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    Rheinland-Pfalz

    Archäologie-Serie: Totenkult als Inszenierung

    Die Archäologie öffnet Fenster auch zur jüngsten Vergangenheit. In einer Serie erzählen wir Geschichten zur Geschichte . Heute von mächtigen Grabmonumenten, die in der Vulkaneifel einst zeigten, wer der reichste Römer war.

    Es waren einst mächtige Grabpfeiler, die tief in der Vulkaneifel als Prestigeobjekte die Erinnerung an einen der reichsten Römer der Antike wach halten sollten. Dass sie neue Bewohner im 4. Jahrhundert n. Chr. abrissen – ein unwiederbringlicher Verlust.  Foto: Archäologischer Förderverein Duppach, Nic Herber
    Es waren einst mächtige Grabpfeiler, die tief in der Vulkaneifel als Prestigeobjekte die Erinnerung an einen der reichsten Römer der Antike wach halten sollten. Dass sie neue Bewohner im 4. Jahrhundert n. Chr. abrissen – ein unwiederbringlicher Verlust.
    Foto: Archäologischer Förderverein Duppach, Nic Herber

    Er ist so gestorben, wie er gelebt hat, heißt es im Volksmund. Und in Bezug auf diesen Römer dürfte die Formulierung den Nagel so ziemlich auf den Kopf treffen: Tief in der Vulkaneifel, wo heute Duppach liegt, ließ sich einst ein reicher Römer nieder. Nicht nur zu Lebzeiten demonstrierte er seine materielle Stärke gern nach außen, indem er etwa eine mächtige Villenanlage erbauen ließ, sondern inszenierte sich auch über seinen Tod hinaus.

    Zwei prachtvolle, gut 20 Meter hohe Grabpfeiler ließ er im 2. und in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts n. Chr. auf seinem Besitz errichten. Sie fielen jedem ins Auge, der die Römerstraße zwischen Köln und Trier passierte. „Römische A1“ nennt sie Peter Henrich, Mitarbeiter der Landesarchäologie Rheinland-Pfalz, was erahnen lässt, wie stark diese befahren war. Auf diesem Weg konnte ein jeder die stolzen Monumente schon aus der Entfernung bewundern – bis sie dem Untergang geweiht waren.

    Profit aus Monumenten schlagen

    Neue Bewohner der Villenanlage schlugen in der Spätantike, etwa im 4. Jahrhundert n. Chr., Steine aus den Monumenten, um sie weiterzuverkaufen oder für ihre Häuser zu nutzen. Ein weitgehend unwiederbringlicher Verlust und eigentlich auch eine Anmaßung: „Schließlich waren die Pfeiler das Symbol für Stärke und Überlegenheit. Jeder sollte sie sehen und sich fragen: ‚Wer war das?’, um den Namen nie wieder zu vergessen.“

    Bekannt ist dieser heute nicht mehr ebenso wie viele Hintergründe der Geschichte. Worauf der Reichtum des Römers gründete, welcher Arbeit er nachging, ist nicht klar. Möglich aber, dass er in der Eisenverhüttungsindustrie der Region tätig war. Und sicher ist, dass er Ehrenmitglied im Trierer Stadtrat war. Ehrentitel wurden in römischer Zeit ausschließlich an finanzielle Gönner verliehen. Als Mäzene mussten diese Gebäude stiften, Spiele ausrichten, für das Gemeinwohl sorgen und zudem ein finanzielles Polster von 100.000 Sesterzen vorweisen können. „So viel konnte kein Soldat in seinem Berufsleben verdienen“, setzt Henrich diese Summe ins Verhältnis.

    Infozentrum nach 
römischem Vorbild

    Das Informationszentrum Duppach bereitet die Geschichte der römischen Villenanlage in Duppach und die ihrer Grabdenkmäler auf, die ab 2002 im Zuge von Grabungen gefunden wurden.
    Dafür wurde ein Sechspfostenbau nach römischem Vorbild errichtet. Auch das Außengelände wurde ganz der Römerzeit nachempfunden – so können römische Spiele gespielt oder ein kleiner römischer Kräutergarten erkundet werden. Weitere Informationen zum Informationszentrum und zum Archäologischen Verein Duppach gibt es im Internet unter www.archaeologie-duppach.de

    Aber nicht nur als Gönner machte sich der Römer zeit seines Lebens bekannt: Posthum markierte er sein Revier demonstrativ und nahezu phallisch – „zwei derart riesige Grabpfeiler, wie er sie bei seiner Villa errichten ließ, waren zu jener Zeit in den Nordwestprovinzen äußerst selten“, sagt Henrich.

