Alexei Nawalny hat am Sonntag zum „Frühlingsmarsch gegen die Krise“ aufgerufen. Er selbst sitzt wieder in Haft und wird nicht teilnehmen. Außerdem verbannten die Behörden die Demonstration an den Stadtrand. Kann dieser erste Protest nach Monaten etwas ausrichten?
Ich bin gegen den Marsch, weil diese Art des Protestes nicht in die Zeit passt. Wir müssen uns andere Formen überlegen, die weniger gefährlich und trotzdem wirksam sind.
Was könnte das sein?
Die Opposition sollte dazu aufrufen, ein halbes Jahr keinen Wodka, keine Zigaretten oder Benzin zu kaufen. Oder ein paar Monate Strom und Nebenkosten nicht zu bezahlen. Das sind wichtige Einnahmen. Die Machthaber wären schnell gesprächsbereit. Das ist ja nichts Neues. Martin Luther King und Gandhi haben es vorexerziert.
Halten Sie soziale Proteste für möglich, wenn die Lage noch schwieriger wird?
Am Sonntag ist es noch kein Marsch der leeren Kochtöpfe. Der folgt später. Darauf müssen wir vorbereitet sein. Die marginalisierten Schichten und Lumpenproletarier werden nicht gegen Putin, sondern gegen die USA und Deutschland demonstrieren. Ihr Hass wird sich gegen uns „Helfershelfer des State Department“ richten.
Was passiert dann?
In fünf Jahren haben wir ein anderes Land, vermutlich eines, wo diese marginalisierten Schichten den Ton angeben. Gewinner wird der Typ Arbeiter der Panzer- und Waggonfabrik Uralwagonsawod sein, der Putin ja schon nach den Protesten 2012 anbot, nach Moskau zu kommen und die Hauptstadt mal richtig aufzumischen. Dieser Schlag übernimmt die Macht, lässt sich volllaufen, ballert erst mal in alle Richtungen, bis dann eine Zeit der Wirren anbricht. Die Macht fällt dann dem zu, der gerade unterm Baum liegt, sei es der Nationalist Dmitri Rogosin, Verteidigungsminister Sergej Schoigu oder auch Alexei Nawalny. Und wenn es zu einer Palastrevolution käme oder unser Oberst unerwartet stürbe und Neuwahlen angesetzt würden, dann wählt die Mehrheit der Russen auf jeden Fall einen Hardliner aus Putins direktem Umfeld: Igor Setschin von Rosneft oder den Leiter der Kremladministration, Sergej Iwanow. Aber auch die Tage eines jeden Nachfolgers sind gezählt. Die finanziellen Rücklagen reichen gerade mal für eineinhalb Jahre. Bleibt nur zu hoffen, dass es mit dem Atomköfferchen so ist wie mit allem anderen bei uns: längst kaputt, nur hat es niemand bemerkt.
Ein apokalyptisches Szenario ohne jeglichen Ausweg?
Alles hängt von der Entwicklung in der Ukraine ab. Verliert sie, haben auch wir keine Chance. Gelingt ihr wenigstens etwas: Kann sie den Krieg anhalten, der EU näherrücken, den Wirtschaftsbankrott abwenden oder die Korruption bekämpfen, haben auch wir noch den Hauch einer Chance. Ich rufe den Westen daher auf, der Ukraine zu helfen. Dort entscheidet sich das Schicksal Russlands, Europas, am Ende das der ganzen Welt. Wir sprechen von Diktatur und einer endgültigen Zerlegung des internationalen Rechtsgefüges. Wenn die Ukraine das nicht abwehrt, weiß ich nicht, wie es weitergehen soll.
Ist Russland überhaupt noch für die Außenwelt empfänglich?
Nein, es hört das Klopfen nicht mehr. Wir leben in einem Kokon wie eine Seidenraupe und schlafen langsam ein. Was schlüpft, ob Schmetterling oder Drache, hängt von der Umgebung und der Ukraine ab. Uns mit Nadeln zu malträtieren oder mit Zucker zu füttern, hat keinen Sinn mehr. Wir wissen selbst nicht, was in uns steckt.
Sollte der Westen der Ukraine Waffen liefern?
Nein, davor habe ich Angst. Er sollte Geld, Wissen und Experten aus allen Bereichen zur Verfügung stellen. Die Ukraine braucht das, weil sie die eigenen Kräfte für anderes verausgaben musste.
Haben die Sanktionen eigentlich Sinn?
Die Sanktionen schaden auch unserer Nichtregierungsorganisation. Ich verstehe aber, dass es keine Alternative gibt. Trotzdem kann ich nicht dazu aufrufen, die Sanktionen noch zu verschärfen. Denn sie treffen vor allem die kleinen und mittleren Betriebe. Privatinitiativen gehen zugrunde. Putin fing damit an, die Sanktionen erledigen den Rest.
Was schlagen Sie vor?
Ich schlage vor, die Sanktionen stärker zu personifizieren und das Geld der Leute um Putin zu suchen. Wie es die Amerikaner machen.
Das Gespräch führte Klaus-Helge Donath