Gewaltverbrechen in Polen
Tödliche Attacke in Krakau - Justiz ermittelt wegen Terrors
Schüsse in Krakau
Der Schock in Krakau ist nach der Tat groß.
Beata Zawrzel. DPA

Solch einen brutalen Anschlag habe Polen noch nie erlebt, sagt Ministerpräsident Tusk. In der Touristenstadt Krakau erschießt ein Mann sechs Menschen. Sein genaues Motiv ist noch unklar.

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Krakau (dpa) - Polen steht nach einer verheerenden Schusswaffenattacke in der Touristenhochburg Krakau unter Schock - und sucht Antworten. Sechs Menschen werden auf dem Marktplatz von Krakau (Krakow) erschossen, drei weitere Tote in der Kleinstadt Ostrowiec Swietokryzskie gefunden. Wegen der Schwere des Verbrechens in Krakau, begangen mutmaßlich durch einen 24-jährigen Polen, ermittelt die Staatsanwaltschaft des Landes wegen Terrorismus.

«Bis jetzt hatten wir in Polen noch keinen so drastischen Fall von Terrorismus, denn so muss man diesen brutalen Angriff auf lebende Menschen in Krakau nennen», sagte Regierungschef Donald Tusk. Der Täter soll «sehr radikale Ansichten» vertreten haben, wie Innenminister Marcin Kierwinski sagte. Es gebe Anzeichen, dass er von rechtsextremistischen Ideologien fasziniert gewesen sei.

Umgestürzte Tische, flüchtende Menschen

Der Schütze hatte am Samstag aus einem Auto heraus das Feuer eröffnet und wahllos auf Passanten auf dem Marktplatz der zweitgrößten Stadt Polens geschossen. Augenzeugen berichteten von beängstigenden Szenen auf dem Hauptmarkt (Rynek Glowny). Aufnahmen von der Tat und panisch flüchtenden Menschen machten in sozialen Medien schnell die Runde.

«Im ersten Moment hat großes Chaos geherrscht. Die Menschen haben begonnen, sich hektisch zu bewegen, ich habe umgestürzte Tische gesehen», sagte eine Person dem TV-Sender Polsat News. «Plötzlich ist ein Auto herangefahren, und ein Mann hat begonnen, aus dem Fenster des Wagens zu schießen», berichtete ein anderer Augenzeuge.

Justiz ermittelt wegen Terror-Verdachts

In Polen herrschte landesweite Staatstrauer. Ermittelt werde wegen der Tötung von sechs Personen sowie des versuchten Mordes an zahlreichen weiteren, «wobei diese Tat einen terroristischen Charakter aufwies», teilte die Staatsanwaltschaft auf der Plattform X mit. Die Ermittler sprachen nicht ausdrücklich von einem politischen Motiv. 16 Menschen wurden verletzt - darunter der Täter und zwei Polizisten - einige von ihnen lebensgefährlich. 

Zugleich werde wegen der Tötung von drei Personen in Ostrowiec Swietokrzyski ermittelt, teilte die Staatsanwaltschaft mit. In der Stadt zwei Fahrtstunden nordöstlich von Krakau wurden im Wohnhaus der Familie Vater, Mutter und Schwester des Schützen tot und mit Schussverletzungen aufgefunden. Das Beweismaterial deute darauf hin, dass diese Taten von derselben Person begangen wurden, hieß es.

Angriff traf auch Ausländer: Person aus Deutschland verletzt

Der Marktplatz in der Unesco-Welterbestadt Krakau mit den Renaissance-Tuchhallen und dem Rathausturm zieht Touristen aus aller Welt an. Auch mehrere Ausländer zählen zu den Opfern. Von den sechs Todesopfern stammten vier aus Polen und eins aus Großbritannien, teilte die Polizei mit. Auch eine Österreicherin sei bei dem Anschlag ums Leben gekommen, schrieb Österreichs Außenministerin Beate Meinl-Reisinger bei X. Das Alter der Toten lag nach Angaben der Woiwodschaft Kleinpolen zwischen 32 und 61 Jahren.

Fünf Personen aus Deutschland, Großbritannien, Portugal, Österreich und Russland seien verletzt worden. Aus dem Auswärtigen Amt hieß es auf Anfrage, man könne bestätigen, dass bei dem Angriff eine Person mit deutscher Staatsangehörigkeit verletzt worden sei. 

Traditionelles Trompetensignal verstummte

Das berühmte Krakauer Trompetensignal «Hejnal», das zur vollen Stunde vom Turm der Marienkirche ertönt, verstummte - als Zeichen der Trauer nach dem Anschlag. Laut Medienberichten war es die erste Unterbrechung seit 1939. Unter den Verletzten waren mehrere Droschkenkutscher, die mit ihren Pferden auf Fahrgäste für eine Stadtrundfahrt warteten. 

Der Polizei zufolge verwendete der Täter eine halbautomatische Langwaffe, ähnlich einem Sturmgewehr vom amerikanischen Typ AR-15. Er habe militärähnliche Tarnkleidung getragen. In seinem Auto seien viele weitere Waffen und Munition gefunden worden. Nach Informationen der Zeitung «Fakt» soll der Täter über eine Waffenbesitzkarte verfügt haben, ebenso wie sein Vater.

Fluchtversuch endet mit Unfall und Schießerei

Medienberichten zufolge stieß der Schütze auf der Flucht vom Tatort an einer Kreuzung mit einem anderen Auto zusammen. Daraufhin sei er aus seinem Auto gesprungen und habe auf die Einsatzkräfte geschossen. Diese hätten das Feuer erwidert und den Täter getroffen, der überwältigt werden konnte und ins Krankenhaus gebracht wurde. 

Die «blitzschnelle Reaktion» der Polizei habe ein noch größeres Massaker verhindert, sagte Innenminister Kierwinski. Die Beamten hätten innerhalb von drei Minuten nach der ersten Alarmierung schon Schüsse auf den Angreifer abgegeben. Zwei Polizisten, die den Täter stoppten und dabei schwer verletzt wurden, wurden als Helden gefeiert. Polizei und Militär riefen zu Blutspenden für einen von ihnen auf, weil dieser die seltene Blutgruppe AB Rhesus+ habe. 

Vereinzelt gab es aber auch Kritik, dass der öffentliche Platz nicht besser gegen Fahrzeugattacken gesichert war. Ein Sicherheitsexperte verortete gegenüber der Agentur PAP Nachholbedarf. Breslau (Wroclaw) kündigte Zufahrtskontrollen zu seinem Marktplatz an. In Warschau wurden Betonsperren aufgestellt.

Drohne entdeckt drei Tote im Haus des Schützen 

Welche Dimensionen das Gewaltverbrechen hat, wurde erst nach und nach klar. Einsatzkräfte wagten es zunächst nicht, das Wohnhaus des Schützen zu betreten. Wegen des Verdachts, dass sich dort Sprengsätze befinden könnten, wurden mit Hilfe einer Drohne Aufnahmen gemacht, auf denen die drei Toten zu sehen waren.

© dpa-infocom, dpa:261108-930-961660/8

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