    Einmalig war auch, dass zwei Grabmäler dieser Art so eng beieinanderstanden. Massiv gebaut, mit bunten Reliefs verziert, stachen sie hoch hinaus und ins Auge. „Man kann sich diese Grabpfeiler, so ähnlich wie das Grabmal Igler Säule bei Trier vorstellen“, erklärt der Wissenschaftler. Diese bildet Szenen des tuchverarbeitenden Gewerbes ab und ist im Örtchen Igel am Originalstandort zu sehen.

    Dass Abbildungen des Tagewerks auch die Duppacher Pfeiler schmückten, ist also anzunehmen. Deren Schätze sind im Gegensatz zur Igler Säule jedoch nur fragmentarisch erhalten. Teile des Dachaufsatzes etwa, Bruchstücke figuraler Skulpturen wie Menschenköpfe wurden bei den Ausgrabungen im Jahr 2002 gefunden, die Henrich als Doktorand anleitete. Die Funde beherbergt jetzt das Trierer Landesmuseum. Eine archäologische Attraktion konnte er dabei auch aus der Erde bergen: einen monumentalen Greifenkopf. Er mag das Prunkstück der Grabanlage gewesen sein, thronte in der Höhe mit stoischem Blick.

    Monumental wie die Igler Säule bei Trier: die Rekonstruktion eines Grabpfeilers von Duppach. Oben thronen zwei Greifen und am Sockel ein Löwe, der über einen Eber triumphiert. Foto: Archäologischer Förderverein Duppach
    Monumental wie die Igler Säule bei Trier: die Rekonstruktion eines Grabpfeilers von Duppach. Oben thronen zwei Greifen und am Sockel ein Löwe, der über einen Eber triumphiert.
    Foto: Archäologischer Förderverein Duppach

    Das Fabelwesen, halb Adler, halb Löwe, spielte in der römischen Mythologie eine grundsätzlich wichtige Rolle: „Greifen waren durchaus starke Symbole. In der Grabkultur galten sie als Grabwächter, als siegreiche Wesen, da sie die Stärken zweier Naturgiganten vereinten – jenen der Lüfte und jenen am Boden. Sie können in Bezug auf die Grabmäler als Triumph- und Machtfiguren verstanden werden, als Sieger über den Tod. Ganz genau wissen wir das aber nicht“, sagt Henrich.

    Dennoch fügt er hinzu: Der Greif ist auch in anderen Kontexten der Römerzeit präsent gewesen. Bei Gladiatorenkämpfen wurde er etwa als Zeichen der Gefahrenabwehr eingesetzt und als Symbol dafür, dass man siegreich aus dem Kampf hervorgehen werde.

    Trierer Landesmuseum 
zeigt Grabungsfunde

    Fundstücke, die bei den Grabungen in Duppach geborgen wurden, sind im Landesmuseum Trier zu sehen. Dort befindet sich etwa auch das Original des Greifenkopfes, das zur Sensation der Ausgrabungen wurde. Auch die Fundstücke der Löwe-Eber-Gruppe aus dem Jahr 1921 sind vorhanden. Weitere Infos unter www.landesmuseum-trier.de

    Auf den Grabpfeilern Duppachs demonstrierten die Greifen nicht nur Stärke, sondern auch einen grundlegenden Bedeutungswandel römischer Grabkultur. Sie zeigten exemplarisch, wie sich der Gedenkkult und dessen Inszenierung von innen nach außen verlagerten. Denn wanderte der Blick lange Zeit ins Grab, um das Maß an Reichtum auszumachen und so auf die Stellung des Toten zu schließen, kündigte sich zunehmend ein Perspektivwechsel an. In der Antike wurde brandbestattet, Tote also auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ihre Asche wurde in einer Aschekiste gesammelt und mit Grabbeigaben versehen – das konnten Öllampen, Glasgefäße oder Münzen sein. „Was man als Toter im Jenseits eben so alles gebrauchen konnte“, scherzt Henrich. „Die Toten wurden reich mit Luxusgütern ausgestattet. Doch irgendwann kippte diese Bestattungskultur. Der Reichtum, der einst im Grab zelebriert wurde, fand plötzlich auf dem Grab statt – etwa in Form von Grabpfeilern, die reich mit Reliefen verziert waren.“ Die neue Devise: Zeig, was Du hast.

