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Koblenz

Anrechtskonzert im Musik-Institut: Hinreißender Dialog zwischen Dirigent und Orchester

Andreas Pecht

„Das Orchester hier hat mit einer Wollust geübt und gespielt und mich gelobt, wie es mir noch nie passiert ist.“ Derart freute sich Johannes Brahms über die triumphale Uraufführung seiner 2. Sinfonie 1877. Ähnlich beglückt wurden Zuhörer jetzt während der Realisation des Werkes durch die Rheinische Philharmonie beim Koblenzer Musik-Institut.

Garry Walker, neuer Chefdirigent der Rheinischen Philharmonie, beschert dem Publikum zusammen mit dem Orchester Hochgenuss.
Garry Walker, neuer Chefdirigent der Rheinischen Philharmonie, beschert dem Publikum zusammen mit dem Orchester Hochgenuss.
Foto: Thomas Frey

Wie damals im Wiener Musikverein das Publikum gespannt war auf die neueste Komposition von Brahms, so war es jetzt auch das Auditorium in der Rhein-Mosel-Halle auf die Leistung des hiesigen Staatsorchesters beim zweiten Anrechtskonzert unter Stabführung seines neuen Chefdirigenten Garry Walker.

Das ebenso vielgestaltig gefühlige wie kompositorisch komplexe Brahms-Stück beschließt einen Abend, der als Generaleindruck hinterlässt: Hier wird hoch konzentriert mit großer Ernsthaftigkeit musiziert. Wobei Ernsthaftigkeit nicht allein Tragik und Dramatik meint, sondern stets die kunstvolle Ausformung auch von Leichtigkeit, Ausgelassenheit, Witz einschließt. Von all dem gibt es reichlich. Und wie Walker es jeweils haben will, macht sein mal nach weitem Klangatem ausgreifendes, mal strammes, mal treibendes, mal lässig tänzelndes, immer aber glasklares Dirigat sichtbar.

Walker testet Grenzbereiche aus

Hinsichtlich der Spielkultur fällt zuvorderst die feine Abstimmung der Register ins Ohr. Resultat ist ein ausgewogener, voller Orchesterklang – der auch die härteste Bewährungsprobe besteht: in jenem extrem leisen und zarten Pianissimo nicht zu zerbröseln, auf das Walker wiederholt bis in den Grenzbereich des gerade noch hörbaren Hauchs abzielt.

Die Haupt- und Nebenthemen dieser Sinfonie sind längst Ohrwürmer der Klassikszene. Weshalb Wiederbegegnungen damit häufig zu wohligem Baden im Vertrauten werden. In solchen Genuss kommt man auch diesmal; und zum furiosen Finale lässt Walker nach allgemeiner Manier den Dingen ihren ungestümen Lauf. Aber da ist noch etwas anderes, Interessanteres: die Wechselwirkung zwischen den Themen, ihr Ineinandergreifen, ihre variierenden Fortentwicklungen, ihr Übergehen von einer Instrumentengruppe zur anderen, die damit verbundenen Klangverschiebungen und Stimmungsumschwünge.

Walker und Orchester machen dieses Netz transparent, lassen es uns mit filigran abgestimmter, jeden Übergang und Umschwung sorgfältig ausarbeitender Art „durchhören“. Manch einer im Publikum dürfte dabei mancher Eigenart und Raffinesse in der 2. Brahms-Sinfonie erstmals gewahr werden. Derartige Entdeckerlust am Altbekannten ist sehr vielversprechend. Für solch erhellende Feinarbeit auch und gerade im Kleinen gewährt der Dirigent die nötige Zeit und nimmt also das Grundtempo einen Tick langsamer, als es der Hörer von anderwärts gewohnt ist.

Irritation im ersten Moment

Das gleiche Ansinnen führt beim vorausgehenden Cellokonzert Antonín Dvoráks im ersten Moment zu etwas Irritation. Denn der 35-jährige Solist Nicolas Altstaedt drückt bei seinem Einsatz plötzlich aufs Tempo. Doch sind beide Profi genug – auch lange befreundet –, sich binnen wenigen Tönen wieder zu finden; dies nicht zuletzt in ihrer gemeinsamen Ernsthaftigkeit des musikalischen Strebens. Was folgt, ist eine hinreißende Zwiesprache zwischen Solist und Orchester sowie ein Cellospiel, das nichts wissen mag von Virtuosenzirkus. Das vielmehr überzeugt, nachher auch lautstark bejubelt wird, mit wohlüberlegtem Wechsel zwischen klangklarem, innigem, kantilenem Singen und fein portionierter Feurig- und Ruppigkeit.

Das Konzert begann mit Jean Sibelius‘ „Der Schwan von Tuonela“. Das schwermütige Stück mit seinem großen Englischhorn-Solo wurde unversehens zu einem „In memoriam“ für Leonard Pietjou. Der langjährige Meister des Englischhorns bei der Rheinischen Philharmonie ist vor wenigen Tagen nach schwerer Krankheit 62-jährig verstorben. Das Orchester und Annika Steinkamp am Englischhorn erwiesen ihrem Kollegen auf berührende Weise musikalisch eine letzte Ehre.

Von unserem Autor Andreas Pecht
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