Tiere
Wie ein kleiner Affe zum Meme-Phänomen wird
Affe «Punch»
Der Affe Punch in Japan bewegt mit seinem Stoffaffen die Menschen weltweit.
@ichikawa_zoo. DPA

Verstoßen von seiner Mutter, findet der Affenjunge Punch in Japan Trost bei einem Stofftier – und wird zur Identifikationsfigur für viele Menschen weltweit. Punch-Memes gehen viral.

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Tokio (dpa) – Es ist eine Geschichte, die Millionen Menschen in aller Welt zu Tränen rührt: Das Schicksal des kleinen Japanmakaken mit dem Namen Punch, der in einem Zoo nahe Japans Hauptstadt Tokio nach der Geburt von seiner Mutter verstoßen wurde und Trost bei einem Spielzeug-Orang-Utan findet. Herzzerreißende Videos des kleinen Affenjungen, wie er von anderen Makaken im Gehege gejagt wird und dabei sein Stofftier hinter sich her zerrt, gehen viral – und haben Punch in unzähligen Memes zum Sinnbild für die Krisen unserer Zeit, für Vereinsamung, aber auch für Widerstandskraft gemacht.

Ein Stofftier als Ersatzmutter

Die Pfleger im Ichikawa City Zoo vermuten, dass Punchs Mutter durch die enorme Sommerhitze mit ihrer ersten Geburt überfordert war. In solchen Situationen priorisieren Muttertiere oft das eigene Überleben.

Affen klammern sich kurz nach der Geburt an das Fell ihrer Mutter, um Geborgenheit zu finden und Muskeln aufzubauen. Da Punch diese Möglichkeit nicht hatte, versuchte man es mit Alternativen wie zusammengerollten Handtüchern. Doch Punch entschied sich für einen Stoff-Orang-Utan aus Ikeas «Djungelskog»-Tierserie.

Seit der Zoo Punch kürzlich mit seinem Plüschtier auf X vorstellte, geht der Hashtag «#HangInTherePunch» und seine japanische Entsprechung viral. Frühe Aufnahmen zeigen, wie Punch von anderen Makaken weggestoßen oder aggressiv im Kreis herum geschleift wird, bevor er hinter einen Felsen rennt und sich an sein Stofftier klammert.

Doch dann sorgten Videos, in denen ein anderer Affe Punch tröstet und ihn putzt, in der Netzwelt für Erleichterung. Inzwischen lässt Punch öfter mal seine Ersatzmama liegen, um mit anderen zu spielen.

«Wir sehen uns in Punch selbst»

«Unser Ziel ist es, dass er in einer Gruppe lebt», erklärt Takashi Yasunaga, für den Zoo zuständiger Leiter bei der Stadtverwaltung von Ichikawa, der Deutschen Presse-Agentur in Tokio. «Ich glaube, er ist auf dem besten Weg dorthin».

Was manche in den sozialen Medien als Mobbing ansehen, ist laut Experten ganz normales Verhalten unter Makaken. Doch viele deuten in die Videos ein Verhalten, das sie aus ihrem eigenen Leben kennen. «Wenn wir Punch sehen, sehen wir nicht nur einen Affen», schreibt ein User auf Instagram.

«Wir sehen uns selbst. Die Momente, in denen wir uns klein, verängstigt und missverstanden fühlen. Die Momente, in denen wir uns an Trost, Liebe und Hoffnung klammern. Wir sehen Widerstandsfähigkeit, Neugier und den nötigen Mut, um weiterzumachen», schreibt der Instagram-Nutzer weiter und drückt damit aus, was Millionen andere in den sozialen Medien fühlen und denken.

«Wenn wir sehen, wie Punch Zuflucht in seinem Plüschtier findet, werden wir daran erinnert, dass Trost manchmal nicht nur ein „Luxus“ ist, sondern der einzige Ort, an dem sich die Welt wieder sicher anfühlt», schreibt ein anderer und drückt damit den allgemeinen Weltschmerz in Zeiten von Krieg und Krisen aus. Dass Punch auch in Japan viral geht und sich viele mit ihm verbunden fühlen, verwundert nicht. In dem Inselreich, dessen Bevölkerung so rasant überaltert wie kaum ein anderes, leiden viele Menschen unter Einsamkeit.

Was Punch mit einem Pinguin verbindet

Oft wird Punch in einen Zusammenhang mit dem einsamen Pinguin gestellt, der begleitet von Werner Herzogs melancholisch-rauer Stimme nicht mit seinen Artgenossen Richtung Wasser wandelt – sondern alleine in Richtung der weit entfernten Berge zieht. Videos mit einem Ausschnitt aus Herzogs Dokumentation «Begegnungen am Ende der Welt» von 2007 gingen im Januar ebenfalls viral. Ähnlich wie Punch wird der Pinguin in den sozialen Medien für seine Entschlossenheit und Einstellung, seinen Weg zu gehen, bewundert.

«Das Interesse an vielen dieser Tiergeschichten hat damit zu tun, dass sie sich leicht uminterpretieren lassen. Tiergeschichten sind einfach – man muss nicht nach dem Warum fragen, man hat eine grundlegende Sympathie, für die es keine weitere Recherche braucht», erklärt der Philosoph Kai Denker, der sich mit Meme-Forschung befasst, im dpa-Gespräch. «Die Geschichten machen es durch die Komplexitätsreduktion leicht, Empathie zu empfinden. Es ist eine Art Wohlfühlregion – das kann dann auch eine Art Eskapismus sein», sagt er.

«Viele sind leicht übersetzbar in Heldengeschichten, in denen das Dramadreieck aus Held, Täter und Opfer zu finden ist. Hier ist Punch das Opfer, der andere Affe der Täter. Es waren zum Beispiel Kraftsportler zu sehen, die sich damit motivieren, zu trainieren, um Punch zu verteidigen», erläutert Denker.

Ein Meme auf X zeigt in Anlehnung an den Science Fiction-Film «Planet der Affen» einen grimmigen Affen mit Gewehr und einem Stofftier-Orang-Utan im Arm – und will damit suggerieren: Im Jahr 2030 wird Punch Rache nehmen.

© dpa-infocom, dpa:260227-930-742764/1

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