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Männlich verderbt, weiblich erhaben? Von den Feindbildern im Geschlechterkampf

Was man vom Berliner denken kann, dem Einwohner der deutschen Metropole, das ist hier immer wieder zu lesen. Was aber denkt der Berliner vom Rheinland-Pfälzer?

Nun, zunächst einmal gibt es den typischen Eingeborenen nicht in unserem wunderbaren Bundesland; es gibt sehr viele verschiedene. Ich zähle mich, obwohl zugereist, zu den eher verschlossenen, introvertierten Westerwäldern. Wir machen aus unseren Herzen schon mal eine Mördergrube und prahlen und protzen nicht gern. Das Rheinische im Sinne des Extrovertierten oder auch nur Ausdrücklichen ist uns fremd. Ich treffe eine ältere Dame in Berlin, die sich mir als Leserin der Rhein-Zeitung und "Moselanerin" zu erkennen gibt und selbstbewusst sagt: "Wir Moselaner sagen, was wir denken!" Das ist im Westerwald nicht immer so, aber mir gefällt die Vielfalt der Charaktere.

Ich treffe die Dame bei der Eröffnung einer Kunstausstellung in der Landesvertretung des Bundeslandes Rheinland-Pfalz in Berlin, einem stattlichen Gebäude in der Hauptstadt. Hier sitzen Vertreterinnen der Mainzer Regierung, die dafür zu sorgen haben, dass die Bundespolitik nicht schlecht von uns in der Provinz denkt. Das Haus steht unter weiblicher Leitung, weshalb ich von den Vertreterinnen spreche. Und das Haus gilt in Berlin nicht als Hort besonderer Zurückhaltung. Man ist extrovertiert und machtbewusst, auch in der sogenannten Frauenfrage.

Die Landesvertretung hat zwei große Säle. Einer ist nach Johannes Gutenberg, dem Mainzer Erfinder des Buchdrucks, benannt. Eine Tafel belehrt, dass er eigentlich Hennes Gensfleisch hieß. Das finde ich volksnah und sympathisch. Der andere Raum heißt Hildegard-von-Bingen-Saal. Die Äbtissin aus dem Mittelalter wird hier herangezogen, weil ihr Wirken für Feministinnen "vorbildlich" sei. Oha! Das steht so an der Wand.

Die adelige Hildegard hat im 12. Jahrhundert eine Mystik eingeführt, die ganz tief in Unvernunft und Irrglauben fußte. Sie inszenierte sich vorsätzlich als Analphabetin (die sie nicht war), um ihre Werke als unmittelbare Visionen Gottes verkaufen zu können. Daraus leitete sich nicht nur eine eigene Gelehrsamkeit ab, sondern auch ein alternativloser Herrschaftswillen. Aus ihr, sagte sie, spreche Gott selbst. Widerspruch war danach kaum möglich.

Hildegard hat sich in gezielter Selbstverfremdung als "ungelehrt" ausgegeben, um unter dem Deckmantel einer Kräuterkunde gegen die Lehre der Kirche punkten zu können. Sie sei auch bei ihren pharmazeutischen Eskapaden unmittelbar vom Lichte Gottes berührt, hat sie gepredigt. So wurde jede Migräne zur Stimme Gottes und jeder Sauerampfer zur Offenbarung. Aus diesem Hokuspokus leitete die Äbtissin weitgehende Machtansprüche und ausgiebige Bereicherungen ab. Ihre von Damen des Adels bevölkerten Klöster waren wegen des dortigen Luxuslebens berüchtigt. Das also ist ein feministisches Vorbild? Ich hätte die Moselanerin gern mal gefragt, wie sie das sieht, aber sie war schon mit Freundinnen weitergezogen. Also lese ich die Wandtafel mal ganz genau. Es traf mich der Blitz.

