Ukraine-Krieg
Moskaus Angriff hält Kiew in Atem
Ukraine-Krieg - Kiew
Russland hat die Ukraine in der Nacht zu Sonntag mit einem massiven kombinierten Angriff überzogen.
Zoya Shu. DPA

Historische Gebäude, Museen, und auch Studios deutscher Medien: Ein massiver russischer Angriff auf Kiew traf am Wochenende das Herz der Stadt. Wie verändert sich die Dynamik des Kriegs?

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Kiew (dpa) - Nach einem massiven kombinierten Angriff Russlands in der Nacht zu Sonntag laufen in der Ukraine die Aufräumarbeiten. Immer mehr Bilder von zerstörten Gebäuden in Kiew, dem Hauptziel der Attacke, werden veröffentlicht und verdeutlichen das Ausmaß. Russland hatte den Schlag angedroht als Vergeltung nach einem ukrainischen Angriff auf eine Berufsschule in der besetzten Stadt Starobilsk. Dabei setzte Moskau auch die gefürchtete neue Mittelstreckenrakete vom Typ Oreschnik ein.

Militärverwalter: größter Angriff seit Kriegsbeginn

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach am Montag von 87 Verletzten in Kiew, darunter drei Minderjährige. Rund 300 Objekte seien beschädigt worden, ein Großteil davon Wohnhäuser. 

Militärverwalter Tymur Tkatschenko sprach gemessen an der Zahl der beschädigten Orte vom größten Angriff Russlands seit Beginn der großangelegten Invasion. Russland habe erstmals gezielt historische Architektur und Gedenkstätten angegriffen, schrieb er bei Telegram. Beispielhaft nannte er unter anderem das Gebäude des Außenministeriums, das Tschernobyl-Museum und das Kunstmuseum.

Neben Dutzenden Verletzten gab es nach ukrainischen Angaben auch mindestens zwei Tote in Kiew. Viele Menschen konnten sich retten, wohl auch weil Selenskyj bereits am Vorabend des Angriffs vor einem massiven Schlag gewarnt hatte. Der Kiewer Außenminister Andrij Sybiha beantragte nach eigenen Angaben eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats und eine Zusammenkunft der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). 

Russland hatte nach Angaben der ukrainischen Luftstreitkräfte bei dem kombinierten Angriff 600 Drohnen und 90 Raketen und Marschflugkörper eingesetzt. Das Verteidigungsministerium in Moskau bestätigte zudem den Einsatz der wegen ihrer Zerstörungskraft besonders gefürchteten neuen Mittelstreckenrakete vom Typ Oreschnik. Nach ukrainischen Angaben schlug sie in der Großstadt Bila Zerkwa im Kiewer Gebiet ein. 

ARD und DW melden Schäden an Studios in Kiew

Auch Studios der ARD-Korrespondenten und der Deutschen Welle wurden stark beschädigt. In einer Mitteilung des WDR hieß es, wahrscheinlich habe eine Druckwelle durch die russischen Angriffe in dem zentral gelegenen ARD-Studio zu Verwüstungen geführt. Zum Zeitpunkt der Attacken habe sich niemand in dem Studio aufgehalten. Die Berichterstattung werde «mit mobilen technischen Lösungen und Ausweichmöglichkeiten weiter gewährleistet».

Auch die Deutsche Welle (DW), der Auslandssender der Bundesrepublik Deutschland, meldete Schäden in ihren Büroräumen. «Glücklicherweise befand sich während des Angriffs niemand im Studio. Trotz der schwierigen Nacht haben die Kolleginnen und Kollegen in Kyjiw am Morgen regulär ihre Schichten im Nachrichtenbetrieb aufgenommen», sagte Mykola Berdnyk, Leiter des DW-Büros in Kiew (auch Kyjiw).

Moskau: Vergeltung für Angriff auf Studentenwohnheim

Die russische Militärführung behauptete, dass unter anderem Ziele der ukrainischen Rüstungsindustrie, militärische Infrastruktur und Kommandostellen getroffen worden seien. Kremlchef Wladimir Putin hatte zuvor Vergeltung angekündigt für einen ukrainischen Drohnenangriff auf ein Wohnheim in der russisch besetzten Stadt Starobilsk im Gebiet Luhansk. 

Dabei waren Besatzungsbehörden zufolge 21 Menschen getötet worden. Verletzt wurden 65 Minderjährige, wie die staatliche russische Nachrichtenagentur Tass unter Berufung auf den von Moskau eingesetzten Verwaltungschef Leonid Passetschnik meldete. Die Opfer waren demnach zwischen 14 und 18 Jahre alt. Die Angaben lassen sich unabhängig nicht prüfen. Auf Antrag Russlands befassten sich die Vereinten Nationen damit.

Kiew warf Moskau Desinformation vor. In Starobilsk sei eine auf Drohnenangriffe gegen die Ukraine spezialisierte russische Militäreinheit Ziel gewesen.

Ukrainische Treffer bringen Moskau zunehmend in Bedrängnis

Kiews Gegenangriffe im seit mehr als vier Jahren andauernden russischen Angriffskrieg werden immer sichtbarer und bringen Moskau in Bedrängnis. Die Zahl der Opfer und das Ausmaß der Schäden durch russische Angriffe sind aber erheblich höher. Seit Monaten greift die Ukraine Raffinerien, Pumpstationen und Exporthäfen der russischen Ölindustrie an. Damit will sie den Treibstoffnachschub der russischen Armee stören und Moskaus Kriegskasse schmälern. 

In Moskau ist die Stimmung gedrückt. Die traditionelle Militärparade am 9. Mai ging zwar störungsfrei über die Bühne, aber Moskau war von US-Vermittlung für eine Waffenruhe und dem Stillhalten der Ukraine abhängig. Wenige Tage zuvor war eine ukrainische Drohne durch die Moskauer Flugabwehr gelangt und in ein Hochhaus eingeschlagen - nur etwa sechs Kilometer vom Roten Platz entfernt. Bei einem weiteren Gegenangriff vor etwas mehr als einer Woche gab es Tote in der Region Moskau.

Selenskyj sieht eine veränderte Dynamik zugunsten der Ukraine. «Wir schicken den russischen Angriffskrieg zurück nach Hause, an den einzigen Ort, von dem aus der Krieg gekommen ist», sagte er kürzlich. 

Verhandlungen liegen auf Eis

Der von Putin befohlene Angriffskrieg steckt fest, die versprochenen Erfolge bleiben aus; es regt sich erste Kritik am Kremlchef. Gleichzeitig gibt es auch bei Verhandlungen keine Bewegung. Zuletzt vermittelte Washington, doch die Gespräche liegen auf Eis. Russland beharrt auf seinen Maximalzielen. Dazu gehört auch, dass Kiew seine Armee aus den bislang nicht von Russland eroberten Gebieten im Donbass abzieht. Kiew lehnt das ab.

Nach Meinung vieler Beobachter setzen beide Seiten auf Kampf und Sieg. Ein schnelles Ende des Kriegs ist nicht zu erwarten.

© dpa-infocom, dpa:260525-930-125947/2

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