    Exklusiv auch im Tode

    „Es gibt etwa ein Testament aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., in dem ein Villenbesitzer festlegte, wie er zu bestatten sei: Er erklärte, dass für ihn ein Grabmal mit allem möglichen Prunk errichtet werden sollte, und verbot gleichzeitig, dass ein vergleichbares Monument im Umfeld erbaut werden durfte. Wer es dennoch tat, sollte mit einer Strafe von 100.000 Sesterzen belegt werden.“ Auch war es nicht ungewöhnlich, dass Tote in einem einfachen Topf, wie er auf Märkten verkauft wurde, bestattet wurden, anstatt in einer Urne. „Im Grab konnte völlige Armut herrschen, Hauptsache die Strahlkraft nach außen war gesichert“, sagt Henrich. Was zu dieser Entwicklung führte, kann der Archäologe nicht genau erklären. „Wir können anhand der Funde einfach ein gestiegenes Repräsentationsbedürfnis beobachten.“

    Und dieses hat einzelne Römer teilweise schon zu Lebzeiten umgetrieben: So soll es Inschriften geben, die belegen, dass Grabpfeiler und Grabmonumente bereits erbaut wurden, als ihr Auftraggeber noch unter den Lebenden weilte. Wer es sich leisten konnte, wollte es schlichtweg nicht dem Zufall überlassen, wie sich die Nachwelt erinnern würde.

    Von unserer Redakteurin Melanie Schröder

    Greifenkopf sorgt für Schlagzeilen

    Es war eine Sensation, die das Jahr 2002 für das Örtchen Duppach brachte: Großflächig wurden geomagnetische Untersuchungen angestrengt, zielstrebig ein Gebiet markiert, Grabungen gestartet. Endlich. Schließlich gingen Jahrzehnte ins Land, bis die Erde hier für archäologische Zwecke bestellt wurde. Dabei offenbarte sich schon 1921, dass sich unterhalb der Ackeroberfläche Schätze der römischen Ära verbergen mussten.

    Der Greifenkopf von Duppach schmückte nicht nur Titelseiten, er förderte auch das Engagement für die Historie – wie das von Maria Surges.
    Der Greifenkopf von Duppach schmückte nicht nur Titelseiten, er förderte auch das Engagement für die Historie – wie das von Maria Surges.
    Foto: Melanie Schröder

    Damals informierte ein Landwirt den Dorflehrer: Er habe beim Pflügen ein großes Skulpturfragment aus der Erde geborgen und wüsste nichts damit anzufangen. Der Lehrer besuchte die Fundstelle und muss nicht schlecht gestaunt haben: ein Löwen- und ein Eberkopf, lebensgroß und aus Sandstein gearbeitet, lagen vor ihm.

    Er veranlasste, dass die Funde den Weg ins Trierer Landesmuseum fanden. Dort angekommen, wurde beschlossen, dass Grabungen schnellstmöglich aufklären sollten, was im Erdreich bei Duppach verborgen lag. Doch das Weltgeschehen entschied anders: Wirtschaftskrise, Weltkrieg und Wiederaufbau begruben diesen Willen unter sich wie die Äcker in der Vulkaneifel die Schätze der Römerzeit. Bis zum Jahr 2002 – dann erforschte Peter Henrich, heute Mitarbeiter der Landesarchäologie, das Gebiet für seine Doktorarbeit.

    „Ein großes Glück“, nennt Maria Surges dieses Ereignis heute. Sie hat den Archäologischen Verein mitbegründet, der sich 2003 im Zuge der Grabungen formierte – und der ein Infozentrum aufbaute, das für Besucher an die römische Geschichte vor Ort erinnert.
    Die Grabungen im Komplex der römischen Villenanlage dauerten bis 2005 und förderten einen wahren Schatz zutage: „Allein im ersten Grabungsjahr wurden mehr als 800 Fragmente nach Trier gebracht. Um diese zu dokumentieren und archivieren, musste extra eine Halle angemietet werden“, erinnert sich Surges. Besonders ein Fragment ist und bleibt dabei bemerkenswert: ein Greifenkopf.

    Eine Kopie des Originals bewacht heute den Eingang zum Infozentrum. Mit Löwenkörper, Löwentatzen und Adlerschwingen sollen zwei etwa zwei Meter große Greifenfiguren das Dach eines Grabpfeilers geziert haben. „Der Greifenkopf schaffte es in jenem Jahr sogar auf die Titelseite des „Kölner Express'“ – neben Osama bin Laden“, erklärt Surges das Sensationspotenzial des Fundes augenzwinkernd.

    Bis ins Detail kann die Gestaltung der Grabpfeiler bis heute nicht rekonstruiert werden, zu viele Teile wurden noch nicht gefunden oder unwiederbringlich zerstört. Schade, denn viele Kenntnislücken könnten laut Surges noch geschlossen werden: „Zur Römerzeit boten Steinmetze für die Grabmalgestaltung verschiedene Grundstrukturen an. Diese wurden gern genutzt und finden sich immer wieder. Einzelne Teile wurden aber individualisiert. Diese könnten durchaus etwas darüber sagen, was genau der Römer gearbeitet hat, wie er zu seinem Wohlstand kam.“ Weitere Grabungen wären also nötig, auch um ganz generell das Geheimnis der römischen Villenanlage weiter zu lüften – denn auch das Haupthaus wurde bislang noch nicht gefunden. mes

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