Ex-Ministerpräsident gestorben
Zhu Rongji trieb Chinas Umbau zur Marktwirtschaft voran
Gerhard Schröder und Zhu Rongji
Unter Ex-Ministerpräsident Zhu Rongji läutete China seinen wirtschaftlichen Aufstieg ein. (Archivbild)
picture-alliance. DPA

Der frühere Regierungschef, Zentralbanker und KP-Kader stellte die entscheidenden Weichen für Chinas wirtschaftlichen Aufstieg. Seine ehrgeizigen Reformen wirken bis heute fort.

Lesezeit 3 Minuten

Peking (dpa) - Selbst Jahrzehnte nach seiner aktiven Politik-Karriere ist das Wirken von Zhu Rongji in China noch immer zu spüren. Der frühere Ministerpräsident, Zentralbanker und hochrangige Kader der Kommunistischen Partei trug entscheidend dazu bei, dass die Volksrepublik heute die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ist. Chinas Umbau zu einer Marktwirtschaft und der Eintritt in die Welthandelsorganisation (WTO) gehören zu seinem Vermächtnis.

Nun ist der Reformer im Alter von 97 Jahren in Peking gestorben. Viele Weggefährten, darunter der einstige US-Außenminister und China-Kenner Henry Kissinger oder Altbundeskanzler Helmut Kohl, schätzten Zhu. Für ein 2015 erschienenes Buch von Zhu schrieben beide das Vorwort.

Eine schmerzhafte Transformation

In Chinas Wirtschaft sind Zhus Spuren noch heute erkennbar. Ab Beginn der 1990er Jahre stemmte er sich als Vize-Ministerpräsident und Zentralbanker gegen die grassierende Inflation. Mit seinem lösungsorientierten Vorgehen machte er sich in Peking einen Namen. 1998 erhob ihn die Partei zum Ministerpräsidenten. In seiner Amtszeit bis 2003 privatisierte er das staatliche Wohnungswesen und startete ehrgeizige Reformen in der Regierung, im Finanzwesen und in den Staatsbetrieben. 

Zhu galt stets als Pragmatiker. Allerdings war er auch berüchtigt für seine Ungeduld. Er hatte keine Zeit für höfliches Gerede, sondern kam sofort zur Sache. Durch die Veränderungen in Chinas Wirtschaft verloren Millionen Arbeiter ihre Jobs. Der Umbau von der Staats- zur Marktwirtschaft, vom Versorgungs- zum Leistungsprinzip war schmerzhaft.

Zhu, der Macher

Um viele Projekte kümmerte er sich persönlich. Zhu sei ein Mann gewesen, der nicht nur über Dinge nachgedacht habe, sondern auch darüber, wie er diese erledigen könne, sagte der Politologe und China-Kenner Kenneth Lieberthal 2013. «In diesem Sinne hat er China wirklich verändert», erklärte der US-Experte - vor allem mit Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation 2001. Die Aufnahme zog enorme Investitionen aus dem Ausland nach China und markierte den Beginn eines rasanten Wirtschafts- und Außenhandelswachstums, mit dem das Land über die folgenden Jahre zu einer Handelsgroßmacht aufstieg.

Wie viele hochrangige Parteikader hatte Zhu einen langen und steinigen Aufstieg hinter sich. 1928 wurde er in der zentralchinesischen Provinz Hunan in Changsha geboren. Seinen Vater lernte er nie kennen, die Mutter starb früh. Mit der Gründung der Volksrepublik China 1949 durch Revolutionsführer Mao Zedong trat Zhu in die Kommunistische Partei (KP) ein. Nach seinem Studium der Elektrotechnik an der Elite-Universität Tsinghua in Peking begann er seine Karriere in der staatlichen Planungskommission. 

Karriere mit Rückschlägen

Ende der 1950er Jahre geriet Zhu ins Visier der Partei: Als er Maos Wirtschaftspolitik kritisierte, wurde er als Rechtsabweichler gebrandmarkt, aus der Partei ausgeschlossen und aufs Land geschickt. Während Maos Kulturrevolution widerfuhr ihm erneut ein ähnliches Schicksal. «Diese Erfahrung war für mich sehr lehrreich, aber auch nicht sehr angenehm», antwortete er bei einer Pressekonferenz 1998 einem US-Journalisten. 

Doch Zhu fand den Weg zurück in die Politelite. In den 1980er Jahren genehmigte er in der Wirtschaftskommission Auslandsinvestitionen und war an der Planung der Industriestrategie beteiligt. Chinas großer Reformer Deng Xiaoping wurde auf ihn aufmerksam und machte ihn im April 1988 zum Bürgermeister der ostchinesischen Finanzmetropole Shanghai. Ein Jahr später sorgte die Niederschlagung der Demokratiebewegung mit dem Massaker am Tiananmen-Platz in Peking für weltweites Entsetzen über die kommunistische Führung. Zhu schaffte es in Shanghai dagegen, die Lage durch Zurückhaltung zu entschärfen.

Ruhestand im Verborgenen

Zhus Ernennung zum stellvertretenden Ministerpräsidenten im April 1991 verlieh seiner Karriere dann einen entscheidenden Schub. Bereits ein Jahr später stieg er in das zentrale Machtorgan der KP auf, den mächtigen Ständigen Ausschuss des Politbüros. Im Juli 1993 übernahm er die Zentralbank und bremste die galoppierende Inflation. Auf dem 15. Parteitag 1997 rückte er zur Nummer drei der Machthierarchie auf. 

Wie üblich für hochrangige Kader der KP zog sich Zhu nach seiner aktiven Karriere aus dem Rampenlicht zurück. Zu seinen seltenen Auftritten in der Öffentlichkeit gehörten Besuche an der Tsinghua-Universität. Den Studenten dort gab er laut Medienberichten jenen Rat mit auf den Weg, der ihn bei seiner Amtsübernahme 1998 antrieb: «Egal, was vor euch liegt, seien es Minenfelder oder tiefe Abgründe, man sollte ohne zu zögern vorangehen und sich bis zum Ende des Tages dafür einsetzen.»

© dpa-infocom, dpa:260812-930-518716/2

Ressort und Schlagwörter

Politik

Top-News aus der Region