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St. Goar

200 Jahre nach William Turner: Seine Malorte auf einer Rheinreise erleben

Jens Albes

Zu Fuß und im Boot bereist ein britischer Maler das Mittelrheintal. Die größte Burgendichte der Welt, steile Weinberge und alte Städtchen: Er skizziert viele Ansichten des Tals – Grundlage für seine Aquarelle, die später in England entstehen. Die erste Ankunft von William Turner am Rhein ist nun 200 Jahre her. Er gilt als einer bedeutendsten britischen Maler – und ein Teil seines Werkes als Inbegriff der Rheinromantik. Touristiker wollen aus dem Jubiläum Kapital schlagen. Bodenplatten sollen Turners Malstandorte markieren und eine Internetseite weitere Informationen liefern.

Romantisch verklärte Wirklichkeit mit übersteigerten Perspektiven und heutige Realität: Das Aquarell mit der Ansicht von Sankt Goarshausen und der Burg Katz malte der britische Maler William Turner 1817. Der überaus fleißige Künstler – er hinterließ mehr als 20.000 Werke – gilt als einer der Väter der Rheinromantik. Zwei Jahrhunderte nach seiner ersten Reise an den Rhein sollen Touristen nun seine Malorte wieder erleben können. Einmal ganz gegenständlich anhand von Bronzetafeln, die an markanten Mal- und Aussichtsorten befestigt werden – aber auch im Internet, wo das Projekt der LAG Welterbe Oberes Mittelrheintal über die Reisen Turners und seine Motive berichten wird. Die geplante William-Turner-Route ist Teil der Bemühungen, den Kulturtourismus im Welterbegebiet anzukurbeln. Courtauld Galerie/dpa/ili

William Turner (1775–1851) ist ein Meister des Lichts. Seine Landschaftsbilder verweisen schon auf den späteren Impressionismus – und tragen im 19. Jahrhundert zur Beliebtheit des Reiseziels Rheintal in England bei. Am 19. August 1817 verbringt der Sohn eines Barbiers bei Köln seinen ersten Tag am Rhein. Er reist flussaufwärts bis Mainz und wieder zurück, steigt hoch hinauf zu Burgen und zeichnet auch auf dem Wasser in Booten. Am 31. August 1817 verlässt der Maler wieder bei Köln das Rheintal, im Wandergepäck finden sich viele Skizzen von pittoresken Burgen und Kirchen, Felsen und Weinbergen.

Laut Cecilia Powells Buch „William Turner in Deutschland“ (1995) kann die Bedeutung dieser ersten von mehreren Rheinreisen gar nicht hoch genug angesetzt werden für die Karriere des Künstlers: „Sie führte unverzüglich zu einer Serie von Aquarellen, die allein seinen Ruhm in aller Welt gesichert hätten, selbst wenn er 1818 gestorben wäre und keine anderen mehr hätte malen können.“ Der englische Kunstsammler Walter Fawkes (1769–1825) erwirbt seinerzeit rund 50 Werke. Seine Nachkommen verkaufen sie. Längst sind die Aquarelle in Museen und Sammlungen in aller Welt verstreut.

Der heutige Künstler Armin Thommes aus St. Goar hat sich auf Turners Spuren im Welterbe Oberes Mittelrheintal zwischen Koblenz und Bingen begeben: „Ich habe 26 Standorte herausgefunden.“ Turner hat 1817 mehrere Skizzenbücher im Gepäck gehabt. „Er hat hier sehr viele, auch kleinere Studien, gezeichnet, zum Beispiel von Gebäudeteilen“, berichtet Thommes.

Besonders viele Skizzen hat Turner 1817 in St. Goar und St. Goarshausen im Herzen des heutigen Unesco-Welterbes nahe dem weltberühmten Loreley-Felsen angefertigt. Daher sollen bis zum Frühsommer 2017 die ersten insgesamt drei Bodenplatten auch in diesen beiden gegenüberliegenden Städtchen verlegt werden, wie Sara Scheer vom Zweckverband Welterbe Oberes Mittelrheintal erklärt. Die weiteren 23 Platten folgen laut Planung nach und nach in den kommenden Jahren.

