

Allerdings steht die Bekanntheit des Namens Karl Marx oft im krassen Gegensatz zur Kenntnis dessen, was sein eigentliches Schaffen ausmacht. Der Blick auf Marx war über Jahrzehnte verstellt vom Vorwurf, er sei der geistige Vater der „sozialistischen“ Diktaturen des 20. Jahrhunderts und damit persona non grata der Geistesgeschichte. Gut 30 Jahre nach dem Fall von SED-Herrschaft und Mauer scheint die Zeit reif, auch ein breites Publikum unvoreingenommen über das ureigene Werk des Philosophen, Ökonomen, Historikers, Gesellschaftstheoretikers, Journalisten und Politikers zu orientieren.

So jedenfalls sehen es die Macher, die sich für und rund um die jetzt eröffnete Landesausstellung in Trier „Karl Marx 1818–1883. Leben. Werk. Zeit“ zusammengetan haben: das Land Rheinland-Pfalz, die Stadt Trier, das Bistum Trier sowie die Friedrich-Ebert-Stiftung. Gemeinsam haben sie vier Ausstellungen auf die Beine gestellt, die das Kernstück einer mehrere Hundert Veranstaltungen umfassenden Kampagne anlässlich des 200. Geburtstages von Karl Marx in seiner Heimatstadt bilden. Das Augenmerk sei an dieser Stelle auf die Hauptausstellung im Rheinischen Landesmuseum Trier gerichtet (die anderen Präsentationen werden am Montag auf unserer Kultur-Seite behandelt). Im Landesmuseum wird dabei versucht, dem Besucher das Marx'sche Werk selbst näherzubringen.

Ganz nah dran an Marx

Natürlich sind es die historischen Originalstücke, auf die sich der Blick des Kenners fasziniert heftet. Hier die erste Druckausgabe des Marx'schen Hauptwerks „Das Kapital“, vom Verfasser handschriftlich gleich wieder mit jeder Menge Änderungen und Korrekturen versehen. Da, neben Hunderten Ausgaben des Kommunistischen Manifests aus der ganzen Welt, das letzte noch erhaltene Blatt der Urschrift dieses meistpublizierten Pamphlets des 19. Jahrhunderts: Über Marx' wirklich unleserlichem Gekrakel findet sich eine Anmerkung in feinster Schönschrift von Gattin Jenny. Dort Notizbücher Karls, überfüllt mit Text in winziger Schrift nebst tausenderlei Streichungen und Anmerkungen; dazu endlose Berechnungen, mit denen Marx der Funktionsweise des Kapitalismus auf die Spur kommen wollte.

Diese Exponate sind keine Devotionalien der dumpfen Marx-Verehrung. Vielmehr dienen sie als Zeugnisse für die ruhelose, akribische, forschende und jeden persönlichen Erkenntnisschritt immer wieder infrage stellende Arbeitsweise von Marx. Doch wendet sich die Ausstellung nicht primär an Kenner, sondern an das breite Publikum. Sie will verständlich machen, was an diesem Werk so bedeutend ist. Unausgesprochen steht über der Ausstellungskonzeption das Motto: Wer Marx verstehen will, muss ihn vor dem Hintergrund seiner Zeit betrachten.

Bund schenkt Karl Marx eine Sonderbriefmarke

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) hat den Kapitalismuskritiker Karl Marx zu dessen 200. Geburtstag mit einer Sonderbriefmarke geehrt. Die von dem Grafikdesigner Thomas Mayfried gestaltete 70-Cent-Briefmarke des Denkers mit dem Rauschebart ist ab sofort bei der Post erhältlich, wie das Ministerium mitteilte. Karl Marx, der als geistiger Vater des Kommunismus gilt und die Ausbeutung der Arbeiter zu Beginn der Industrialisierung anprangerte, wird am heutigen Samstag, wenn er 200 Jahre alt geworden wäre, besonders in seiner Heimatstadt Trier geehrt. Unter anderem soll eine große Marx-Statue enthüllt werden, die China der Moselstadt geschenkt hat. In Peking wurde mit eigenen Feiern an Marx erinnert. „Trotz tief greifender Veränderungen in der menschlichen Gesellschaft wird der Name Karl Marx immer noch überall auf der Welt respektiert, und seine Theorie leuchtet immer noch mit dem brillanten Licht der Wahrheit“, sagte Staatschef Xi Jinping.

