Schlafforscher
Warum schlechter Schlaf ein Wirtschaftsfaktor ist
Gähnen
Unausgeschlafene Mitarbeiter sind im Job weniger leistungsfähig. (Symbolbild)
Friso Gentsch. DPA

Müde Beschäftigte sind weniger konzentriert. Schlafmangel erhöht das Unfallrisiko. Experten raten Unternehmen, den gesunden Schlaf der Mitarbeiter mehr im Blick zu haben.

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Wiesbaden/Klingenmünster (dpa) – Gut schlafen in der Nacht, produktiv arbeiten am Tag: Ein gesunder Schlaf der Beschäftigten als Wirtschaftsfaktor wird nach der Einschätzung von Experten von vielen Unternehmen völlig unterschätzt. Anders als Ernährung oder Sucht stehe das Thema oft nicht auf der Agenda, sagte der Leiter des schlafmedizinischen Zentrums des Pfalzklinikums in Klingenmünster, Hans-Günter Weeß. «Dieser Produktivitäts- und Gesundheitsfaktor wurde von Industrie und Wirtschaft lange verschlafen.» Nun finde langsam ein Umdenken statt.

Bis Samstag findet in Wiesbaden die 34. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin statt, die unter dem Motto «Schlaf – Wirtschafts- und Karrierefaktor» steht.

«Gut im Bett» kann der Karriere helfen

«Guter Schlaf verbessert nicht nur die Lebensqualität, er kann auch ein wichtiger Faktor für beruflichen Erfolg sein», bekräftigte Schlafexperte Weeß. «Sie wollen Karriere machen? Dann müssen Sie gut im Bett sein.» Studien zufolge sänken unter anderem die Leistungsfähigkeit und das Konzentrationsvermögen, wenn man nicht ausgeruht zur Arbeit komme. «Schlaf ist ein unterschätzter Karrierefaktor.»

Rund 80 Prozent der Menschen hätten ein Schlafbedürfnis zwischen sieben und neun Stunden, erläuterte der Wissenschaftler. Schon eine Stunde zu wenig erhöhe beispielsweise das Unfallrisiko im Straßenverkehr um rund 30 Prozent. Menschen mit einer Schlafstörung bräuchten deutlich länger, um sich von einer Erkrankung zu erholen – sie seien daher im Durchschnitt länger krankgeschrieben als Kollegen mit gesundem Schlaf, ergänzte Weeß.

Unbehandelte Schlafkrankheiten kosteten die Wirtschaft einer europaweiten Studie zufolge erhebliche Summen, gab der Experte zu bedenken. Laut einer aktuellen Veröffentlichung beziffere sich der Schaden auf drei Prozent des Bruttoinlandprodukts – das seien allein für Deutschland mehr als 100 Milliarden Euro.

Litten Beschäftigte unter chronischen Schlafproblemen, folgten entweder Krankheitstage, weil sie sich nicht fit für den Job fühlten, oder die Menschen gingen müde zur Arbeit und seien nicht leistungsfähig, sagte Weeß. Besonders riskant ist das bei Tätigkeiten mit hoher Verantwortung, etwa im Pflegebereich, an Maschinen oder im Verkehr.

Der Schlaf- und Beatmungsmediziner Winfried Randerath kritisierte, dass es oft als besonders heldenhaft dargestellt werde, wenn jemand mutmaßlich mit wenig Schlaf auskommt. «Das Gegenteil ist der Fall.» Unter Schlafmangel würden eher keine guten Entscheidungen getroffen, sagte er auch mit Blick auf nächtliche Sitzungen von politischen Entscheidern.

Schlafapnoe-Patienten finden nur schwer Behandlungsplatz

Zu den häufigsten Schlafstörungen zählt Schlafapnoe. Dabei werden während des Schlafs die Atemwege wegen erschlaffter Muskulatur eingeengt – es kann zum Atemstillstand kommen, wie Randerath erklärte. Besonders gefährdet sind Patienten mit Übergewicht. Durch die Schlafapnoe drohten ernste Begleiterkrankungen etwa des Herz-Kreislauf-Systems, ergänzte der Arzt.

Allerdings würden Patienten oft nicht oder unzureichend betreut, da Behandlungsplätze fehlten. «Eine unbehandelte Schlafapnoe führt zu teuren Krankenhausaufenthalten und Unfällen», bekräftigte der Direktor des Instituts für Pneumologie an der Universität zu Köln. Hinzu komme der krankheitsbedingte Ausfall der Betroffenen in ihren Jobs.

Aber ab wann sind Schlafprobleme krankhaft? «Gelegentlich schlecht zu schlafen, das gehört zum Leben dazu», erläuterte Weeß. Vor allem in Phasen, in denen negative, aber auch positive Emotionen eine große Rolle spielten, könnten sie auftreten. «Wir sprechen immer dann von einer behandlungsbedürftigen Schlafstörung, wenn dreimal die Woche sowohl nachts als auch am Tage Probleme auftreten über einen Zeitraum von vier Wochen», sagte der Experte. «Dann sollte man den Hausarzt aufsuchen.»

Nach seiner Erfahrung haben die behandlungsbedürftigen Schlafstörungen in den zurückliegenden Jahren zugenommen – eine Steigerung sei etwa seit Ausbruch der Corona-Pandemie und des Ukraine-Krieges zu verzeichnen. Aktuell litten rund 10 Prozent der Bevölkerung an einer behandlungsbedürftigen Schlafstörung.

Schlafexperten beklagen Versorgungslücken

Schlafstörungen müssen nach den Worten von Randerath gezielter bekämpft werden. Dazu zähle auch, dass nach Betroffenen gesucht werden sollte, sagte er und schlug ein Schlafapnoe-Screening etwa von Adipositas- und Diabetespatienten vor.

Da die Vergütung für die Behandlung sehr «begrenzt» sei, seien Krankenhäuser und Arztpraxen bei dem Thema «wenig aktiv», gab Randerath zu bedenken. Aktuell gebe es wegen des geringen Angebots für Betroffene teils extrem lange Wartezeiten für eine Therapie – sie reichten von mehreren Monaten bis hin zu zwei Jahren.

Auch Weeß beklagte «große Lücken in der Versorgung» von krankhaften Schlafproblemen. Schlafmittel hätten in der Regel keine heilende Wirkung – sie bekämpften nur die Symptome, sagte er. Bei vielen Patienten könne dagegen eine Verhaltenstherapie helfen. Das gelte auch für Ältere und für Schmerzpatienten.

DGSM

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