40.000
  • Startseite
  • » Kultur
  • » AfD stellt Kulturprogramm vor: Ein Kessel Besorgtes
  • Aus unserem Archiv

    Rheinland-PfalzAfD stellt Kulturprogramm vor: Ein Kessel Besorgtes

    An Vertriebenen-Traditionen erinnern, weg mit Wandertagen zu Moscheen, weg mit englischsprachigen Lehrangeboten an deutschen Universitäten: Bei der Präsentation ihres Kulturprogramms rührte die rheinland-pfälzische Alternative für Deutschland Selbst-, Miss- und Unverständliches zusammen.

    Draußen am Ludwig Museum in Koblenz hängt ein  Plakat mit einem Zitat des Bildhauers Constantin Brâncusi:  „In der Kunst gibt es keine Fremden.“ Drinnen tagt die AfD zum Thema Kultur - und fremdelt mit allerhand Dingen unserer Zeit.
    Draußen am Ludwig Museum in Koblenz hängt ein  Plakat mit einem Zitat des Bildhauers Constantin Brâncusi:  „In der Kunst gibt es keine Fremden.“ Drinnen tagt die AfD zum Thema Kultur - und fremdelt mit allerhand Dingen unserer Zeit.
    Foto: Claus Ambrosius

    Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

    Je kleiner eine Partei ist, desto größer sind die Spielräume, die Einzelne und kleine Gruppen in ihr haben. Das erlebt gerade die Alternative für Deutschland (AfD) – unter anderem auch mit den Kulturprogrammen, die ihre Landesverbände nach und nach vorlegen. Dabei ist die Lust am Thema Glückssache, wie zum Auftakt der Präsentation des Kulturprogramms der rheinland-pfälzischen AfD in Koblenz der Landtagsabgeordnete Joachim Paul klarmachte: „Kultur ist ja immer ein bisschen trocken, ich weiß, das ist bei allen Parteien so.“

    Der kulturpolitische Sprecher der AfD-Fraktion, Martin Louis Schmidt, sieht das anders – und stellt seine Steckenpferde vor, etwa Themen rund um Aussiedler und Vertriebene. Einiges, was auch bei anderen Parteien vertreten ist oder sein könnte. Dialog fördern, an Traditionen erinnern: Geschickt umgeht Schmidt die Formulierungsstolperfallen, die bei diesen Themen lauern.

    Anders der Historiker Stefan Scheil, der die Stimmung im Saal mit knackigeren Formulierungen aufzuheizen versucht: „Wir bekennen uns als AfD zur kulturellen Vielfalt in der Welt“ – aber doch bitte nicht hier: „Wir sind hier in Deutschland, hier herrscht eine deutsche Kultur.“ Applaus.

    Was die ständig beschworene deutsche Leitkultur sein soll: Das bleibt im Programm wie auch am Abend schwammig. Dafür wird ein Eintopf serviert, der zusammenkocht, was besorgte Bürger umtreibt oder umtreiben könnte. Man sollte etwa – nach 20 Jahren – erwägen, die Rechtschreibreform wieder abzuschaffen. Schließlich versuche diese, Sprache von oben nach unten zu ändern, und nicht, wie es der Duden einstmals begonnen habe, dem Volk aufs Maul zu schauen. Eine gewagte These.

    Die kommt beim Publikum ebenso gut an wie das Bekenntnis, dass die AfD nichts gegen Einwanderung hat – die solle aber so gestaltet werden, dass „Einwanderer auch Deutsche werden“. Wer etwa ein vietnamesisches Flüchtlingskind (wo gab es das denn zuletzt?) in der Schule über seine Heimat sprechen ließe, verhindere ein „Gemeinschaftsgefühl, das sich normalerweise einstellen würde“. Und Englisch als Lehrsprache bei manchem Uni-Angebot: Für jeden, der die Chancen deutscher Absolventen auf dem globalen Markt erhöhen will, eine Notwendigkeit – für die AfD offenbar ein Vehikel, die deutsche Sprache abzuschaffen.

    Und nicht nur vor diesem angeblich drohenden Verlust wird gewarnt: Für die nächsten vier Jahre erwartet Scheil nichts weniger als die „Abschaffung der deutschen Kultur“, dies sei erklärte Absicht er Integrationsbeauftragten Aydan Özoguz, deren Name bei dieser Veranstaltung der meistgenannte ist.

    Und dann noch, das erkennt auch Scheil, ein „schwieriges Thema“: das Theater. Das sogenannte engagierte Theater (gemeint ist wohl das laut Programm „vollkommen abgehobene Regietheater“), das im Gegenzug für Subventionen deutsche Klassiker entstelle – „vorzugsweise mit Nackten“ –, stört ihn. „Die AfD würde die Theater gern mit anderen Themen gefüllt sehen“, sagt Scheil – Theater sollen außerdem ihr Geld in weit höherem Maße als jetzt selbst einspielen. Das Kulturprogramm gibt da noch weit präziser als Inhalte eine Konzentration der Theaterspielpläne auf eine „Verbreitung der wesentlichen Inhalte des deutschen Geisteslebens und der deutschen Nationalkultur“ vor.

    Alternative Erinnerungskultur

    Noch einmal wagt sich Scheil thematisch auf Glatteis: Die AfD wendet sich gegen eine „aktuelle Verengung der deutschen Erinnerungskultur auf die Zeit des Nationalsozialismus“. Größter Applaus des Abends. Dass Scheil sich auf den SPD-Bundespräsidenten Gustav Heinemann bezieht, der mit der von ihm initiierten Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen der deutschen Geschichte in Rastatt ja ein Museum für „ausschließlich positive Aspekte der deutschen Geschichte“ geschaffen habe, ist eine Geschichtsklitterung und Verdrehung der Intentionen Heinemanns, der sich zeitlebens mit der NS-Zeit, deren Entstehung und ihrer Folgen beschäftigte.

    Der Auftritt der Kandidatin des Wahlkreises Bad Kreuznach/Birkenfeld für die anstehende Bundestagswahl, Nicole Höchst, geht einigen im Publikum dann doch zu weit: Mit tränenerstickter Stimme schildert die Regierungsschuldirektorin, wie auf dem „Altar des Multikulturalismus“ das Erbe von Generationen geopfert werde. Schuld daran, dass es heute politisch korrekt sei, den „Volkstod herbeiführen zu wollen“, sind: die 68er. Weitere Zugaben: Deutsche Volkslieder würden verpönt, man müsse Kindern heute erklären, wie sie aus „Papas Gebärhöhle kamen, Schreiben nach Gehör an den Schulen, Lichterfest statt St.-Martins-Umzug“ und schließlich: Wandertage zu Moscheen.

    Eine Besucherin bringt zur Fragerunde den passenden Nachtisch: Sie vermisst bei Frauen die Taille und den Ausschnitt – diese „Islamisierung der Mode“ solle von der AfD ebenso bekämpft werden wie die immer größer werdenden Autos. Ein passendes Schlusswort.

     

    AfD-Treffen in Koblenz: Weiße Wände, bunte Proteste
    Kultur
    Meistgelesene Artikel
    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik
    Claus Ambrosius 

    Leiter Kultur

    Claus Ambrosius

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Anke Mersmann

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Melanie Schröder

     

    Kontakt per Mail

    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!