Mainz – Die arabische Welt ist im Umbruch. Die Journalistin Esther Saoub hat als Leiterin des ARD-Hörfunkstudios in Kairo die dramatischen Stunden Ägyptens begleitet. An Pfingstsamstag wird sie beim Open Ohr Festival in Mainz mit zwei Nahost-Experten über das Thema diskutieren. Unsere Zeitung traf die ehemalige Auslandskorrespondentin zum Gespräch.
Frau Saoub, vor eineinhalb Jahren haben die Ägypter nach 30 Jahren Herrschaft Hosni Mubarak gestürzt. Wurden auch Sie als langjährige Korrespondentin von dem Umbruch überrascht?
Niemand hatte mit so einer schnellen Entwicklung gerechnet. Aber es war deutlich, dass sich etwas anbahnt. In Ägypten herrschte kurz vor der Revolution eine politische Eiszeit. Dies gipfelte 2010 in Parlamentswahlen, die nichts mehr mit der Realität zu tun hatten. Die NDP Mubaraks gewann rund 80 Prozent der Stimmen. Aber die Wahlen waren eindeutig gefälscht, und die Regierung hatte sich nicht mal mehr die Mühe gemacht, dies zu verbergen. Es tauchten damals Videos auf, die zeigten, wie Wahlhelfer selbst Stimmzettel ausfüllten und in die Urne warfen. Nach diesen Wahlen hatte sich ein Gefühl des totales Stillstands breit gemacht. Die Menschen waren unglaublich frustriert.
Der arabische Frühling nahm trotzdem wenige Monate später seinen Lauf.
Als es in Tunesien losging, glaubten wir immer noch, dass Ägypten viel zu träge für solch eine Veränderung sei. Aber nach den ersten Protesten entstand diese unglaubliche Euphorie, die irrsinnig ansteckend war. Auch für uns Journalisten, die wir so lange in diesem Land lebten, war es eine unglaubliche Befreiung. Wir hatten immer wieder Berichte über Ägypten gesendet, indem sich alles zum Schlechten entwickelte. Plötzlich bewegte sich etwas.
Wäre die arabische Revolution ohne soziale Medien denkbar gewesen?
Den arabischen Frühling hätte es so nicht gegeben. In Ägypten wurde immer dann, wenn eine Bewegung gefährlich wurde, schnell dafür gesorgt, dass sie wieder kaputt geht. Es wurden Schlüsselfiguren eingeschüchtert und festgenommen oder Leute eingeschleust, die Streit stifteten. Das ist diesmal nicht gelungen. Als ich Ahmed Maher von der Bewegung des 6. April, einen der späteren Aktivisten des Aufstandes, im Herbst 2010 interviewte, sagte er: Unser Büro ist das Internet und unsere Kommunikation ist Facebook und Twitter. Das war entscheidend. Die Bewegung hatte keine Adressen und keine Führungsfiguren. Deshalb konnte das Regime nichts gegen sie ausrichten.
Der arabische Frühling ging als Facebook-Revolution in die Geschichte ein ...
Es war keine Facebook-Revolution. Die Revolution war real, nicht virtuell. Die Mehrheit der Menschen in Ägypten hat immer noch keinen Internetanschluss. Allerdings ist es ein Verdienst von Facebook, dass der Aufstand ausbrechen konnte. Der erste Demonstrationszug am 25. Januar vom Tahrirplatz wurde via Facebook und Twitter initiiert. Die Behörden hatten die soziale Netzwerke unterschätzt. Sie dachten, was sollen die paar Facebook-Leute schon ausrichten können?
Facebook war also mehr Funke als Brandbeschleuniger?
Ja, eine Woche später wurden Internet und Handynetz stillgelegt, aber es waren plötzlich unheimlich viele Leute auf der Straße. Der Effekt war: Als die Leute nicht mehr über dieses Netz kommunizieren konnten, sind sie einfach auf den Platz gegangen. Facebook war wichtig, aber es war nicht allein Facebook. Viel spannender scheint mir die damalige Methode der Platzbesetzung durch ein Zeltlager zu sein. Die hat sich später mit der Occupy-Bewegung in der ganzen Welt fortgesetzt. Viele Ägypter haben nach der Revolution Occupy-Bilder auf ihren Facebook-Seite veröffentlicht und geschrieben: Guckt mal, die machen das auch. Die fanden das großartig.
Viele messen dem Fernsehsender El Dschasira eine größere Rolle als den Netzwerken zu. Der Sender zeigte im Gegensatz zum Staatsfernsehen regelmäßig Bilder von dem Platz voller Demonstranten.