Deshalb beginnt der Rundgang im Landesmuseum mit erhellenden Auseinandersetzungen rund um die großen politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklungen im frühen 19. Jahrhundert: setzt an beim Wiener Kongress und der feudalen Neuordnung Europas; beim gleichzeitigen Aufstieg des Bürgertums zur ökonomisch dominierenden, aber politisch rechtlosen Klasse; bei der industriellen Revolution und der Entstehung der neuen und von Geburt an dem Elend preisgegebenen Schicht des Proletariats.

In dieser sich damals rasant verändernden Gemengelage wuchs Karl Marx heran – erst zum Doktor der Philosophie, dann zum Chefredakteur der von Bürgern finanzierten antifeudalen „Rheinischen Zeitung“ und schließlich zum Analytiker historischer Prozesse und vor allem der Gesamtzusammenhänge zwischen Ökonomie und Gesellschaft.

Lebhaft und sinnenfroh folgt die Ausstellung mit Bildnissen, Dokumenten, Rauminszenierungen den geschichtlichen und sozialen Entwicklungen, auf die Marx reagierte, die er analysierte, in denen er Partei ergriff: Aufstand der schlesischen Weber, Hambacher Fest, bürgerlich-revolutionärer Flächenbrand in Europa 1848/49. Als Schreiber meist im aufgezwungenen Exil prangerte er die Unterdrückung bürgerlicher Freiheiten etwa durch die Preußen an. Zugleich vertiefte er sich immer weiter ins nachherige Zentrum seines Lebenswerkes: die systematische Ergründung der Funktionsweisen der damals noch ganz neuen Wirtschaftsordnung des Kapitalismus – zusammengefasst in den rund 2500 Seiten der drei Bände „Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie“.

Kernaussagen verständlich machen

Viele der Marx-Würdigungen, die in den vergangenen Tagen überall durch die Medien gingen, streifen diesen zentralen Teil des Marx'schen Gesamtwerks nur oberflächlich oder machen gleich einen großen Bogen darum. Verständlich, handelt es sich doch um hochkomplexen, in heutzutage üblicher Kürze kaum darstellbaren Stoff. Die Schau im Landesmuseum unternimmt dennoch den lobenswerten Versuch, zumindest einige der Kernaussagen des „Kapitals“ verständlich zu transportieren. Eine eigens kreierte Installation namens „Marx-Maschine“ verdeutlicht, dass im Kapitalismus menschliche Arbeit eine Ware ist und zugleich der einzige Faktor, der tatsächliche Werte schafft. Nur Menschenarbeit bringt Mehrwert hervor, der freilich vom Kapital aufgesogen wird, um damit nachher noch mehr Profit zu machen.

Und wie hält es die Marx-Ausstellung mit dem, was dem Mann aus Trier am meisten zur Last gelegt wurde: die vermeintliche Vaterschaft für die „sozialistischen“ Gräuel des 20. Jahrhunderts? Die informative Sachlichkeit der Ausstellung wird im letzten Raum konfrontiert mit einem Bildspann „Marxismus im 20. Jahrhundert“. Der zeigt berühmte Köpfe, die sich zu Lebzeiten in ganz unterschiedlicher Weise auf Marx bezogen haben. Da ziehen Lenin, Stalin, Mao und Co. vorbei, aber auch Ben Gurion und Allende. Da tauchen Sartre, Adorno und Bloch auf, Picasso, Neruda, Theodorakis; Anna Seghers, Frida Kahlo, Angela Davis oder Joan Baez.

Die Nachgeborenen führen von Marx schier unendlich viele, ganz verschiedene Linien bis in die Gegenwart – grausige, aber auch inspirierende. Die Landesausstellung enthält sich geflissentlich der Stellungnahme, wie aktuell Marx heute noch oder wieder ist respektive sein könnte. Sie versteht sich als Anregung, die unvoreingenommene und kritische Auseinandersetzung mit dem so tiefschürfenden Marx'schen Original zu wagen. Jeder auf seine Weise.

Von unserem Autor Andreas Pecht

Unser Autor Andreas Pecht
kommentiert das Marx-Jubiläumsprogramm

Sein Appell:
Mehr Augenmaß beim Marx-Gedenken – das ist dringend notwendig

Wo immer der Name Karl Marx fällt, tauchen sofort auch zwei Reflexe auf: vehemente Ablehnung und vorbehaltlose Verehrung. Beide behindern eine angemessene Befassung mit dem vielschichtigen Werk eines der bedeutendsten Denker des 19. Jahrhunderts. „Stoßt Marx vom Sockel!“, giftet in Trier die rechte Ecke. „Zu viel der Ehre für den Vater menschenverachtender Systeme“, bekrittelt selbst manch bürgerlicher Geist die Aufmerksamkeit, die dem Begründer des „wissenschaftlichen Sozialismus“ in diesen Tagen zuteil wird.