William Turner im Selbstporträt.
William Turner im Selbstporträt.
Foto: Tate Gallery London

Sie sind laut Scheer hochwertig mit Kosten von fast 10.000 Euro pro Stück. Die kreisrunden Bronzeplatten mit einem Durchmesser von einem Meter, erklärenden Worten und dem QR-Code für die geplante Internetseite zeigen jeweils eine stilisierte Turner-Skizze. Zudem sind Fußstapfen eingelassen. „Da können sich Touristen reinstellen, dann haben sie Turners Blickwinkel“, erklärt Scheer. „Das ist ein niederschwelliges Angebot auch für Leute, die noch nie was von ihm gehört haben.“ Hinzu sollen Prospekte in Hotels, Gasthäusern und Museen kommen. „Wir wollen das Tal der Rheinromantik wieder mehr als künstlerische Kulisse in den Fokus rücken“, sagt die Expertin.

Einige von Turners Blickwinkeln gibt es bis heute. Andere werden längst von Bäumen oder Häusern versperrt. Oft hat Turner aber auch verschiedene Blickwinkel collagenartig kombiniert, etwa bei Oberwesel, Bacharach und Bingen, wie der Künstler Thommes erläutert. „Es gibt nur ganz wenige direkte Umsetzungen – Loreley, Burg Maus zum Beispiel.“

Der Zweckverband Welterbe Oberes Mittelrheintal sieht in Turner den Auftakt für noch mehr Kulturtourismus: „Auch der Schriftsteller Clemens Brentano (1778–1842) ist hier erlebbar. Wir wollen den Kulturweg Via Brentano von Frankfurt am Main nach Bingen bis Koblenz verlängern“, sagt Scheer. Im heutigen Koblenzer Stadtteil Ehrenbreitstein ist Brentano geboren worden. „Plaketten könnten zum Beispiel handschriftliche Zitate von Brentano zeigen“, erklärt die Expertin. So sollen Turner und Brentano, zwei Romantiker zweier Länder, künftig Kulturtouristen vieler Länder in ein malerisches Flusstal locken.

  • Die Geschichte rund um das Jubiläum von Turners Rheinreise und seine zahlreichen Malorte finden Sie unter ku-rz.de/rheinreise

Von Jens Albes

So könnte die William-Turner-Route aussehen:
Nähe Deutsches Eck in Koblenz: Blick auf Festung Ehrenbreitstein
Koblenz: Blick nach Stolzenfels
Lahnstein: Blick auf Stadtturm
Braubach: Blick auf die Marksburg
Vor Boppard: Blick auf Osterspai
Boppard: Gebäude der Stadt
Bad Salzig: Feindliche Brüder
Blick zurück auf Hirzenach
Vor St. Goar: Blick auf Burg Maus
St. Goar: Blick auf Burg Katz und fiktiver Standort Burg Rheinfels
Burg Rheinfels: Blick auf St. Goar
St. Goarshausen: Fußweg zur Burg Katz, Blick auf Burg Rheinfels
Treidelweg St. Goar: Blick in Richtung Loreley
Treidelweg St. Goar: Blick zurück auf Loreley und Burg Katz
Straße nach Urbar (Günderodehaus): Blick über Oberwesel
Fußweg kurz vor Kaub: Blick auf Pfalzgrafenstein
Ortsausgang Bacharach: Blick zurück auf Bacharach
Rheindiebach: Blick zur Burg Fürstenberg
Trechtingshausen: Blick auf Burg Sooneck und Bacharach
Bingen: Blick auf Burg Klopp
Bingen: Blick zum Mäuseturm
Blick ins „Binger Loch“
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