Prognose
Studie: Mehr pflegende Erwerbstätige fehlen dem Arbeitsmarkt
Pflege alter Menschen
Die meisten Pflegebedürftigen werden daheim betreut. (Archivbild)
Christophe Gateau. DPA

Die meisten Pflegebedürftigen werden daheim betreut. Immer mehr pflegende Angehörige könnten künftig laut einer Prognose dem Arbeitsmarkt verloren gehen - vor allem Frauen.

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Gütersloh (dpa) - Eine steigende Zahl von pflegenden Angehörigen in den nächsten Jahren könnte sich laut einer Prognose spürbar negativ auf den Arbeitsmarkt auswirken. Eine Analyse der Bertelsmann Stiftung und des Forschungsinstituts Prognos geht davon aus, dass im Jahr 2045 geschätzt rund 229.000 Stellen gefährdet sein könnten. 

Wenn sich an der aktuellen Situation für die pflegenden Angehörigen nichts verbessere, werde die fortschreitende gesellschaftliche Alterung mit mehr Pflegebedürftigen dem Arbeitsmarkt immer stärker Erwerbspotenzial entziehen. Das hemme einerseits die berufliche Entwicklung der Betroffenen und trübe andererseits wohl auch die Wachstumsaussichten, prognostizierte die Stiftung.

Vor allem Frauen pflegen Angehörige daheim 

Von derzeit rund sechs Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland werden drei Viertel den Angaben zufolge von Angehörigen zu Hause betreut. Etwa 4,6 Millionen Menschen - 8,7 Prozent aller Personen im Erwerbsalter - leisteten derzeit diese Pflegearbeit. Die Zahl werde in den nächsten knapp 20 Jahren stark steigen: 2045 würden demnach schätzungsweise 13,3 Prozent der Bevölkerung im Erwerbsalter Angehörige pflegen, vor allem Frauen. 

Um Angehörige zu pflegen, reduzieren viele Menschen ihre Arbeitszeit oder unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit ganz. Frauen stellen derzeit fast zwei Drittel der Pflegenden - 63 Prozent seien es nach den aktuellsten Daten (2023) gewesen. Und ihr Anteil am geschätzten Erwerbsverlust werde wohl noch steigen, da Frauen besonders häufig sehr zeitintensiv pflegen, mit mindestens zehn Stunden pro Woche, wie Stiftungsexpertin Michaela Hermann erläuterte. 

Für das Jahr 2045 geht die Modellrechnung davon aus, dass voraussichtlich rund 580.000 Frauen wegen ihrer Pflegeverantwortung entweder weniger oder gar nicht erwerbstätig sein werden. Umgerechnet würde das laut Prognose einem Verlust von etwa 173.000 Vollzeitstellen - unter den angenommenen insgesamt 229.000 - entsprechen. 

Politik und Unternehmen in Verantwortung

Der wachsende Pflegebedarf dürfe nicht zu Rückschritten bei der Gleichstellung führen, mahnte Hermann. Die Politik sei gefordert, hieß es in Gütersloh. Aber auch den Unternehmen komme Verantwortung zu, Angehörige besser zu unterstützen. Dazu gehörten flexiblere Arbeitszeiten, Homeoffice-Möglichkeiten oder - bei Berufsunterbrechung - Hilfen beim Wiedereinstieg.

Der Sozialverband Deutschland SoVD zeigte sich alarmiert. Es brauche schnell eine grundlegende Reform, die eine bedarfsgerechte Pflegeleistung garantiere, Pflegebedürftige entlaste und pflegende Angehörige verlässlich unterstütze. Nötig seien eine nachhaltige Finanzierung und ein fairer Ausgleich zwischen privater und gesetzlicher Pflegeversicherung.

Die Stiftung Patientenschutz betonte, ohne die Angehörigen wäre die Pflege von Millionen Menschen daheim nicht möglich. «So wird das Pflegesystem jährlich um 206 Milliarden Euro mit steigender Tendenz entlastet. Es sind Zeit, Geld und Verzicht, die der größte Pflegedienst Deutschlands täglich erbringt», sagte Vorstand Eugen Brysch. Die Rentenversicherungsleistungen für pflegende Angehörige seien «lächerlich gering». Es sei Zeit, dass Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) in den anstehenden Reformen zeige, «was Würde wahrende Pflege heute wert ist.»

© dpa-infocom, dpa:261020-930-864420/2

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