Ich habe irgendwann einen Mann beobachtet, der fuhr in einem alten klapprigen Auto und schlechtem Anzug vor die NDP-Parteizentrale kurz nachdem sie ausgebrannt war. Er stieg aus und machte Handyfotos, und als ich ihn fragte, was er hier mache, sagte er: Ich habe den Fernseher ausgemacht. Ich glaube niemandem mehr, ich will jetzt selbst sehen was los ist.
Zeigt nicht die Repression gegen die Bewegung im Iran und in Syrien auch die Grenzen der sozialen Medien auf?
Facebook-Kids reichen nicht für eine Revolution. Denn die Oberschicht mit ihrem Internetanschluss bildet nicht die Mehrheit in diesen Ländern. Syrien ist zudem ein multiethnischer und multireligiöser Staat, in dem nicht alle der Meinung sind, dass die Lösung aller Probleme ein Rücktritt Assads ist. Dazu gehören auch religiöse Minderheiten wie die Drusen, Christen, Alewiten und Ismailiten oder viele Kurden. Die Situation ist nicht so einheitlich wie in Ägypten.
In Syrien zeigt sich auch: Die Regime nutzen die sozialen Netzwerke inzwischen genauso professionell wie die Aufständischen.
Alle nutzen die Netze. Die Seite der sogenannten „elektronischen syrischen Armee“ macht zum Beispiel nichts anderes, als die Bilder und Informationen von Medien und Revolutionären zu überprüfen. Und manchmal findet sie Fehler. Der Konflikt in Syrien wird auch über die sozialen Medien ausgetragen. Gerade weil es für ausländische Journalisten so schwierig ist, das Geschehen im Land zu verfolgen und einzuschätzen.
Wie hat sich die arabische Welt durch die Revolution verändert?
Dies zu beschreiben, ist wie eine Wanderdüne zu zeichnen. Immer dann, wenn man fertig ist, haben die rieselnden Sandkörner schon wieder die Form der Düne verändert. Die arabische Welt hat sich gewandelt und sie verändert sich weiter. Fast alle arabischen Länder bewegen sich. Zudem dreht sich nicht mehr alles um den Israel-Palästina-Konflikt. Endlich haben die arabischen Nachbarn neue Themen gefunden. Jetzt geht es um die eigene Politik. Selbst in der Arabischen Liga, in der lange Zeit der Grundsatz galt: eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, wird nun endlich auch hart über Mitgliedsstaaten geurteilt. Das wichtigste aber ist: Die Menschen sind politisch geworden. Das hat schon das Verfassungsreferendum in Ägypten im Mai 2011 gezeigt. Zur Abstimmung über eine Verfassung, die noch gar nicht geschrieben war, gingen mehr als 40 Prozent der Wahlberechtigten. Das war sensationell für Ägypten. Früher lag die Wahlbeteiligung bei 8 bis 12 Prozent.
In Ägypten und in Tunesien haben bei den ersten freien Wahlen ausgerechnet Salafisten und Muslimbrüder gewonnen. Ist die Revolution nicht am Ende gescheitert?
Nein, wir befinden uns in einem Prozess. Eine islamistische Regierung ist ja noch lange kein Talibanregime. Dass Menschen in Zeiten großer Unruhe konservative Parteien wählen ist weit verbreitet. Viele Regime haben sich ja einst als Linke und Sozialisten bezeichnet, dass nun Konservative gewählt werden, ist wenig überraschend – und kann sich schnell wieder ändern.
Was bedeuten diese Wahlerfolge für die Studenten vom Tahrirplatz?
Die sind natürlich enttäuscht. Verlierer sind auch die Frauen. Das Regime von Mubarak oder auch von Ben Ali war nicht frauenfeindlich. Die Revolution hat immer für Brot, Freiheit und Menschenrechte gekämpft, aber nicht für Frauenrechte. Frauenrechte spielen auch wegen der starken Islamisten keine Rolle.
Wie groß ist die Gefahr, dass am Ende Despoten durch neue Despoten ersetzt werden?
Diese Angst ist in Europa viel größer als in den arabischen Ländern. Ich habe vor der Wahl einen jungen Revolutionär, der sehr liberal lebt, gefragt, was er denn mache, wenn die Muslimbrüder die Wahl gewinnen. Die Antwort war: Dann bin ich stolz. Weil wir zum ersten Mal in 5000 Jahren unsere Regierung selbst gewählt haben. Und ich fragte weiter, was macht ihr, wenn Gesetze erlassen werden, die ihr nicht gut findet? Dann gehen wir einfach auf die Straße, hat er geantwortet: Das haben wir ja jetzt gelernt.
Die Fragen stellte Dietmar Telser
Das Komplettprogramm des Open Ohr und viele Infos zum Motto, zum Zelten, Uploadmöglichkeiten für Fotos und Videos sowie Geschichten aus dem Vorjahr gibt es hier.
