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Koblenz

20 Grüße aus der Theaterküche

Andreas Pecht

Wie die „Kostprobe“ jeweils zum Saisonbeginn am Theater Koblenz eine mehr als 30-jährige Tradition hat, so hat dies auch das Witzeln, wie lange der Abend wohl dauern wird. Wetten werden abgeschlossen. Wer „unter drei Stunden“ tippt, hat noch immer verloren. Gleichwohl war und ist das Haus zu diesem Anlass sehr gut gefüllt. Denn serviert werden da in dichter Folge leckere Häppchen unterschiedlichster Art aus den Produktionen der anhebenden Spielzeit.

Applaus, Applaus: Das Stadtheater Koblenz macht mit seinem Drei-Sparten-Ensemble Lust auf die neue Spielzeit. Intendant Markus Dietze nutzte jedoch den Abend auch, um eine politische Botschaft loszuwerden.  Foto: Theater Koblenz
Applaus, Applaus: Das Stadtheater Koblenz macht mit seinem Drei-Sparten-Ensemble Lust auf die neue Spielzeit. Intendant Markus Dietze nutzte jedoch den Abend auch, um eine politische Botschaft loszuwerden.
Foto: Theater Koblenz

20 Appetitmacher auf zwölf Premieren verknüpft die süffisante Moderation von Indendant Markus Dietze an diesem Wochenende zum trotz seiner Länge kurzweiligen Abend. Der ist für viele ein Vergnügen per se. Mancher Besucher gewinnt Spannung indes vor allem daraus: Man hofft Witterung aufnehmen zu können, was da alsbald in welcher Machart und Qualität auf die Bühne kommt.

Die Häppchen munden

Eigentlich eine unsinnige Hoffnung. Denn die von der Rheinischen Philharmonie unter Mino Marani gespielte Ouvertüre zu „La Cenerentola" sagt über das inszenatorische Ganze der Rossini-Oper so wenig wie ein vierminütiger Szenenausschnitt aus „Woyzeck“ über das Regiekonzept für das Büchner-Drama. Ami Watanabes kleiner Tanz der Zuckerfee in Tutu und auf Spitze weckt Erwartungen auf eine klassisch-romantische Umsetzung des Balletts „Nussknacker und Mausekönig“.

Aber vielleicht ist die Feennummer nur der Ausnahmefall in einer ansonsten modernen Choreografie. Vielleicht ist die asketische Strenge, mit der Reinhard Riecke als Woyzeck und Jana Gwosdek als Marie im gezeigten Moment einander begegnen eher untypisch für die Inszenierung. Vielleicht hält „La Cenerentola“ szenisch nicht, was das Staatsorchester mit launiger Raffinesse im Vorspiel verspricht – und Eugenio Leggiadri-Gallani sowie Nuska Drascek in schier artistischen Gesangsleistungen mit zwei weiteren Nummern aus der Oper zum umjubelten Abschluss des Abends konzertant unterstreichen.

Die Häppchen munden, aber wie fällt das Menü aus? Bei den genannten drei Werken wird man es bald wissen: Sie kommen als erste Eigenproduktionen auf der großen Bühne zur Premiere. Zu ihnen gesellt sich das Puppentheater einmal mehr mit einem ernsten Stück für Erwachsene: Lucy Kirkwoods „Erst war es leer ohne Herz, aber jetzt geht es wieder“, das hier angespielt wird mit einem kurzen beklemmenden Einblick ins Seelenleben einer Prostituierten.

Ein politischer Kommentar

Diese Stücke stecken jetzt in den Endproben. Für die meisten der in Häppchen angedeuteten Produktionen hat das Probieren erst jüngst oder noch gar nicht begonnen. „Wir haben uns da mal was ausgedacht“, kündigt Dietze eine Szene aus „Diener zweier Herren“ an. Die Komödie steht erst zum Jahresende an, der Regisseur hat noch anderwärts zu tun.“ Also spielt Christoph Maria Kaiser einfach mal ein saftig-knuffiges Solo. So auch Marcel Hoffmann, der als nervöses Alleswisserteilchen mit einer Lesung aus „Moskitos“ fünf Arten des Weltuntergangs vorstellt. „Die Csárdásfürstin“ wird unter Enrico Delamboye mit zwei Titeln zur schmissigen Präsentation von Opernchor sowie Gastsängerin Arminia Friebe und Ensembleneuling Tobias Haaks. „Il Trovatore“ – von Dietze schmunzelnd als „das verworrenstes Stück des Opernrepertoires“ avisiert – wird mit Rache-arie und Zigeunerchor umrissen. Auf die Raritäten im Programm machen Splitter aus einer „Faust“-Oper Louis Spohrs von 1816 aufmerksam und zwei konzertante Szenen aus John Adams „Doctor Atomic“ von 2005 neugierig. Musicalliebling Adrian Becker brandet als Höllengestalt bei drei Songs aus „The Black Rider“ Begeisterung entgegen.

Ähnlich ergeht es dem Pressesprecher des Theaters, Markus Scherer, der mit großer Orchesterbegleitung Reinhard Meys „Über den Wolken“ singt – als Dank des Hauses an Scherers Vater Hubert für 36 Jahre engagierten Vorsitz im Freundeskreis des Theaters. Die bei der „Kostprobe“ traditionellen Gruß- und Dankesworte des Vereins spricht denn auch der neue Vorsitzende Fabian Freisberg.

Mitten in diesem Abend des Genusses und der Neugier legt Dietze plötzlich für einen Moment alle Fröhlichkeit beiseite und erklärt unter lautem Beifall nachdrücklich: „Ohne hierhermigrierte Menschen wäre diese Bühne fast leer. Und solange ich Intendant bin, wird es so sein, dass Menschen aller Nationalitäten, Hautfarben, Religionen hier Kunst machen können.“

Von unserem Autor Andreas Pecht
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