Hildegard ist dort nicht als machtbewusste Äbtissin und mystische Polit-Prophetin beschrieben, sondern als "religiöse Schriftstellerin, Naturforscherin, Heilkundlerin". Das ist die verklärende Art zu reden, die ich von heutigen Mystikern kenne. Dass die Kräuterheilige aber keine Ärztin, sondern eine Politikerin war, lässt sich jedoch auch hier nicht ganz verschweigen. Es geht auf der Tafel dann doch noch um die Machtansprüche der von göttlichen Visionen heimgesuchten Hildegard gegen den römischen Klerus. Wie wird das dort aus heutiger Sicht und mit heutigem Wissen formuliert? Mit welchen Worten verehren die Landesvertreterinnen die feministische Heldin unseres Bundeslandes?

Hildegard war Feministin, weil ihr ihre männlichen Konkurrenten als "verderbter, männlicher Hochklerus" galten. So steht es an der Wand. Verderbt und männlich, Nachtigall, ick hör dir trapsen. Hildegard hat ihren Mythos durch Wanderpredigertum gefestigt; man würde heute von Kampagne oder Wahlkampfreisen sprechen. Dabei kritisierte sie, jetzt kommt es wörtlich, "volksfremde und machtgierige Kirchenfürsten". Das mit dem verderbten Männlichen, das nehme ich hin, obwohl man sich heute anders ausdrücken könnte.

Aber das "Volksfremde" ist als Begriff aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Wenn es einen Nazibegriff gibt, so ist es der des Volksfremden. Der Kampfbegriff der braunen Entartungstheoretiker steht hier und heute ohne Anführungszeichen. Und zwar als Information der Landesregierung dazu, was Hildegard zum Vorbild eines volkseigenen Feminismus macht. So also wird dem Berliner nahegebracht, was Rheinland-Pfalz und seine Heldinnen sind. Darauf fragt der protestantische Berliner: Geht es noch? Und der Moselaner, was sagt der?

Die naturbetonte Heilkunde der Hildegard von Bingen und die Mystik von vermeintlichen göttlichen Offenbarungen, die niemand mehr zu hinterfragen habe, dieser Anti-Intellektualismus der grünen Urgründigkeit erinnert mich daran, dass es auch bei der Grünen eine dunkle Seite gibt. Die grüne Partei hat es verstanden, diese Traditionslinie von Blut und Boden zu kappen. Hoffentlich bleibt das so in der neuen schwarz-grünen Liebesbeziehung zu den Konservativen und dem ländlichen Raum. Dem Kräutertee trinkenden Feminismus scheint der Schritt ins Zeitalter der Aufklärung noch nicht allerorten gelungen. Siehe Erklärtafel in der Landesvertretung zur Gründungs-Oma von Rheinland-Pfalz.

Kaum habe ich diese schönen bösen Sätze geschrieben und laut vorgelesen, als es in meinem Büro einen Aufstand der Kolleginnen gibt, die entweder aus Bingen stammen oder aber Historikerinnen sind. Sie halten mir vor: Du pflegst nur deine Macho-Vorurteile. Hildegard habe sich als ungebildet darstellen müssen, weil zu ihrer Zeit ein Lehrverbot für Frauen bestand. Ihre Religion sei ausgesprochen fortschrittlich und menschenfreundlich gewesen. Sie habe die Gottesebenbildlichkeit von Mann und Frau behauptet. Und die Mütterlichkeit mit der Vorstellung des Jungfräulichen versöhnt. Dagegen könne man nicht sein.

Trotzdem fühle ich mich beim ehrlichen Drucker Gutenberg als Landesgroßvater wohler als bei der irrationalen Stiftungsoma Hildegard von Bingen. Aber wissen Sie was? Man kriegt bei Weibern sowieso nie recht. Ich gebe es auf.

Ein Videoporträt von Kocks finden Sie unter ku-rz.de/kocks
E-Mail an den Autor: klaus.kocks@rhein-zeitung.net

Kocks Kolumnen: Typisch Berlin
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