Menschenrechtsverletzungen
Analysen: Moskau hat Nawalny mit Nervengift getötet
62. Münchner Sicherheitskonferenz
62. Münchner Sicherheitskonferenz
Kay Nietfeld. DPA

Kremlkritiker Nawalny starb vor zwei Jahren in einer Strafkolonie. Die Behörden sprachen von einer natürlichen Todesursache. Deutschland und andere Europäer berichten nun etwas ganz anderes.

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München (dpa) - Der vor zwei Jahren in russischer Haft gestorbene Alexej Nawalny ist Analysen zufolge mit einem starken Nervengift getötet worden. Außenminister Johann Wadephul (CDU) und seine Kolleginnen und Kollegen aus Großbritannien, Frankreich, Schweden und den Niederlanden beschuldigten Russland, den Kremlkritiker umgebracht zu haben. Die Witwe Julia Nawalnaja sagte bei einem Auftritt am Rande der Sicherheitskonferenz in München, nun habe man den Beweis, dass Kremlchef Wladimir Putin ein Mörder sei.

Nawalnaja hatte bei einem aufsehenerregenden Auftritt auf der Münchner Sicherheitskonferenz vor fast genau zwei Jahren angesichts der Berichte über den Tod ihres Mannes zum Kampf gegen den russischen Machtapparat von Putin aufgerufen. 

Wadephul sagte, nun wisse man: «Alexej Nawalny wurde in russischer Gefangenschaft vergiftet.» Seine sterblichen Überreste hätten ein besonders starkes Nervengift, Epibaditin, enthalten. Die Wirkung des im Hautdrüsensekret von Baumsteigerfröschen in Ecuador, sogenannten Pfeilgiftfröschen, vorkommenden Giftes sei 200 Mal so stark wie Morphium. «Es lähmt die Atemmuskulatur, die Opfer ersticken qualvoll», sagte Wadephul.

Was ist Epibatidin?

Epibatidin ist ein Nervengift. Die hochgiftige Substanz wurde vor Jahrzehnten im Hautdrüsensekret bestimmter Pfeilgiftfrösche entdeckt. Inzwischen lässt sich der Giftstoff im Labor herstellen. Am effektivsten wirkt eine solche Substanz bei Injektion ins Blut, ist aber auch bei oraler Aufnahme - also bei Verschlucken - wirksam. Der Tod tritt durch Atemstillstand ein.

Wadephul: Russland hat seine hässliche Fratze gezeigt

«Niemand außer Putins Schergen wird uns sagen können, wie dieser 16. Februar 2024 in der russischen Strafkolonie im Einzelnen abgelaufen ist», sagte Wadephul. «Klar ist: Die russischen Behörden hatten die Möglichkeit, das Motiv und die Mittel, Nawalny das Gift zu verabreichen.» Nawalny sei nicht nur das mutige Gesicht der russischen Opposition gewesen, sondern schon einmal das Opfer eines hinterhältigen Giftanschlags. Anschließend war er in der Berliner Charité behandelt worden und kehrte trotz allem danach nach Russland zurück.

Auf die Frage einer Journalistin, warum die Analysen, an denen auch Frankreich teilgenommen hatte, so lange gedauert hätten, sagte Wadephul, es sei ein kompliziertes Verfahren gewesen, das mit verschiedenen europäischen Partnern habe abgestimmt werden müssen. Mit Blick auf jene in der deutschen Politik, die von der Bundesregierung immer wieder Gespräche mit Russland forderten, sagte der Minister: «Wir sind bereit, mit Russland zu sprechen, aber Russland hat seine hässliche Fratze hier gezeigt». 

Wadephul kritisierte, Putin seien auch seine Verpflichtungen nach dem Chemiewaffenübereinkommen völlig egal. Die Vergiftung Nawalnys müsse Folgen haben, forderte er. Darum müsse es jetzt in den zuständigen Gremien gehen. Deshalb habe man auch den Generaldirektor der Organisation für das Verbot chemischer Waffen über die Erkenntnisse informiert.

Nawalnaja: Hoffe, dass Putin irgendwann auf Anklagebank landet

Nawalnaja sagte, schon vor zwei Jahren sei sie sich sicher gewesen, dass ihr Mann ermordet worden sei. «Was sonst hätte mit einem jungen, charismatischen Oppositionsführer in Putins Gefängnis passieren können?» Es sei sicher keine Neuigkeit, dass der Kremlchef ein Mörder sei. «Aber jetzt haben wir noch einen direkten Beweis dafür. Und ich hoffe sehr, dass er irgendwann auf der Anklagebank landet und sich für alles, was er getan hat, verantworten muss», sagte sie in einer teils auf russisch gehaltenen Rede.

In einem Interview des Nachrichtenportals «Politico» forderte Nawalnaja, Putin endlich wie einen «ganz normalen Diktator» zu behandeln. Er habe damit angefangen, Geld von seinem Volk zu stehlen, zu zensieren und Gegner zu unterdrücken. Zuletzt habe er dann den Krieg gegen die Ukraine begonnen und angefangen, seine politischen Gegner zu töten. «Er macht also, was jeder Diktator macht. Deshalb müssen wir uns ihm gegenüber auch so verhalten.»

Tod in Strafkolonie nördlich des Polarkreises

Nawalny galt als der prominenteste Gegner von Putin in Russland, auch weil er immer wieder Korruptionsfälle innerhalb der Elite um den Kremlchef aufdeckte. 2020 wurde er vergiftet und im Koma liegend nach Deutschland ausgeflogen, wo er in der Berliner Charité behandelt wurde. Die russischen Behörden nahmen den Politiker im Januar 2021 bei seiner Rückkehr in die Heimat noch auf dem Flughafen fest - zunächst wegen des angeblichen Verstoßes gegen frühere Bewährungsauflagen. 

Später verurteilten russische Gerichte Nawalny zu langen Haftstrafen - unter anderem wegen Extremismus. Im Gefängnis wurde er stark von der Außenwelt isoliert. Am 16. Februar 2024 starb er in einer Strafkolonie nördlich des Polarkreises. Zum Todeszeitpunkt war er 47 Jahre alt - die russischen Behörden sprachen von einer natürlichen Todesursache. 

Großbritannien: Moskau muss zur Rechenschaft gezogen werden

Die britische Außenministerin Yvette Cooper sagte, man könne bestätigen, dass im Körper von Nawalny ein tödliches Gift gefunden worden sei, das in ecuadorianischen Pfeilgiftfröschen vorkomme. Sie zitierte Nawalnys Worte: «Wir müssen das tun, was sie fürchten. Sagt die Wahrheit, verbreitet die Wahrheit. Das ist die mächtigste Waffe.»

Die schwedische Außenministerin Maria Stenergard sprach von einem Schritt von größter Wichtigkeit, um Russland zur Rechenschaft zu ziehen und seine fortwährenden Lügen aufzudecken. Der niederländische Außenminister David van Weel sagte, die gute Nachricht sei, dass die Wahrheit immer ans Licht komme. Die Mühlen der Gerechtigkeit mahlten zwar vielleicht langsam, aber entschlossen für Nawalny.

© dpa-infocom, dpa:260214-930-686927/4

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