Leider wissen viele Marx-Gegner oft herzlich wenig bis gar nichts über das Werk des Angefeindeten. Stattdessen wird Karl Marx quasi persönlich dafür verantwortlich gemacht und abgeurteilt, was im Jahrhundert nach seinem Ableben unter dem Etikett „sozialistisch“ oder „kommunistisch“ alles verbrochen wurde. Das ist eine etwas eigentümliche Position. Niemand käme auf die Idee, etwa den Erfinder Rudolf Diesel für den VW-Dieselskandal verantwortlich zu machen oder Martin Luther für den Dreißigjährigen Krieg. Keiner würde den Verfassern des Neuen Testaments oder gar Jesus Christus selbst die Schuld an den Metzeleien der Kreuzzüge und der Hexenverfolgung zuschieben. Karl Marx indes wird angelastet, dass Lenin, Stalin, Mao Tse Tung, Pol Pot, die nordkoreanischen Kim-Diktatoren oder Ulbricht, Honecker und Co. sich auf ihn beriefen.

Unter dieser Last, für die der Mann aus Trier nichts kann, ist das Marx'sche Originalwerk fast völlig verschüttet worden. Sollten die Ausstellungen und Veranstaltungen zum 200. Geburtstag es jetzt so weit von diesem Schutt befreien, dass eine sachlich-kritische Auseinandersetzung mit dem Œevre selbst wieder möglich wird: Es wäre ein Gewinn für das Geistesleben der Gegenwart – nicht zuletzt als interessanter Impuls für die Diskussion darüber, was warum am globalen Turbokapitalismus heute falsch läuft und was eventuell dagegen getan werden kann.

Wie Trier an den berühmten Sohn der Stadt erinnert

Am 5. Mai jährt sich der Geburtstag von Karl Marx zum 200. Mal. Aus diesem Anlass widmet sich erstmals überhaupt eine kulturhistorische Ausstellung dem bedeutenden Denker des 19. Jahrhunderts und beleuchtet sein Leben, seine wichtigsten Werke und das vielfältige Wirken in seiner Zeit. Getragen vom Land Rheinland-Pfalz und der Stadt Trier, wird die Landesausstellung „Karl Marx 1818–1883. Leben. Werk. Zeit“ an mehreren Ausstellungsorten in Trier gezeigt. Die Schau läuft bis 21. Oktober. Eine Übersicht:

Rheinisches Landesmuseum
Auf mehr als 1000 Quadratmetern zeigt das Rheinische Landesmuseum Trier ein neues, von der ideologischen Vereinnahmung im 20. Jahrhundert befreites Bild von Karl Marx und seinem Werk – eingebettet in die Geschichte des 19. Jahrhunderts als Zeitalter revolutionärer Veränderungen in allen Lebensbereichen.

Stadtmuseum Simeonstift
Das Stadtmuseum Simeonstift nimmt auf der Grundlage von Zeitdokumenten und Lebensschilderungen die Privatperson Karl Marx sowie dessen Familie in den Blick und zeichnet auf rund 500 Quadratmeter Ausstellungsfläche die Stationen seines bewegten Lebens nach.

Museum Karl-Marx-Haus
Das Karl-Marx-Haus ist das einzige Museum in Deutschland zu Leben, Werk und Wirkung von Karl Marx. Die Friedrich-Ebert-Stiftung nimmt als Trägerin des Museums das Jubiläum zum Anlass, die bestehende Dauerausstellung neu zu konzipieren und die Wirkungsgeschichte von Marx' Ideen bis in die Gegenwart fortzuführen. Die neue Dauerausstellung wird pünktlich zum 200. Geburtstag eröffnet.

Museum am Dom
So manche Frage von Karl Marx zum Verhältnis von Arbeit und Kapital ist nach wie vor unbeantwortet und gleichzeitig brandaktuell. Wie zeitgenössische Künstler sich mit einem Themenfeld um Arbeitswelten und Menschenwürde befassen, zeigt das Museum am Dom in seiner Ausstellung „LebensWertARBEIT: ein hohes menschliches Gut“.

Mit der Karl-Marx-Card (20 Euro) können alle vier Ausstellungsorte besucht werden.Weitere Informationen unter www.karl-marx-ausstellung.de

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